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Wem gehört dieses Gemälde?

Raubkunstfall in Hannover Wem gehört dieses Gemälde?

Die Stadt Hannover spielt Beweismittel für einen weiteren Raubkunstfall in ihrem Kunstbesitz herunter – Kritiker beklagen ein Spiel auf Zeit. Eine Spurensuche von Daniel Alexander Schacht.

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Einst im Besitz der Familie Levy, heute zu Recht im Kunstbesitz der Stadt Hannover? „Bunte Wicken und Rosen, Erbsenblüten“ (1913) des Malers Lovis Corinth.

Quelle: Landesmuseum Hannover

Hannover. Es klingt wie ein Nachhall aus vermeintlich besseren Zeiten. Da ist der 21-jährige Berliner Student Edgar Friedrich Levy aus seiner Bude in der Schöneberger Derfflingerstraße mehrmals die Woche zur Tante in den Grunewald gefahren, um seinen Cousin Günter und seine Cousine Ellen-Lore am Klavier zu unterrichten. Und in der Villa am Königssee hatte er damals, 1937, vom Bechstein-Flügel aus stets Gemälde und Kunstwerke im Blick, darunter auch Lovis Corinths Blumenbild „Bunte Wicken und Rosen, Erbsenblüten“ von 1913. Immerhin war dies der Salon der Familie Levy. Und Max Levy hatte als promovierter Elektroingenieur mehrere Elektrogeräte erfunden, für die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft elektrische Großanlagen geplant und die AEG-Röntgenabteilung geleitet. Gute alte Zeit? Tatsächlich war Max Levy 1937 schon fünf Jahre tot, und seine Witwe, Edgars Tante Clara, und die beiden Kinder hatten als Juden keine Zukunft in Deutschland.

Corinth-Bild seit 1949 in Landesbesitz

Die Levys konnten 1939 aus Deutschland fliehen und gelangten über die Schweiz und London nach Südamerika. Allerdings ohne das Corinth-Bild. Das befindet sich heute im Landesmuseum der niedersächsischen Landeshauptstadt – als Dauerleihgabe der Stadt Hannover. Die hat es 1949 gekauft. Allerdings nicht von den Levys, sondern, zusammen mit vielen anderen Werken, von Conrad Doebbeke. Der steht im Verdacht, in der Nazizeit Profit aus der Not von Menschen geschlagen zu haben, die Eigentum verkaufen mussten, um aus Deutschland fliehen zu können. Solche Notverkäufe werden heute als „verfolgungsbedingter Entzug“ eingestuft, der zu Rückgabe oder Entschädigung im Sinne einer „fairen und gerechten Lösung“ gemäß den Washingtoner Grundsätzen von 1998 zum Umgang mit Raubkunst verpflichtet.

Beim Kauf hat Hannover 1949 keinen Eigentumsnachweis von Doebbeke verlangt, und das trotz dessen schriftlicher Empfehlung, man möge „die Sachen in den Kisten lassen“, weil sonst „die Gefahr“ bestehe, dass „irgendein Herr Silberstein es wiederhaben will“. Und tatsächlich erheben auch Ellen-Lore und Günter Levy, die in Brasilien und Belgien lebenden Erben von Max und Clara Levy, Anspruch auf die „Bunten Wicken“.

Spurensuche in der Vergangenheit

Dabei ist es nicht leicht, nach so langer Zeit alle möglichen Eigentumsnachweise beizubringen. Doch das haben die Washingtoner Grundsätze berücksichtigt: „Bei dem Nachweis, dass ein Kunstwerk durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurde“, heißt es darin, „sollte berücksichtigt werden, dass aufgrund der verstrichenen Zeit und der besonderen Umstände des Holocaust Lücken und Unklarheiten in der Frage der Herkunft unvermeidlich sind.“
Wie hat die Stadt Hannover dies bei den „Bunten Wicken“ berücksichtigt?

Zu dem Fall hat die Stadt Hannover überhaupt erstmals im Juli dieses Jahres – nach der Kritik an ihrem Umgang mit Restitutionsforderungen – öffentlich Stellung bezogen. Dabei wurde, in der Informationsdrucksache 1652/2015 wie auch in der Kulturausschusssitzung vom 10. Juli, allenfalls die halbe Wahrheit kundgetan. Unerwähnt geblieben ist, dass das Doebbeke-Konvolut nicht, wie in der Sitzung dargestellt, 50, sondern mindestens 115 Werke umfasst. Das geht aus einer der HAZ vorliegenden Liste der Doebbeke-Käufe von 1949 hervor. Unerwähnt geblieben ist überdies in der Drucksache ein aus Sicht der Erben zentrales Beweismittel für den Eigentumsanspruch der Levys an dem Kunstwerk: Edgar Friedrich Levy hat das Bild noch im März 1937 im Salon der Levys hängen gesehen. Das geht aus einer eidesstattlichen Versicherung Levys hervor, die der HAZ vorliegt – und die aus dem Jahr 2009 stammt.

Spielt die Stadt auf Zeit?

Dass sich seither in diesem Fall nichts tut, hat Sabine Rudolph, die Anwältin der Erben, schon 2013 in einem Interview mit der „Zeit“ als ein skandalöses Spiel auf Zeit eingestuft. Danach ist ihr ein Schreiben von Kulturdezernentin Marlis Drevermann zugegangen, in dem diese von „einiger Irritation“ spricht, mit der sie die „öffentlichen Beschuldigungen“ wahrnehme, welche sie sich künftig verbitte. Jede Anspruchstellung sei genau zu prüfen. „Deshalb erachten wir es als notwendig, die Forschungen zu diesem Gemälde fortzusetzen.“ Für ein von den Erben vorgeschlagenes Treffen fand Drevermann keinen Termin.

Ein Spiel auf Zeit? Zeit spielt jedenfalls eine erhebliche Rolle. Denn die Vorgänge, um die es geht, liegen mehr als 70 Jahre zurück. Edgar Levy ist inzwischen verstorben. Und auch Ellen-Lore und Günter Levy sind hochbetagt.

Klarer und unklarer Umgang mit Restitutionsansprüchen

Die Stadt Hannover war schon einmal klarer im Umgang mit Restitutionsansprüchen. Sie hat 2007 das Corinth-Bild „Römische Campagna“, gleichfalls aus dem Doebbeke-Konvolut, an die Erben Curt Glasers restituiert. „Hannover schreitet bei Raubkunstrückgabe voran“, hatte Annette Baumann, die städtische Provenienzforscherin, öffentlich aus dieser Restitution gefolgert. Dabei hatte der verfolgungsbedingte Verlust in diesem Fall bereits im Mai 1933 stattgefunden, zu einem Zeitpunkt also, als die Verfolgung von jüdischen Eigentümern noch harmlos war im Vergleich zu der Lage im Jahr 1937. Rahmenbedingungen, die 1933 zu einem verfolgungsbedingten Entzug von Eigentum führen konnten, waren also 1937 umso mehr gegeben.

An der „Campagna“-Restitution war Baumann ebenso unbeteiligt wie Drevermann, die erst im November 2007 Kulturdezernentin in Hannover wurde. Zur „Campagna“ hat Baumanns Vorgängerin Vanessa Voigt geforscht, und sie hat auch den Fall „Bunte Wicken“ recherchiert. „Mir war mit der eidesstattlichen Erklärung von Edgar Levy klar, dass hier Handlungsbedarf besteht“, sagt Voigt, die heute Provenienzforscherin am Stadtmuseum München ist. „Das habe ich Frau Drevermann auch so gesagt.“

Der große Kunstkauf von 1949

Und welche Handlungen hat diese seither unternommen? In der Erklärung vom Juli 2015 wird angemerkt, dass der Name Levy in Berlin häufig gewesen sei und daher ein Eigentumsnachweis nicht unbedingt auf den früheren AEG-Vorstand verweisen müsse. In einem Schreiben der Stadt Hannover vom 14. Februar 2012 an die Erbenanwältin wird bemängelt, es fehle überhaupt ein Erwerbsnachweis für das Eigentum Max Levys an dem Bild. Dass das Corinth-Werkverzeichnis „M. Levy“ als Besitzer ausweist, sei hierfür nicht maßgeblich. Und in einem Schreiben vom 
4. November 2010 heißt es, es fehle der Nachweis für die Richtigkeit der eidesstattlichen Erklärung Edgar Levys.
Ob es wohl 1949 zu dem großen Kunstkauf der Stadt Hannover bei Doebbeke gekommen wäre, wenn man bei diesem so genau nachgefragt hätte?

Tatsächlich haben schon die in der Nachkriegszeit rechtsetzenden Instanzen bedacht, dass sich unter einem Unrechtsregime vieles schwerer nachweisen lässt. „Die Lage, in die der Berechtigte durch die Verfolgungsmaßnahmen geraten ist, ist bei der Ermittlung des Sachverhalts zu berücksichtigen“, heißt es im Rückerstattungsgesetz der US-Militärregierung von 1947. Dies gelte vor allem für den verfolgungsbedingten Verlust von Beweismitteln: „Eidesstattliche Versicherungen des Berechtigten und von ihm benannter Zeugen sind zuzulassen. Dies gilt auch dann, wenn die eidesstattliche Versicherung abgebende Person nach Abgabe der Versicherung verstorben ist.“

Alles nur Besatzerrecht und damit Schnee von gestern? Tatsächlich wird in der Gemeinsamen Erklärung, die Bund und Länder 1999 zur Umsetzung der Washingtoner Prinzipien abgegeben haben, ausdrücklich empfohlen, den Leitlinien der rückerstattungsrechtlichen Praxis der Nachkriegszeit zu folgen.
Das steht in Hannover noch aus.     

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