Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 4 ° Regen

Navigation:
„Bei Nacktheit scheiden sich die Geister“

Debatte über Körperbilder „Bei Nacktheit scheiden sich die Geister“

Dramaturgen diskutieren auf ihrer Jahreskonferenz in Hannover. Ihr Thema: der Körper. Christian Holtzhauer, Vorsitzender der Dramaturgischen Gesellschaft, spricht im Interview über Körperbilder und nackte Schauspieler.

Voriger Artikel
Hannovers Fotostudenten zeigen ihre Abschlussarbeiten
Nächster Artikel
Die Tanzoffensive

Anne Kies und Johannes Geißer zeigen nackte Haut bei der deutschsprachigen Erstaufführung von „Die Bibel“. Die Premiere in Rudolstadt ist am Sonnabend.

Quelle: dpa

Nachdem die Dramaturgische Gesellschaft in den letzten Jahren „Zeit“, „Raum“, und „Sprache“ auf ihren Jahreskonferenzen diskutiert hat, ist es in diesem Jahr der Körper. Warum sieht man auf den Bühnen eigentlich seit zwanzig Jahren nur nackte Menschen?
Ich weiß nicht, wo sie ins Theater gehen. Ich sehe dort nicht nur nackte Menschen. Der nackte Körper auf der Bühne ist ein sehr starkes Zeichen. Er steht für das hilflose, schutzbedürftige oder für das befreite, das enthemmte Individuum. Er bündelt viele Diskurse und fordert uns auf, unsere Moralvorstellungen zu überprüfen. Welches Verhalten, welchen Anblick finden wir in der Öffentlichkeit akzeptabel? Da scheiden sich beim Thema Nacktheit die Geister. Dabei sind wir ja in den Medien quasi von nackter Haut umgeben. Ich gebe aber zu, dass sich die Zeichenhaftigkeit des nackten Körpers abnutzt, wenn er als Theatermittel inflationär eingesetzt wird.

Auf der Tagung sprechen sie auch über Selbstbestimmtheit. Aber wird der Schauspieler mit der Nacktheit nicht gezwungen, seine eigene Scham - ein eigentlich recht gesundes Gefühl - zu überwinden?
Es gibt ja den Verdacht, dass die Regisseure die Schauspieler zwängen, sich nackt auszuziehen. Während meiner Zeit als Dramaturg habe ich es allerdings nie erlebt, dass ein Schauspieler sich gegen seinen Willen ausziehen musste. Oftmals entsteht die Idee, sich auszuziehen, im Probenprozess, weil alle Beteiligten finden, dass es für das Stück Sinn ergibt.

Manche Philosophen sagen, dass sich der Körper auch als Text lesen lasse. Was kann ein Körper denn neben Sprache noch ausdrücken?
Sehr viel. Der Körper ist das Erste, was wir sehen, wenn ein Schauspieler die Bühne betritt. Wir verbinden sofort etwas mit dieser Erscheinung: Ist es ein Mann oder eine Frau oder lässt sich das gar nicht so genau sagen? Ist er alt oder jung, dick oder dünn, gesund oder irgendwie versehrt? Wie bewegt er sich, welche Hautfarbe hat er? Manchmal entsteht eine Reibung zwischen unseren Erwartungen, wie eine Rolle verkörpert werden sollte, und der tatsächlichen Verkörperung: wenn Romeo alt und dick ist oder Hamlet eine Frau. Diese Irritation kann produktiv sein, denn sie macht die oftmals unbewussten oder unsichtbaren Zuschreibungen im Zusammenhang mit dem Körper sichtbar.

Dramaturgen und der Körper

Die Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft zu „Körper. Repräsentation, Interaktion, Differenz“ findet von heute an bis Sonntag, 29. Januar, im Ballhof statt. Das Ticket für alle vier Tage kostet 90 Euro, ermäßigt 45 Euro. Der Besuch einzelner Vorträge, Performances oder Lesungen ist ebenfalls möglich. Anmeldungen werden heute ab 18 Uhr am Ballhof entgegengenommen. Am Sonnabend, 28. Januar, tritt Samuel Koch dort um 20.30 Uhr mit Kafkas „Bericht für eine Akademie“ auf. 

Inwiefern achtet man denn bei der Besetzung einer Rolle nicht nur auf die Fähigkeiten des Schauspielers, sondern auch auf seinen Körper?
Das hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt und ist auch von Sparte zu Sparte verschieden. Im Musiktheater haben uns früher die Körper der Sänger kaum interessiert, solange diese gut gesungen haben. Heute achten wir hier viel stärker auch auf die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten der Sänger. Im Tanz dagegen erwarten wir, durchtrainierte Körper zu sehen. Im Sprechtheater hört man manchmal die Klage, dass die Absolventen der Schauspielschulen einander immer ähnlicher sähen. Ich finde aber, dass sich das geändert hat, und das ist auch gut so: Theater bildet immer Gesellschaft ab, und in unseren Gesellschaften gibt es nun mal die unterschiedlichsten Körper. In den Besetzungen muss sich diese Vielfalt widerspiegeln.

Nimmt der Schauspieler mit seinem Körper nicht auch einen wesentlichen Teil des eigenen Ichs mit auf die Bühne?
Natürlich tut er das. Seine körperliche Beschaffenheit kann er nicht ablegen, ebenso wenig wie seine persönlichen Erfahrungen, die sein Spiel beeinflussen. Trotzdem gibt es Schauspieler, die uns ihre körperliche Erscheinung mitunter vergessen lassen, weil es ihnen gelingt, unsere Aufmerksamkeit auf die für ihre Auslegung der Rolle wesentlicheren Aspekte zu lenken.

Wie integrativ kann Schauspiel da sein?
Am Staatstheater Darmstadt sind zwei Darsteller engagiert, die körperlich behindert sind. Einer von ihnen, Samuel Koch, ist zu Gast auf unserer Konferenz. Er ist querschnittsgelähmt und kann sich nicht ohne Hilfe bewegen. Wichtig ist nur, diesen Schauspieler nicht auf sein Anderssein zu reduzieren. Das gilt übrigens auch für alle anderen Darsteller, deren Körper ebenfalls nicht dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprechen. Da gibt es noch einiges zu tun, aber das betrifft nicht nur das Theater, sondern unsere Gesellschaft insgesamt.

Thema der Tagung ist ja auch, inwiefern uns der eigene Körper noch gehört, Stichwort Fitnesswahn mit Kontrollgeräten.
Medizin und neue Technologien bieten uns die Möglichkeit, unseren Körper stärker, als wir das je konnten, den eigenen Vorstellungen anzupassen. Ich habe neulich auf meinem Smartphone eine App entdeckt, die ohne mein Wissen meine Schritte zählte.

Dieser Gesundheitswahn hat ja auch Folgen auf unsere eigenen Körperkonzepte.
Wir können uns von den uns umgebenden formatierten Körperdarstellungen nicht frei machen. Heute ist auch der Körper Statussymbol. Ein durchtrainierter, gesunder Körper ist ein Zeichen für Willensstärke, für Leistungsbereitschaft.

Der Körper drückt Zugehörigkeit ja auch in seiner Bekleidung aus: Innerhalb von Gruppen gibt es ähnliche Muster, egal ob Punk, Jurist oder Hipster. Inwiefern kann man darüber überhaupt noch individuell auftreten?
Vielleicht ist das mit der Individualität ja sowieso ein Trugschluss. Uns wird immer eingeredet, dass jeder von uns einzigartig ist. In diesem Besonderssein sind wir dann doch alle wieder gleich. Ein deutlicher Versuch, Individualität unter Beweis zu stellen, sind Tätowierungen. Da denken sich die Leute etwas ganz Spezielles aus und stellen dann im Schwimmbad fest, dass doch alle das gleiche Tattoo haben. Wir können nur wählen aus dem, was es gibt. Überhaupt scheint mir der Versuch, Individuell oder authentisch zu wirken, ein Versprechen zu sein, das sich gar nicht einlösen lässt.

Interview: Katharina Derlin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
doc6xed1f9di3a10fnvy1xj
„Wer das sieht, will doch helfen“

Fotostrecke Kultur Allgemein: „Wer das sieht, will doch helfen“