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Kultur Welfenschatz: Kampf um Kunst
Nachrichten Kultur Welfenschatz: Kampf um Kunst
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18:16 09.12.2013
Von Johanna Di Blasi
Aus Holz und Gold und Walrosszahn: Ein Kuppelreliquiar (Ausschnitt) aus dem Jahr 1200 – und weitere wertvolle Stücke aus dem Welfenschatz. Quelle: bpk
Hannover

Der Welfenschatz ist einer der bedeutendsten mittelalterlichen Kirchenschätze und für Deutschland von nationalem Wert. 1929 verkaufte ihn das in Liquiditätsengpässe geratene Welfenhaus an ein Händlerkonsortium. Das war wenige Wochen vor dem „Black Friday“ und dem Ausbruch der Weltfinanzkrise. Binnen kürzester Zeit geriet das Konsortium in Schwierigkeiten. Um Kredite bedienen zu können, akzeptierten die Kunsthändler 1935 schließlich einen Verkaufspreis von 4,25 Millionen Reichsmark für die Hälfte des 82-teiligen Schatzes. Sechs Jahre davor hatten sie 7,5 Millionen Reichsmark für den Erwerb des Gesamtbestandes ausgegeben.

Der Welfenschatz ist in Jahrhunderten für den Braunschweiger Dom zusammengetragen worden. Er befand sich in der Kapelle des Leineschlosses in Hannover und kurze Zeit im „Königlichen Welfenmuseum“ - bis das Königreich Hannover unterging und Georg V. die Objekte mit ins ausländische Exil nahm.

40 Stücke konnte das Konsortium seinerzeit in den USA verkaufen. Einige Hauptwerke gingen ans Cleveland Museum of Art und an das Art Institute of Chicago. Kleinere Objekte sicherten sich amerikanische Milliardäre, der Schatz aus vergoldeten Fingerkuppen und mit Edelsteinen besetzten Relikten aber erwies sich als schwer verkäuflich.

Die 40 Objekte, die 1935 vom Staat Preußen unter Hermann Göring mit einigem Pathos für das deutsche Reich „gerettet“ worden waren, darunter das Welfenkreuz und der Eilbertus-Trag- altar, sind heute die Hauptattraktion der Mittelaltersammlung des Kunstgewerbemuseums in Berlin. Deswegen ist die Anspannung nachvollziehbar, mit der nicht nur die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf die kommende Sitzung der Limbach-Kommission blickt. Diese tagt am 15. Januar zum Welfenschatz. Womöglich könnte der Fall das nächste große Kunstrestitutionsthema nach der Causa Gurlitt werden. Die Sache steht und fällt mit dem noch nicht restlos erforschten Umstand, ob dem Käuferkonsortium auch jüdische Händler angehörten, die durch die NS-Rassenpolitik beim Welfenschatz-Geschäft zu Schaden kamen.

Die Ethikkommission, der unter anderem Rita Süssmuth angehört, hat bei Streitfällen um die „Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter“ beratende Funktion inne. Aufgrund der moralischen Dimension des Themas ist, was sie rät, aber mehr oder weniger als bindend anzusehen. Die Kommission wird angerufen, wenn Streitparteien keine einvernehmliche Lösung finden.

Die Jewish Claims Conference hat sich bislang bei dem Thema zurückgehalten. Ein Schreiben der israelischen Kulturministerin Limor Livnat an Bernd Neumann aber hat es gegeben und auch einen Austausch der Außenminister. Die israelische Seite mahnt zur Einhaltung der „Washingtoner Prinzipien“, die „faire und gerechte Lösungen“ beim Umgang mit „NS-verfolgungsbedingt entzogenen“ Kulturgütern vorsehen. Dadurch wurde das Thema bereits auf eine politische Ebene gehoben.

Wert von mindestens 100 Millionen Dollar

Einen komplizierteren Fall habe man nie zuvor bearbeitet, sagen die Provenienzforscher der Preußenstiftung. Gleich aus mehreren Gründen ist der Fall schwierig und singulär: Es handelt sich um ein ungewöhnlich wertvolles Konvolut. Experten schätzen den Wert auf mindestens 100 Millionen Dollar. Auch die Summe des damaligen Kaufpreises von 4,25 Millionen Reichsmark war enorm. Durchschnittseinkommen lagen 1935 bei 1200 Reichsmark. Dass von NS-Deutschland ein solch hoher Preis überhaupt gezahlt wurde, hat womöglich mit einer weiteren Besonderheit des Falles zu tun: Die Schätze lagerten zum Verkaufszeitpunkt in Amsterdam und waren somit dem Zugriff des deutschen Staates entzogen.

Nach mehrjähriger Forschung ist die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) zu dem Schluss gelangt, dass damals ein „angemessener“ Preis vereinbart und auch bezahlt worden sei, zum Teil in Form wertvoller Kunstwerke aus Berliner Museen. Saemy Rosenberg, Isaac Rosenbaum und Max Hackenbroch - die Vertragsunterzeichner - hätten inflationsbedingt „etwa 90 Prozent des Ankaufpreises von 1929“ erhalten - und sich seinerzeit sehr zufrieden gezeigt.

An der Angemessenheit des Kaufpreises zweifeln hingegen die Erbenanwälte. Es habe keineswegs nur einen einzigen Kaufinteressierten gegeben, wie die SPK argumentiere. Vielmehr habe es mit der Stadt Hannover sehr wohl mindestens einen ernsthaften weiteren Interessenten für den Welfenschatz gegeben.

Im Stadtarchiv Hannover findet sich tatsächlich ein Hinweis, dass der später als Widerstandskämpfer hingerichtete Finanzminister Johannes Popitz dem damaligen hannoverschen Oberbürgermeister Arthur Menge nahelegte, sich mit Erwerbsinteressen zurückzuhalten, „um die Preise nicht in die Höhe zu treiben“. In einem Schreiben des Reichswissenschaftsministers an Menge heißt es wenig später sogar: „Ich muss Sie dringendst darauf hinweisen, dass jede weitere Befassung mit der fraglichen Kunstangelegenheit seitens Ihrer Person unterbleiben muss. Andernfalls sind nachteilige Folgen nicht nur für Hannover, sondern auch für die ganze Angelegenheit unausbleiblich.“

Wer steckte hinter dem anonymen Konsortium?

Dagegen stehen Recherchen der Stiftung SPK, die in Hannover keine Hinweise gefunden hat, dass ernsthaft versucht worden wäre, die nötigen Millionen für den Welfenschatz tatsächlich zusammenzubekommen. Nach Angaben der Anwälte könne zudem ein verfolgungsbedingter Verlust aller Eigentümer des Welfenschatzes nicht „pauschal“ ausgeschlossen werden. In der Tat, und das macht diesen Fall besonders kompliziert, ist die Eigentümerfrage obskur. Selbst bei den genannten Vertragsunterzeichnern mit dem Welfenhaus ist nicht klar, inwieweit diese selbst Anteilseigner waren und inwieweit sie nur treuhänderisch tätig waren.

Schon die Welfen hatten seinerzeit gerätselt, wer hinter dem anonymen Konsortium steckte. In der Präambel des Geschäftsvertrags von 1929 ist nur festgehalten, dass „in- und ausländische Geschäftspartner“ beteiligt sind. Da, um einen so großen Schatz zu erwerben, sich vermutlich sogar viele zusammengetan haben, müsste der Konsortiumsvertrag in mehreren Kopien bestehen. Dass ein solcher nicht aufgetaucht ist, öffnet daher Raum für Spekulationen. Es waren neue Erkenntnisse in der Eigentümerfrage, die bereits zur Vertagung einer Empfehlung der Limbach-Kommission auf Januar geführt haben. Hinter den drei jüdischen Vertragsunterzeichnern von 1935, deren Erben bereits 2008 ein Restitutionsbegehren an die SPK gestellt hatten, tauchte inzwischen mindestens ein weiterer Miteigentümer namentlich auf, nämlich der jüdische Juwelier Hermann Netter.

Netters Anteil, das gilt inzwischen als erwiesen, betrug 25 Prozent. Monika Tatzkow, die sich als Restitutionsforscherin mit dem Fall beschäftigt, und die Dresdener Anwälte Rudolph/von Clausbruch, die die Netter-Erben vertreten, raten der Limbach-Kommission zu einer neuerlichen Vertagung. Bevor nicht „alle potenziellen Anspruchsberechtigten sowie deren einzelne Verfolgungsschicksale“ bekannt seien, könne gar keine „angemessene Empfehlung“ ausgesprochen werden. Tatzkow sagt, dass womöglich sogar ein Anteil von 50 Prozent auf Antragsteller entfallen könnte, die noch nicht einbezogen sind. Bezogen auf Netter bestreiten die Erbenanwälte, dass dieser den Kaufpreis zur freien Verfügung erhalten hat. Es sei bisher nicht einmal nachgewiesen, dass ihm sein Anteil je zugeflossen sei. Ob zu restituieren ist und gegebenenfalls an wen - das sind die offenen Fragen, vor denen die Ethikkommission steht.

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