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Kultur "West Side Story" hat Premiere
Nachrichten Kultur "West Side Story" hat Premiere
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00:15 03.10.2017
Von Stefan Arndt
Zeitlos stark: Szene aus der neuen hannoverschen "West Side Story". Quelle: Jörg Landsberg
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Hannover

Erst muss die Frau den Tod ihres Bruders hinnehmen, nun wälzt sich ihr Geliebter im Blut. Kein Wunder, dass Maria hier nicht mehr die große Versöhnerin spielen kann. Sie mag Leere spüren oder Verlust - für die Hoffnung auf eine bessere Welt, die sie das ganze Stück lang angetrieben hat, ist jetzt jedenfalls kein Platz mehr. Und so endet die „West Side Story“ in der Version von Regisseur Matthias Davids an der Staatsoper Hannover nur konsequent ohne die Vergebung und Verbrüderung, die der Komponist Leonard Bernstein und sein Texter Stephen Sondheim hier eigentlich vorgesehen haben. Wenn die letzten dürren Akkorde durch den ausverkauften Saal wehen, mag mancher Zuhörer frösteln angesichts der Hoffnungslosigkeit der Szene. Doch dann, nach einem Moment der Stille, löst sich die Beklemmung in frenetischen, lange anhaltenden Beifall.  

Der Siegeszug des Erfolgsstücks scheint sich auch 60 Jahre nach der Uraufführung am Broadway in Hannover nahezu ungebremst fortzusetzen. An der Staatsoper hat Davids mit seinem Team nur behutsam etwas Staub abgeblasen. Kleine Verschiebungen wie die am Ende sorgen dafür, dass man sich bei den Bandenkämpfen der zornigen Jugendlichen nicht gleich in das New York der Fünfzigerjahre versetzt fühlt. Mag sein, das auch scheinbar nebensächliche Details wie eine fehlende Feuerleiter dazu führen, dass diese „West Side Story“ plötzlich so aktuell wirkt: Tony findet den Weg zu seiner Maria beim ersten kurzen Rendezvous über eine Art Kletterparcours.

Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau setzt ansonsten auf ein zeitloses Umfeld. Zwei bewegliche Gebäudeteile, die fröhlich tanzen oder bedrohlich einengen können, wirken eher abstrakt, und die Bilder, die auf den Bühnenhintergrund projiziert werden, wecken nur vage Assoziationen an die Hochhausschluchten einer Metropole. So könnten sich die Spannungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen, zwischen den Einheimischen und den Zugezogenen überall entzünden: Im New York der Nachkriegszeit und im hier und jetzt. Die Geschichte der hoffnungslosen Jugendlichen, die das Stück erzählt, wirkt so oft rauer und frecher, als man sie in Erinnerung hat.

Das gilt auch für das Wunderwerk von Bernsteins Partitur. Unter Leitung von Joseph R. Olefirowicz geben die Musiker des Staatsorchesters den Tänzen viel Druck und Aggressivität. In der oft großen Besetzung wirkt die Musik dabei sehr plastisch und körperlich. Geht es nur um Begleitung, lässt der Dirigent einige Streicher aussetzen und reduziert so den Klang. Unbedingt nötig wäre das nicht, denn die Sänger singen wie immer im Musical mit Verstärkung. Aber so muss nicht auch die Balance elektronisch geregelt werden.

Eher noch als außergewöhnliche Sänger sind die meisten der Akteure hervorragende Tänzer. Simon Eichenberger hat passend zum Regiekonzept eine raffiniert unauffällig modernisierte Version der klassischen Choreografie geschaffen, die die Darsteller fast permanent fordert. Da ist es leicht zu verzeihen, dass Michael Pflumm als Tony eher nach dem bodenständigen Kumpel des Bandesanführers klingt als nach dem rückhaltlos Liebenden. Carmen Danen als Anita und vor allem Stella Motina als Maria scheinen ihre Parts deutlich raffinierter zu gestalten. Aber das könnte auch daran liegen, dass es die „West Side Story“ mit den meisten Frauen so viel besser meint als mit den stets unter Hochdruck stehenden Männern.

 Am Ende gibt es außer viel Beifall für alle Beteilige auch die in der Oper selten zu hörenden Rufe nach einer Zugabe: Von diesem Stück bekommen die Zuhörer offenbar nie genug.

„West Side Story“: Wieder am 1., 3., 5., 14., 17., 25. Und 27. Oktober. Weitere Vorstellungen sind im Dezember (auch Silvester) und im März. Karten unter Telefon: (0511) 12123333.

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