Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
„Wir verkleiden unsere Gefühle nicht“

„Wir verkleiden unsere Gefühle nicht“

Justin Sullivan ist das einzig verbliebene Gründungsmitglied von der Indie-Band New Model Army, die sich im Jahr 1980 gründete. Im Interview spricht der Sänger darüber, ob Menschen Idole brauchen und ob man die Welt noch retten kann. 

Voriger Artikel
Wenn Romeo seine Julia beim Fußball trifft...
Nächster Artikel
Rolling Stones kündigen Blues-Album an

Widerspenstigund wütend: Justin Sullivan, Frontmann von New Model Army.

Quelle: Jazz Archiv/Michi Reimers

Hannover. Justin, ich habe mein erstes New-Model-Army-Ticket aufgehoben. Es stammt aus dem Jahr 1989. Tourneeveranstalter war damals die Sound of Future GmbH...

Ich habe irgendwo gelesen, ich glaube, es war in einer Frauenzeitschrift, dass der Schlüssel zu einem glücklichen Leben eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis sind. Ich stimme dem zu. Es ist besser, nicht zurückzuschauen.

Aber wieso? Die Vergangenheit ist doch auch ein Fundament. Gerade New Model Army haben in den Achtzigerjahren viele junge Leute geprägt. Hatten Sie keinen Sound of Future, Bands, die Sie bis heute bewundern, weil sie Sie inspirierten?

Doch. Ich verstehe, was du meinst. Ich besuchte 1979 ein Konzert von The Ruts, und es veränderte mein Leben.

Sie zeichnen in den neuen Songs „Burn the Castle“ und „Winter“ das Bild einer verkommenen Welt, in der rücksichtslose Anführer die Menschen manipulieren. Sie fürchten sich vor dem Zeitalter der Konsequenzen. Ist die Welt noch zu retten?

Zur Person

Justin Sullivan (60) ist als einziges verbliebenes Gründungsmitglied Herz und Hirn von New Model Army. Die Gruppe, 1980 im englischen Bradford gegründet, ist eine typische Indie-Band der Achtziger. Bis heute setzt sie unermüdlich auf Punkpower und Pathos. Ihre Fans lieben sie für ihre Widerspenstigkeit und Wut.

Oh, machen Sie sich mal keine Sorgen um die Welt, der wird es gut gehen, die Welt verändert sich ständig, und zwar ziemlich unkontrolliert, aber dort, wo Sie das Böse entdecken, sehen Sie gleichzeitig auch das Gute erwachen. Wir singen seit Jahren darüber, dass etwas wie ein „Age of Consequence“ passieren wird. In „Winter“ blicke ich darüber hinaus. Ich sehne mich an einen Ort jenseits der Angst, selbst wenn dort Winter sein sollte. Denn Winter bedeutet Stille.

Der New-Model-Army-Sound passt gut zu „Game of Thrones“, und Sie könnten John Snow spielen, eine der Hauptfiguren. Er ist ein Krieger, der sich für Frieden und Gerechtigkeit starkmacht ...

New Model Army gelten zwar als politische Band, und in jedem Interview werde ich auf Politik angesprochen, aber das ist ein Missverständnis. Wir hatten nie vor, eine politische Band zu sein. Wir haben keine politische Agenda. Wir haben New Model Army gegründet, weil wir Musik machen wollten, etwas Wahres, nicht, weil wir eine Message hatten. Und das ist immer noch so. Wer unsere gut 240 Songs analysiert, stellt fest: Die wenigsten sind politisch. „Winter“ ist ein wütendes, düsteres und raues Album. Die Stücke entstanden im vorigen Jahr und sind teilweise vom Weltgeschehen beeinflusst, viele Lieder aber erzählen persönliche Geschichten.

Brauchen die Menschen in harten Zeiten Idole, die sich empören, so wie früher John Lennon?

Konzerttipp

Am Donnertag, 20. Oktober, stellt die Band New Model Army im Capitol ihr neues Album „Winter“ vor. Karten gibt es unter

(0511) 12 12 33 33.

Vielleicht. Aber John Lennon hat nur Songs geschrieben. Songs zu schreiben und sie zu singen ist keine so große Sache, nichts besonders Schwieriges. Songschreiber stellen sich nicht an die Frontlinie. Ich betrachte sie nicht als Helden.

Ärgert es Sie, wenn man NMA als „80th Post Punk Band“ bezeichnet - wie kürzlich in einem Kreuzworträtsel im „Guardian“? Man reduziert Sie dadurch auf Ihre erfolgreichen Achtzigerjahre, auf „51st State“, wie Ihr bekanntester Protestsong heißt ...

Ein Radiosender bat mich gerade erst, bei einem PR-Auftritt „51st State“ zu spielen. Ich sagte: Nein. Es ist ein Phänomen, dass die Fans, die von uns an die guten, alten Zeiten erinnert werden möchten, nicht mehr zu den Konzerten kommen. Weil sie wissen, dass wir das nicht tun. Hin und wieder bietet man uns sehr, sehr hohe Gagen, damit wir eine „Thunder and Consolation“-Erinnerungstour spielen. Das interessiert uns aber nicht. Wir haben nie etwas wegen des Geldes gemacht. Vergiss das Alte, es hat keine Bedeutung. Wer die alten Songs hören möchte, kann die alten Alben auflegen. Da sind sie drauf. Ich war vor zwei Jahren bei einem Konzert von Neil Young. Da hatte er nur drei Songs im Programm, die alle kannten. Es war ein hervorragender Auftritt, weil er das spielte, was er wollte, und nicht, was man von ihm vielleicht erwartet. Ich glaube, nur so bleibst du bedeutsam.

Aber es gibt doch Menschen, vielleicht junge Globalisierungsgegner, die „51st State“ bisher gar nicht kennen ...

Wenn wir den Song spielen wollen, dann spielen wir ihn. Wir weigern uns nur, ihn immer spielen zu müssen.

Sie sind 60 Jahre alt. Ist Ihre Wut noch genauso stark wie früher?

Viele Menschen finden inneren Frieden, fühlen sich mehr und mehr mit sich oder der Welt im Reinen, wenn sie älter werden. Ich habe Leonard Cohen und Patti Smith live erlebt, ihnen scheint das zu gelingen, aber es macht sie gleichzeitig zu weniger interessanten Künstlern. Bei mir ist es anders. Ich fühle weiterhin Unruhe in mir, die stärker ist als damals, als wir die Band gründeten.

Sie sind weiter auf der Suche?

Ich war nie jemand, der bei A verharrt, ich will aber auch nicht wirklich bei B ankommen. Ich mag es im Dazwischen.

Immer wieder fragen Sie in Ihren Songs: Was werden unsere Kinder nur über unsere Generation sagen? Haben Sie Kinder?

Gerade erst, nach dem Brexit-Votum, beklagten sich viele junge Leute über die älteren: „Ihr hattet alles - und uns wollt ihr es vorenthalten?“ Meine Generation ist nach dem Zweiten Weltkrieg in eine Periode des Optimismus geboren worden. Wir, die Babyboomer, wollten es besser machen, und nun hinterlassen wir dieses verdammte Chaos. Nein, ich habe keine Kinder.

Was würden Sie jungen Leuten sagen?

I am sorry ... (längere Pause) ... Ich kann nur für mich sprechen. In „Tomorrow Came“ singe ich darüber, dass meine Generation alte Regeln wegfegen wollte, wir machten, was wir wollten. Es gibt aber einen Grund, warum nicht jeder das machen sollte, was er will: Weil jemand anderes dafür bezahlt. Wir Babyboomer sind von der fast schon religiösen Idee besessen, für immer jung zu bleiben. Der Lauf der Dinge aber ist, älter zu werden und Verantwortung zu übernehmen.

Die „Sunday Times“ hat New Model Army gerade als „painfully serious“ bezeichnet. Sie wirken tatsächlich ein bisschen aus der Zeit gefallen, weil Sie ernsthaft und nicht zynisch oder selbstironisch sind.

Eigentlich scheuen sich Engländer, ihre Gefühle offen zu zeigen. Dafür sind wir bekannt. Englische Künstler wie Morrissey oder Jarvis Cocker von Pulp singen über ihre Gefühle mit viel Ironie. New Model Army sind dagegen sehr unenglisch, wir verkleiden unsere Gefühle nicht.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Billy Talent in Hannover

Billy Talent in Hannover: Die besten Bilder des Konzerts in der Swiss-Life-Hall.