Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Matinee der Unterforderung

„Weltausstellung Prinzenstraße“ mit Heribert Prantl Matinee der Unterforderung

SZ-Journalist Heribert Prantl sitzt im Foyer des Schauspielhauses. Dort, auf dem Podium der „Weltausstellung Prinzenstraße“, sind zwei Publizisten zu erleben, aber fast nur eine Sichtweise. Denn neben Prantl sitzt Meli Kiyak, die als Gastgeberin der Gesprächsreihe gern Gäste einlädt, deren Weltsicht sie zu teilen glaubt.

Voriger Artikel
Noch Fragen?
Nächster Artikel
Goldene Palme geht nach Großbritannien

Mit „wahnsinnigen Ängsten“: Meli Kiyak und ihr Gast Heribert Prantl in der „Weltausstellung Prinzenstraße“ im Schauspielhaus Hannover.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Gute Journalisten machen sich nicht gemein mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Der markante Satz, der aus Hanns Joachim Friedrichs’ Lebenserinnerungen und dem Jahr 1994 stammt, ist jetzt wieder aufs Tapet gekommen, allerdings nur, um abgeurteilt zu werden: „Das ist eminent dumm, denn Journalisten müssen stets Position beziehen.“ Dieser Satz stammt von Heribert Prantl. Der eine war als „Mister Tagesthemen“ bekannt und damit als Moderator, der andere ist der Innenpolitikchef der „Süddeutschen Zeitung“ und bekannt vor allem als Kommentator. Zwei Publizisten, zwei Meinungen. Gesagt hat Prantl seinen Satz im Foyer des Schauspielhauses. Dort, auf dem Podium der „Weltausstellung Prinzenstraße“, sind auch zwei Publizisten zu erleben, aber fast nur eine Sichtweise. Denn neben Prantl sitzt Meli Kiyak, die als Gastgeberin der Gesprächsreihe gern Gäste einlädt, deren Weltsicht sie zu teilen glaubt.

Das verschafft dem jeweiligen Blickwinkel viel Raum – und dem Gespräch wenig Reiz. Denn statt einer Entwicklung aus Rede und Gegenrede wird vor allem wechselseitige Bestätigung geboten. Pech für die Zuschauer im prall gefüllten Schauspielfoyer, die nicht zuletzt wegen Prantls jüngstem Buch gekommen sind. Das ist die kleine, öffentlich kontrovers diskutierte Streitschrift „Im Namen der Menschlichkeit“, in der der Journalist für eine großzügige Flüchtlingsaufnahme plädiert. Prantl, der als Anwalt, Richter und Staatsanwalt gearbeitet hat, bevor er Journalist wurde, kann dazu viel sagen. Doch Kiyak prostet ihm mit Weißwein zu - und schneidet das brisante Thema erst an, als Dramaturg Hartmut El Kurdi ihr nach 85 Minuten von hinten signalisiert, dass sie bald zum Schluss kommen muss.

Innerhalb der Gesprächsreihe "Weltausstellung Prinzenstraße" im Schauspiel Hannover war dieses Mal der Innenpolitik-Chef der Süddeutschen Zeitung, Heribert Prantl, zu Gast. Mit Moderatorin Mely Kiyak sprach der Journalist über innenpolitische Themen, wie etwa die Flüchtlingskrise.

Zur Bildergalerie

Die längste Zeit dieser Matinee verharrt Kiyak bei Anekdoten rund um den Lebenslauf Prantls, der 1953 im oberpfälzischen Nittenau geboren wurde. Übers bloße Wikipedia-Wissen hinaus erfahren die Gäste hier, dass Nittenau sehr von Welsanglern geschätzt wird und Prantls allererster Zeitungsartikel diese Angelei zum Gegenstand hat. Dass er aus „ganz selbstverständlich katholischem“ Elternhaus stammt und eigentlich Geistlicher werden sollte. „Die Zeitschrift der Barmherzigen Brüder hat mich einmal gefragt, worin ich die Barmherzigkeit Gottes erlebt habe - es war darin, dass er mich nicht hat Pfarrer werden lassen.“ Und man erfährt, warum Prantl gern mit Bibelzitaten Verstöße gegen christliche Grundsätze, zumal bei Unionspolitikern, ahndet. „Ich halte damit den C-Leuten die Mängel des eigenen Handelns vor.“

Meli Kiyak konzentriert sich ganz darauf, in wie zahlreicher Hinsicht sie mit Heribert Prantl einig ist. Sie teilt nicht nur seine Kritik an Hajo Friedrichs, sie fragt Prantl auch, was er dazu meine, dass Sandra Maischberger „überhaupt keine Meinung“ habe. „Ich finde das furchtbar“, sagt Prantl. Kiyak fragt, ob die große Präsenz von Pegida- oder AfD-Vertretern in den Medien nicht falsch sei. „Ja“, lautet die Antwort Prantls, dessen Gesprächspartnerin ihn auch sonst selten dazu kommen lässt, längere Argumentationsbögen zu beenden. Mal will Kiyak, dass er in ihre Medienkritik einstimmt, dann bekennt sie: „Ich finde, wir haben eine super Presselandschaft“. Und Prantl lenkt auch darauf ein, beginnt beim Hambacher Fest 1832, streift „Spiegel“-Affäre und Panama Papers. Er bleibt also höflich. Aber auch intellektuell unterfordert.

Daran ändert sich nichts, als Kiyak schließlich über Prantls Flüchtlingsstreitschrift redet. Statt seiner politischen Forderungen spricht sie zunächst die erste Seite des Buches an. Die mache ihr „wahnsinnig Angst“, bekennt Kiyak. Denn dort ist dem Buch das christlich durchtränkte Bergengruen-Gedicht „Die letzte Epiphanie“ vorangestellt. Heribert Prantl, ein christlicher Fundamentalist im Gewande des Linkskatholiken? Der Autor beeilt sich, der Moderatorin, deren Eltern aus der Türkei stammen, zu erläutern, dass in dem Gedicht ja der ganze Wertekontext „der abrahamitischen Religionen, also von Islam, Christen- und Judentum“ vorkomme - doch ohne Kiyaks Bedenken zerstreuen zu können.

Am Ende darf Prantl noch für einen humanen Umgang mit Flüchtlingen plädieren: „Wenn nicht Seehofer und andere erfolgreich dagegenhalten, wird die deutsche Gesellschaft Kraft und Intelligenz genug aufbringen, damit das ,Wir schaffen das!’ konkreter wird.“ Tja, wenn. Um das abzuschätzen, hätte man über Prantls konkrete Forderungen - nach einem Ende der Dublin-Regeln, nach sicheren Asylwegen, nach Bewegungsfreiheit statt Residenzpflicht - diskutieren müssen. Statt über abstrakte Ängste.

Die letzte „Weltausstellung Prinzenstraße“ ist in diesem Jahr am 12. Juni mit den Kabarettisten und Schauspielern Fatih Cevikkollu und Idil Baydar aka Jilet Ayse als Gästen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Milow spielt im Capitol