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21:59 01.02.2017
Kinder der Freiheit: Szene aus der neuen „Les Misérables“-Produktion der Kölner Kammeroper. Quelle: Rolf Franke
Köln

Die Deutsche Musical Company der Kammeroper Köln hat das Stück inszeniert, der Kieler Veranstalter Highlight Concerts bewirbt es. Das Problem: Es ist nicht das populäre Musical von Claude-Michel Schönberg, das nach Stationen in Paris und London in Deutschland in Duisburg und Berlin zu sehen war.

Der Ärger des Publikums geht auf die Ähnlichkeit der Plakate der zwei Produktionen zurück: Auf beiden prangt ein Kind im Mittelpunkt, umweht von Fetzen der französischen Trikolore. Am unteren Bildrand sind Barrikadenkämpfer zu sehen sowie Nebel und diffuses Licht. Zufall? Wohl kaum. Das Marketing setzt ganz offensichtlich auf den weltweiten und anhaltenden Erfolg des Londoner Musicals.

Beide Musicals basieren auf dem Roman „Die Elenden“ von Victor Hugo. Aus dem Musical mit der Musik von Claude-Michel Schönberg sind Klassiker hervorgegangen wie „I Dreamed a Dream“ und „On My Own“. Erneut erlangte es 2012 breite Aufmerksamkeit durch die Verfilmung mit Stars wie Hugh Jackman, Russell Crowe und Anne Hathaway.

Neues Stück - alter Titel

Für das Stück der Deutschen Musical Company haben Holger Pototzki und Bianca Hein nun die Bühnenfassung entwickelt, Esther Hilsberg hat die Musik geschrieben. Auf der Internetseite der Deutschen Musical Company wird das Stück „Les Misérables - Barricade“ genannt, auf der Seite des Kölner Veranstalters wird es nur mit „Les Misérables“ beworben.

In beiden Informationstexten wird zwar darauf hingewiesen, dass es sich um eine Neuproduktion handelt. Bei Aufführungen in Hamburg, Frankfurt und Bochum äußerten sich dennoch zahlreiche Besucher empört. In Bochum haben bereits nach zehn Minuten Gäste den Saal verlassen, berichtet ein Zuschauer, die Hälfte des Publikums sei nach der Pause nicht mehr in den Saal zurückgekehrt. Christopher Nehls, Zuschauer in Frankfurt, ist empört, auch über die Werbung vorab, in der seit Sommer 2016 mit Slogans wie „Musical-Welterfolg“ oder „70 Millionen Zuschauer weltweit“ geworben worden ist. Damit habe Highlight Concerts bewusst mit den Erwartungen des Publikums gespielt. „Hier wird unserer Meinung nach ganz bewusst abgezockt“, sagt Nehls. Eine von Nehls mit seiner Frau gegründete Protestgruppe bei Facebook hat bereits mehr als 800 Mitglieder.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Highlight Concerts mit dem im Veranstaltungsmarketing schon berüchtigten „Me-too-Konzept“ vorgeht: Als 2002 das berühmte Abba-Musical „Mamma Mia“ ins Operettenhaus nach Hamburg kam, dauerte es nur wenige Monate, bis Highlight Concerts ein Musical auf Tournee schickte, das „Mamma Mia - Come Together“ hieß. Auch hier löste die Ähnlichkeit der Werbeplakate Ärger beim Publikum aus.

Auf Anfrage der HAZ distanziert sich die Deutsche Musical Company, die das Stück „Les Misérables - Barricade“ produziert hat, von der Wahl der Werbeposter und des Titels. „Wir hatten weder bei der Auswahl der Bilder noch beim Design der Plakate Mitspracherecht“, sagt Esther Schaarmann, Intendantin der Kammeroper Köln. Es sei zudem vertraglich geregelt, dass der Veranstalter die Folgen bezüglich der Titelwahl eigenverantwortlich trage.

Rechtlich korrekt

Ulrich Gerhartz von Highlight Concerts wiederum betont, dass ihm das Stück bereits als „Les Misérables“ angeboten wurde, der Verkaufsprospekt, mit dem die Deutsche Musical Company gegenüber dem Veranstalter für die Produktion geworben hat, liegt der HAZ vor. „Erst im April 2016, also über ein Jahr später, bekam die Kammeroper kalte Füße und teilte lediglich in einer Mail mit, dass sie ihre eigenen Aufführungen in Köln und an Abstecherorten umtitelt auf ,Barricade’. Das war aber deren Entscheidung und betraf mich nicht“, sagt er. Schaarmann wiederum behauptet, „Les Misérables“ sei ein Arbeitstitel gewesen und von Beginn an sei klar gewesen, dass dieser einen Zusatz erhalten würde.

Rechtlich gesehen ist die Wahl des Titels frei, solange keine Verwechselungsgefahr mit der Version von Schönberg besteht. Aus diesem Grund habe Gerhartz mit dem Londoner Originalverlag Cameron Macintosh einen sogenannten „Werbe-Abgrenzungsvertrag“ geschlossen, sodass für Highlight Concerts Rechtssicherheit herrscht. Zudem weist Gerhartz darauf hin, dass sich der Inhalt natürlich auf Cosette und Fantine, die Figuren der Romanvorlage Hugos, beziehe, aber es gebe „bildsprachlich keinerlei Ähnlichkeiten zur Londoner Westendproduktion“.

„Wir bedauern es sehr, dass so viele Zuschauer durch die Werbung das bekannte Musical erwartet haben und nun enttäuscht sind. Für alle Beteiligten ist es gerade keine angenehme Situation“, betont Kammeroper-Intendantin Schaarmann. Ein kleiner Trost für sie: In Kiel habe es immerhin Applaus im Stehen gegeben.

Termin: Das Musical gastiert am Sonntag, 26. Februar, im Theater am Aegi.

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