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Wiesbaden sammelt für Nazi-Raubkunst

„Gelegenheit zur Wiedergutmachung“ Wiesbaden sammelt für Nazi-Raubkunst

Im Dritten Reich war das Museum Wiesbaden Sammelstelle für Kunst, die jüdischen Besitzern geraubt wurde. Bei der Rückgabe will das Museum Vorbild sein und setzt auf den Bürgersinn der Stadt.

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Das Gemälde „Die Labung“ des Malers Hans von Maares. Es hängt seit September mit der Rückansicht zu den Besuchern im Wiesbadener Museum.

Quelle: dpa

Wiesbaden. Das Museum Wiesbaden leistet auf ungewöhnliche Weise Wiedergutmachung für den Kunstraub der Nazis an jüdischen Besitzern. „Wiesbaden schafft die Wende!“ heißt die Aktion, und das ist im zweiten Stock des Museums wörtlich zu verstehen: Dort hängt das Gemälde „Die Labung“ des Malers Hans von Marées (1837-87) mit der Kehrseite zum Publikum. Einst gehörte das Bild dem jüdischen Industriellen Max Silberberg aus Breslau, der es 1934 auf Druck der nationalsozialistischen Machthaber verkaufen musste.

Wenn die Bürger der hessischen Landeshauptstadt bis zum 5. November genügend spenden, um den Erben das Gemälde abzukaufen, dann wird es umgedreht und öffentlich gezeigt. 93 000 Euro sollen zusammenkommen, wie Museumsdirektor Alexander Klar sagt. Damit sind ein Drittel des Kaufpreises und die Kosten der Kampagne abgedeckt. Für den Rest stehen die Kulturstiftung der Länder und der Verein „Freunde des Museums Wiesbaden“ ein.

„Wir wollen nicht nur ein Bild, sondern auch Unrecht wenden“, sagt Thilo von Debschitz, dessen Kreativagentur Q die Aktion entworfen hat. „Wiesbaden schafft die Wende!“ soll den Blick darauf lenken, wie viele unrechtmäßig erworbene Kunst noch in deutschen Museen lagert. Auch der Fall des Sammlers Cornelius Gurlitt hat gezeigt, dass viele Bilder noch nicht den Erben zurückgegeben worden sind.

Bei der Forschung nach der Herkunft von Kunstwerken, der Provenienzforschung, sieht sich Klar in Wiesbaden in besonderer Verantwortung. „Ich bin der fünfte Nachfolger von Hermann Voss“, sagt er. Voss (1884-1969) war zu Nazi-Zeiten Direktor des Museums und zugleich Beauftragter von Adolf Hitler, um Kunstwerke für das geplante Führermuseum in Linz zu sammeln. Zu Schleuderpreisen kaufte er Bilder in Deutschland und im besetzten Teil Europas auf, viele davon nahmen ihren Weg über Wiesbaden. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterhielt die US-Besatzung in der Kurstadt eine Sammelstelle für Kunstwerke aus den Nazi-Raubzügen.

Deshalb ist das Museum in den vergangenen Jahren tief in die eigenen Bestände gestiegen und hat mehrere Raubkunstwerke gefunden. Schon zweimal hat Wiesbaden Bilder an die rechtmäßigen Erben zurückgegeben oder ihnen abgekauft.
„Die Labung“ wurde als Teil der wertvollen Silberberg-Sammlung 1934 in Berlin versteigert. Der Unternehmer und seine Frau wurden im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Die Spur des Bildes verlor sich mit jener Berliner Auktion. Es muss über Jahrzehnte im Besitz einer Wiesbadener Familie gewesen sein, die es dem Museum 1980 vermachte. Das Museum gab das Bild den rechtmäßigen Erben der Silberbergs zurück. Besitzer heute ist eine Stiftung in Israel, der Gerta Silberberg Discretionary Trust.

„Es haftet Schuld daran, aber das gibt auch die Gelegenheit zur Wiedergutmachung“, sagt Klar. Er will beim Spendensammeln keine Zwischenstände nennen, ist aber zuversichtlich, das Ziel zu erreichen.

Im Museum stehen Besucher staunend vor der Rückseite des Bildes, die mit Aufschriften, Stempeln und Aufklebern von seiner Geschichte erzählt. Was „Die Labung“ (1879/80) zeigt, wer wen womit labt, bleibt vorerst ein Geheimnis. Hans von Marées gilt als Maler am Übergang von Klassik zur Moderne, er wird wie Arnold Böcklin oder Anselm Feuerbach zur Kunstrichtung des Idealismus gezählt. Soviel immerhin verrät von Debschitz: Das Bild sei „eher ein bisschen düster, ein bisschen mystisch.“

dpa

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