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Swetlana Alexijewitsch erhält Literaturnobelpreis

Komitee-Entscheidung Swetlana Alexijewitsch erhält Literaturnobelpreis

Der Literaturnobelpreis 2015 geht an die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch. Die 67 Jahre alte Journalistin und Schriftstellerin wird geehrt für ihr "vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt".

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Stockholm. Die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch (67) fühlt sich durch die Vergabe des mit 8 Millionen Schwedischen Kronen (etwa 850.000 Euro) dotierten Preises an sie sehr geehrt. "Das ist ganz groß, diesen Preis zu bekommen", sagte Alexijewitsch dem schwedischen Fernsehsender SVT am Donnerstag kurz nach der Verkündung am Telefon. Es sei eine Ehre, in einer Reihe mit großen Schriftstellern wie Boris Pasternak zu stehen. Auf die Neuigkeit, die ihr Nobel-Jurorin Sara Danius per Telefon überbracht hatte, habe sie mit dem Wort "fantastisch" reagiert, hatte Danius zuvor gesagt.

Mit Alexijewitsch gewann in diesem Jahr die Favoritin. In ersten Reaktionen äußerten sich der ehemalige Chef des Hanser-Verlages, Michael Krüger, hocherfreut: "Sie ist eine sehr kämpferische, tolle Person, das ist eine schöne Überraschung", sagte Krüger. Der Hanser-Verlag habe alle ihre Bücher verlegt. "Sie ist eine tapfere Frau, die eine ganz eigene Form von Dokumentarliteratur geschaffen hat, indem sie die Leute befragt hat nach ihren Lebensumständen." Gleichzeitig hob Krüger ihre Rolle in der Opposition sowohl in Weißrussland, als auch gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin hervor. "Sie wird eine große Ikone der Widerstandsbewegung werden."

Bei ihren kritischen Recherchen sei sie ein großes Wagnis eingegangen und sei dafür auch enorm angefeindet worden. "Sie hat diese Bücher alle unter den ärgsten Bedingungen geschrieben", erklärte Krüger. Nun sei sie eine berühmte Frau und als solche weithin unantastbar. Das biete ihr die Möglichkeit, die ganzen oppositionellen Bewegungen zu koordinieren. Das mit dem Literaturnobelpreis verbundene Geld könne sie dafür gut gebrauchen. "Sie wird das Geld benutzen, um ihre Arbeit weiterführen zu können", vermutete der Literaturexperte.

Der Literaturkritiker Volker Weidermann bezeichnete Alexijewitsch als "ideale Wahl". Der Stockholmer Jury werde oft vorgeworfen, eher Gesinnungsentscheidungen zu treffen als literarische, sagte der "Spiegel"-Literaturchef und neue Gastgeber des "Literarischen Quartetts". "In diesem Fall stellt sich die Frage nicht, weil Alexijewitsch auf großartige Weise in ihrem Werk literarische Kraft und politische Notwendigkeit in eins zusammenführt", so Weidermann. "Alexijewitsch schreibt über die russische Geschichte, aber mit ihrem Blick auf die Vergangenheit erklärt sie uns Russland und die Kriege von heute."

Im vergangenen Jahr hatte die Jury den Franzosen Patrick Modiano (70) für seine "Kunst der Erinnerung" geehrt, mit der er die unbegreiflichsten menschlichen Schicksale wachgerufen habe. Letzte deutschsprachige Preisträger waren Herta Müller (2009), Elfriede Jelinek (2004) und Günter Grass (1999).

dpa/sbü

Wer ist Swetlana Alexijewitsch?

Swetlana Alexijewitsch (67) ist mit einem ganz eigenen literarischen Stil zum moralischen Gedächtnis des zerfallenen Sowjetimperiums geworden. Die weißrussische Schriftstellerin hat mit ihren Collagen das Leid, die Katastrophen und den harten Alltag der Menschen in ihrer Heimat aufgearbeitet. 2013 erhielt sie dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Jetzt wurde sie mit den Literaturnobelpreis geehrt.

Alexijewitschs Werke sind „Romane in Stimmen“. Erstmals wandte die gelernte Journalistin ihre literarische Methode 1983 im Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ an. Mit Interviews dokumentierte sie das Schicksal sowjetischer Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg.

Für „Zinkjungen“ (1989) sprach sie mit mehr als 500 Veteranen des sowjetischen Afghanistan-Feldzugs und Müttern gefallener Soldaten. Genauso porträtierte sie 1997 die Überlebenden der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Als ihr Großwerk gilt „Secondhand-Zeit“ von 2013 - eine Sammlung von Stimmen über die erschütternden Erfahrungen des kommunistischen Experiments in der Sowjetunion.

Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (heute Iwano-Frankowsk) geboren. Sie arbeitete nach einem Journalistik-Studium zunächst bei einer Lokalzeitung sowie als Lehrerin. Da sie unter dem autoritären Regime in Weißrussland öffentlich kein Gehör fand und ihre Werke nicht verlegt wurden, hielt sie sich viele Jahre im Ausland auf.

2011 zog sie trotz ihrer oppositionellen Haltung zurück nach Minsk. „Ich will zu Hause leben, unter meinen Leuten, meinen Enkel aufwachsen sehen“, sagte sie. Außerdem sei Quelle ihres Schaffens immer das Gespräch mit den Menschen gewesen. „Und das kann ich am besten hier und in meiner Sprache“, sagt Alexijewitsch.

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