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Kultur Westernhagen: „Ich wollte zur Musik zurück“
Nachrichten Kultur Westernhagen: „Ich wollte zur Musik zurück“
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18:24 21.09.2012
Marius Müller-Westernhagen wurde Ende der siebziger Jahre mit Rocksongs wie „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ berühmt. Derzeit ist er auf „Hottentotten-Tour 2012“, an diesem Freitag tritt er in Hannover auf. Quelle: dpa
Hannover

Der Livekünstler Westernhagen schläft lange, geht zeitig zur Bühne und singt sich kurz vor der Show ein. Wie sieht der Tag des Normalbürgers Westernhagen aus?

Einerseits ist immerzu administrativer Kram zu erledigen. Andererseits muss man die Antennen auf scharf gestellt haben, weil einen alles inspiriert. Und dann greife ich jeden Tag zur Gitarre. Ansonsten spielt sich der Tag verhältnismäßig normal ab. Ich stehe nicht so spät auf. Dann sitze ich eine Weile am Telefon. Außerdem treibe ich fünfmal pro Woche Sport. Für das, was ich in meinem fortgeschrittenen Alter auf der Bühne tue, brauche ich Fitness. Außerdem lese ich viel.

Sie leben heute in Berlin ...

Berlin fing nach dem Fall der Mauer an, mich wirklich zu interessieren. Ich habe lange in Hamburg gelebt, das sich sehr verändert hat. In den Siebzigern war es noch eine vibrierende Hafenstadt und Zentrum der Musik in Deutschland. Dann ging aber alles nach Berlin. Es gefiel mir immer besser, und irgendwann sind wir dann umgezogen. Meine Frau und ich haben uns vom ersten Tag an wohlgefühlt. Berlin-Mitte könnte eine Blaupause für die Bundesrepublik sein, denn hier herrscht eine große Toleranz.

Marius Müller-Westernhagen ist einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Stationen seiner Karriere in Bildern.

Sie haben aber Ihre Konzertreise in Leipzig gestartet ...

Es hat für mich immer eine besondere Bedeutung, im Osten zu spielen, schon, weil sich einer meiner Songs verselbstständigt und für den Osten eine große Bedeutung bekommen hat.

Sie sprechen von „Freiheit“?

Ja, ich finde es sehr bewegend, das Lied dort zu spielen. Der Osten hat nach wie vor einen Vorteil: Die Leute lieben Musik. Sie sind bereit, sich intellektuell und emotional fordern zu lassen. Diese Bereitschaft ist dort viel größer als im Westen.

„Freiheit“ soll Ihnen bei einer Stadtrundfahrt durch Paris eingefallen sein.

Stimmt, der Stadtführer sagte „sie tanzten auf Gräbern“. Dieser Satz ist bei mir hängen geblieben. Dabei hatte ich beim Schreiben weder den Osten noch den Westen im Sinn. Das ist aber das Interessante an Kunst: dass sie sich verselbstständigt und dass auf einmal etwas passiert, was man nicht geplant hat.

Sie sind in der Vergangenheit in großen Arenen aufgetreten ...

Bei diesen großen Inszenierungen kommt man irgendwann an einen Punkt, wo man nur noch die Möglichkeit hat, nicht mehr phantasievoller zu werden, sondern immer nur noch größer. Meine Konzerte Ende der Neunziger hatten fast einen religiösen Touch. Und das ist eine Rolle, die ich weder erfüllen will noch kann. Ich konnte mich damit nicht mehr identifizieren. In dieser Situation muss man die Stärke haben zu sagen: Es ist vorbei. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe. Ich bin heute ein glücklicherer Mensch, als ich es damals war. Ich wollte zur Musik zurück. Aber ich bin dankbar für diese Erfahrung. Es ist unfassbar, wenn man da raus auf die Bühne geht. Beim letzten dieser Konzerte waren da 110.000 Leute: Das ist physisch spürbar.

Wie viel Ihrer Musik machen Sie für Ihr Publikum, wie viel für sich?

Etwas mit Kalkül zu tun, dafür fehlt mir das Talent. Ich habe keine Ahnung, was das Publikum will. Ich will es auch nicht wissen. Manchmal trifft man den Nerv.

Wenn man das Bühnengeschäft kennt, ist Erfolg dann logisches Ergebnis oder auch Glück?

Ein klarer Prozentsatz ist Talent, ein wesentlich größerer Anteil ist Arbeit, und absolut wichtig ist das Glück, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Erfolg hat viel mit Glück zu tun.

Wie gehen Sie mit der Erwartungshaltung des Publikums um, was alte Lieder anbelangt, die Sie immer wieder spielen sollen?

Einerseits gibt es Songs, die ich aus Respekt vor dem Publikum spiele, obwohl ich sie nicht mehr so gern mag. Es gibt auch Songs, aus denen ich altersmäßig herausgewachsen bin, die man dann mit einer gewissen Ironie spielen kann. Wenn Leute, die genug Eintritt bezahlt haben, Spaß daran haben, muss man das einfach spielen. Andererseits hat jede Art von Performance etwas mit Darstellen zu tun. Man muss jeden Abend das, was man vorträgt, neu empfinden. Es ist das Talent eines guten Performers, dass er immer Zugriff auf seine Gefühle hat und immer dazu fähig ist, das wirklich zu empfinden.

Woraus entsteht Kunst?

Kunst ist prinzipiell alles, was man zur Kunst erklärt. Ich glaube, die Bereitschaft muss da sein, Risiken einzugehen. Daran krankt gerade die Musikindustrie: Alle machen sich in die Hosen. Dabei ist Angst der größte Gegner der Kunst. Dann kommt auch ins Spiel, dass Künstler Medien sind. Es gibt Sachen, die man geschehen lassen muss. Man muss bereit sein, sich zu öffnen. Wenn man dann Glück hat, geht es durch einen hindurch.

Reich zu werden kann jetzt nicht mehr das treibende Motiv eines jungen Künstlers sein, oder?

Das ist vorbei. Heute müssen junge Leute wieder aus den richtigen Gründen Musik machen. Berühmt sein, das geht nur noch für kurze Zeit. Der Grund der Krise war für mich nie das Internet. Das kam als neues Medium dazu, wurde aber von der Plattenindustrie und Journalisten fehlinterpretiert. Alle dachten, damit könnte man nur Werbung machen. Wenn man Leuten aber erst mal beigebracht hat, dass etwas umsonst ist, wird man sie nicht mehr dazu bewegen, etwas zu bezahlen. Das hat man versucht zu verdrängen, weil es gut lief und man im Geld schwamm. Was im Endeffekt passiert ist, hat mit Gier zu tun.

In den Sechzigern war Rock Rebellion. Was ist davon geblieben?

Rock ’n’ Roll stand an der Schwelle, eine Kunstform zu werden. Während des Vietnamkriegs haben die Leute Jimi Hendrix und Led Zeppelin gehört. Während des Irakkrieges Britney Spears. Daran sieht man schon den Unterschied.

Ihr Lied „Dicke“ hat einst polarisiert. Würden Sie den Song heute so wieder veröffentlichen?

Nein. Ausgerechnet die Leute, denen ich den Spiegel vorhalten wollte, haben es nicht kapiert. Viele Dicke dagegen haben es als Hymne genommen, es auf Konzerten herausgebrüllt und sich so befreit. Ich finde das Stück nicht so aufregend und spiele es darum nicht mehr. Ich würde das heute auch nicht mehr so schreiben. Wenn man älter wird, steht einem ein solcher Text dann im Weg.

Würden Sie Ihre Lebensleistung so beschreiben: „Er hat mich immer gut unterhalten“?

Ich weiß gar nicht, ob ich will, dass man sich an mich erinnert. Meine Person ist nicht wichtig. Die geleistete Arbeit, die positive Energie, die man in die Welt stellt, wenn davon wenigstens ein Song bliebe, das würde mir schon mehr als genügen. Dann hätte mein Leben einen Sinn gehabt.

Interview: Ingolf Rosendahl

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