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00:16 22.02.2016
Von Stefan Stosch
Gute Aussichten: Der Film „Fuocoammare“ über Fischer und Flüchtlinge auf Lampedusa gilt als einer der Favoriten bei der Berlinale.Foto: dpa Quelle: dpa
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Berlin

Im Hotelfoyer sind dezente Hinweistafeln postiert. Filmtitel sind darauf vermerkt, und dann folgt die Angabe eines Stockwerks: Drei der besten Charakterdarstellerinnen der Welt wollen etwas zu ihren neuen Filmen sagen. Emma Thompson, Greta Gerwig, Julianne Moore - alle unter einem Dach. Wie praktisch.

Zugewandtheit statt Diven-Gehabe

Mit dem Fahrstuhl geht es, getaktet nach Minuten, zwischen den Etagen auf und ab. Diven-Gehabe ist den dreien fremd, die Profis geben sich zugewandt. Thompson weiß auch auf weniger kluge Fragen amüsante Antworten, Gerwig strahlt eine Unbefangenheit beinahe wie in ihren Rollen aus, und Moore frischt zum Abschied die verschütteten Deutschkenntnisse ihrer Kindheit wieder auf - per Handy-App.

Bei solchen Begegnungen stellt sich, jedenfalls, wenn’s gut läuft, dieses besondere Gefühl ein, das im Trubel von elf Berlinale-Tagen und allein 23 Filmen im Wettbewerb unterzugehen droht. Stars, verteilt auf Stockwerke: So etwas gibt’s eben nur bei einem großen Festival. Und dazu zählt Berlin nach Cannes und neben Venedig.

Berlinale pflückt ihre Blumen am Wegesrand

Glamour ist aber nur die eine Seite, die filmische eine andere. Die Konkurrenz um die wirklich aufregenden Werke wird immer härter, die Berlinale pflückt ihre Blumen eher am Wegesrand und erwischt auch manches unscheinbare Exemplar.

Zudem ist die Leinwand in digitalen Zeiten nur noch eine von vielen Möglichkeiten der Filmsichtung - allerdings immer noch diejenige, die den höchsten Aufmerksamkeitsgrad garantiert. Bei den viel gelobten Serien, in einer eigenen Festival-Sektion untergekommen, ist die Euphorie ein wenig abgeflaut: Es gibt inzwischen sehr viele davon, und nicht alle haben die nötige Qualität.

Politische Berlinale

So politisch wie dieses Jahr war die Berlinale selten - und sie versteht sich schon immer als das politischste Festival. Ihren Platz hat sie nach Worten von Direktor Dieter Kosslick auf Seiten der Schwachen, eine ehrenwerte Positionierung, die aber nicht automatisch gute Filme garantiert. Dieses Jahr blieben bei der Gratwanderung zwischen künstlerischen und politischen Anspruch immerhin Komplettabstürze aus.

Das Individuum in Bedrängnis wäre eine treffliche Überschrift für die 66. Berlinale-Ausgabe gewesen. Gäbe es einen Zähler für die um sich greifende Beunruhigung, er hätte wild im Kinodunkel ausgeschlagen. Immer wieder waren Menschen auf der Flucht, ob in einer paranoiden Zukunft („Midnight Express“), in einer unbarmherzigen Gegenwart („Soy Nero“) oder ganz einfach in ein besseres Leben („Hedi“).

Gewinnt "Fuocoammare" den Goldenen Bären?

Einem Dokumentarfilm gelang es am besten, von der Brüchigkeit unserer Existenz zu erzählen: In „Fuocoammare“, „Feuer auf dem Meer“, angesiedelt auf Lampedusa, treffen Migrantenströme auf den Inselalltag. Aber die Welten in Gianfranco Rosis Film existieren nebeneinander her, sie berühren sich kaum. Gut möglich, dass dieser provokative Zugriff den Goldenen Bären davonträgt.

Auch privat waren die Kinofiguren in Nöten - Isabelle Huppert etwa als alternde Philosophielehrerin, die sich auflösende Familien- und Berufsstrukturen als neue Freiheit zu begreifen versucht („L’Avenir“). Keine Filmfigur aber litt mehr als die unglücklich Schwangere (Julia Jentsch) im einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag „24 Wochen“ von der jungen Regisseurin Anne Zohra Berrached. Je länger diese Berlinale währte, desto stärker erschien dieser aufwühlende Film.

Kriterium: im Herzen berühren

Auch das könnte am Sonnabend ein Kriterium für Jury-Präsidentin Meryl Streep sein: Sie hatte eingangs erklärt, sich im Herzen berühren lassen zu wollen, bevor ihr Kopf sich an die Arbeit mache. Unter diesem Gesichtspunkt wären die Darsteller Corentin Fila und Kacey Mottet Klein eine gute Wahl für den Darstellerpreis der Männer: Sie müssen sich als jugendliches Paar in André Téchinés „Quand on a 17 ans“ erst im Wortsinn zusammenraufen.

Immerhin ein Regisseur feierte ausdrücklich das menschliche Miteinander: Der Däne Thomas Vinterberg erzählte in „Kommune“ von einer solchen in den Siebzigern - und damit ein bisschen auch von seiner eigenen Kindheit. Bittere Augenblicke schleichen sich ein, als ein Paar (Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen) zerbricht, er sich eine Jüngere nimmt und diese gleich mit einzieht. Das Kollektivkonzept gerät an seine Grenzen, aber aufgegeben wird es nicht.

Was ihn an den Siebzigern fasziniert habe, so Vinterberg, sei die Bereitschaft gewesen, miteinander zu teilen. Das vermisse er heute in seinem Heimatland, in dem sich die Grenzen für Flüchtlinge schlössen. Da war sie also wieder, die brutale Wirklichkeit.

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