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Die Kunst der Beiläufigkeit

Wladimir Kaminer im Pavillon Die Kunst der Beiläufigkeit

Er ist wieder einmal in Hannover mit seinem großen Gespür für die richtige Portion Lakonie: Wladimir Kaminer drechselt Pointen im Pavillon.

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Wladimir Kaminer im Pavillon.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Er erzählt einfach da weiter, wo er vor einem Jahr stehen geblieben war. Bei der Pubertät seiner Kinder. Zum Glück sei die fast vorbei. Stattdessen quäle sich der Sohn jetzt durch die elfte Klasse. Habe sich für Geschichte und Kunst als Kernfächer entschieden, weil Papa da helfen kann. „Aber ich bekomme schlechte Noten“, beklagt sich Wladimir Kaminer auf der Bühne des Pavillon.

Er könnte mit seinen Zuhörern auch auf dem Wochenmarkt stehen. Letztlich betreibt er in seinen Geschichten vor allem charmanten Familientratsch. Locker wechselt er zwischen Büchern, Manuskripten und frei Erzähltem. Und doch steckt in dieser Beiläufigkeit sorgsam betriebenes Handwerk. Kaminer kann nicht nur fesselnd plaudern. Tatsächlich zeigt sich der hervorragende Autor vor allem in den Pointen seiner Alltagsbeobachtungen.

Es sind trockene, gut konstruierte Pointen. Schlau und schleichend aufgebaut, sodass in der Regel ein Satz reicht, um den entscheidenden Mehrwert herzustellen. Altmodisches Handwerk im besten Sinne, irgendwo zwischen Brechts K-Geschichten und den Abenteuern von Piggeldy und Frederick aus dem Sandmännchen. Dabei kommt Kaminer ein großes Gespür für die richtige Portion Lakonie zugute, die er aus seiner russischen Muttersprache erfolgreich ins Deutsche rettet.

Er fesselt in seinem fast ungebremsten, aber bedächtigen Sprachfluss durch eine subtile Dosis Übersteigerung und entlarvende Verallgemeinerungen. Seine Mutter mag keine Treppen? „Europa besteht fast nur aus Treppen“, seufzt er und erzählt von ihrem Hobby, diese zu fotografieren und in Alben einzusortieren.

Sein aktuelles Buch „Das Leben ist (k)eine Kunst“ vorzustellen, ist ihm schon fast zu langweilig. Das Leben geht ja weiter. Lieber erzählt er also vom nächsten Buch über seine 84-jährige Mutter. Davon, dass er am liebsten darin auch über seine Heimat schreiben würde, über politische Konflikte, die sich in Russland alltäglich abbilden, durch jeden Küchentisch ziehen.

Aber das Projekt „Mama und Putin“ habe dem Verlag nicht gefallen. Also erst Mama. Und Putin dann 2017, zum Jahrestag der Oktoberrevolution. Und eigentlich würde er ja gerne mehr über Flüchtlinge schreiben, 1990 war er schließlich selbst einer in der DDR. Und darüber, warum Deutschland als vieles tauge, aber nicht als das Paradies, das sich viele auf ihrem Weg hierher erträumen. „Ausgerechnet Deutschland“ würde er das Buch nennen. „Aber das will keiner haben“, sagt er. Und kündigt an, die Geschichten einfach erst mal zu sammeln.

Es sei wichtig, über Tragödien auch mal lachen zu können, sagt Kaminer. Dass er wie im Vorübergehen Shakespeare und dessen „Macbeth“ zu streifen vermag, sagt viel über Kaminer als Autor aus. „Wir können beim nächsten Mal da weitermachen, wo ich jetzt aufhöre“, verabschiedet er sich leutselig. Bevor er sich und allen anderen ganz unironisch „ein friedliches und solidarisches Europa“ wünscht.

Von Thomas Kaestle

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