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Kultur Der Fluch der Fülle
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00:15 20.01.2016
Von Ronald Meyer-Arlt
Gardena-Theater, Hagen Oechel am Schlauch; nass gespritzt werden: Carolin Haupt (v. l.), Günther Harder und Johanna Bantzer.  Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Wolf unter Wölfen“ passt gut in unsere Zeit. Eigentlich. In seinem 1937 erschienenen Krisenroman erzählt Hans Fallada einige Geschichten aus dem Jahr 1923. Die Inflation ist sein großes Thema, und das nimmt er auch formal auf. Fallada macht viele, viele Worte und verknüpft viele, viele Erzählstränge: Mehr als 1200 Seiten umfasst der Roman, der eine glühende Liebesgeschichte vor trostlosem Grund in Berlin und eine Erzählung von den Schwierigkeiten des Lebens auf einem Landgut miteinander verschränkt. Die Stofffülle ist erheblich. Aber das ist ja kein Grund, den Roman nicht auf die Bühne zu bringen. Das Theater hat schließlich schon ganz andere Brocken verdaut.

Der unerschrockene Dramaturg und Autor John von Düffel hat eine Fassung entwickelt, die im April 2013 am Deutschen Theater in Berlin zur Uraufführung kam. Die Kritiken von damals durchwachsen zu nennen wäre schmeichelhaft. „Zum Weinen, wäre es nicht extrem zum Gähnen“, schrieb Irene Bazinger in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Aufführung damals dauerte etwa drei Stunden.

Regisseur Sascha Hawemann, der den Inflationsroman jetzt auf die Bühne des Schauspiels Hannover bringt, braucht deutlich länger. Erst nach drei Stunden und vierzig Minuten verbeugen sich die Schauspieler, von denen einige recht mitgenommen aussehen (kein Wunder: Sie wurden mit Wasser bespritzt und mit Torf eingerieben). Die Zuschauer applaudieren freundlich. Vielleicht ein bisschen auch sich selbst. Schließlich haben sie durchgehalten. Nicht alle haben das geschafft. Besorgniserregend viele Besucher haben das Theater bereits zur Pause (nach zwei Stunden) verlassen.

Provoziert worden sind sie von Hawemanns Inszenierung (nach einer Fassung, die er zusammen mit dem Dramaturgen Johannes Kirsten entwickelt hat) aber nicht. Die Gründe für den vorzeitigen Abschied mögen andere gewesen sein: Langeweile vielleicht oder Überdruss an dieser recht gängigen Form von Romanerzählung auf der Bühne.

Regisseur Sascha Hawemann bringt den Roman "Wolf unter Wölfen" im Schauspiel Hannover.

Hawemann geht mit dem Roman so um, wie man das heutzutage im Theater eben so macht. Fast jede Figur wird von mehreren Schauspielern gespielt, nicht alles ist Dialog, es gibt viele erzählerische Elemente, in denen die Schauspieler den Text wiedergeben, wichtige Texte spricht man im Chor, ein multifunktionales Bühnenbild kann schnell verschiedene Schauplätze herstellen, und auf der Rückwand laufen Videos. Das ist erprobt und funktioniert bei Thomas Manns „Buddenbrooks“ genauso wie bei Uwe Tellkamps „Der Turm“. Hier funktioniert es auch - aber vielleicht zu glatt.

Liegt es an der Gängigkeit der inszenatorischen Mittel, dass einen dieser Stoff so gar nicht packen will? Oder an dem Bühnenbild von Alexander Wolf, das einige Szenen weit nach hinten, weit weg vom Publikum schiebt? Oder liegt es an den langweiligen Videos, die fortwährend Feldmark oder Wald an die Rückwand projizieren? Oder liegt es an den Schauspielern, die zwar fast alle gut aufgelegt wirken (besonders Carolin Haupt als Violet von Prackwitz und Rainer Frank als Etzel von Studmann) und mit viel Witz spielen, manches aber leider auch geradezu kabarettistisch aufblasen? Wenn Sarah Franke als Wirtin schwer berlinert, wenn Hagen Oechel als Leutnant tragisch herumfinstert oder Johanna Bantzer als schwangere Petra Ledig erbarmungswürdig leidet, dann ist das von allem ein bisschen zu viel.

Das ist wohl das Grundproblem dieser Inszenierung: von allem zu viel und vom Wichtigen zu wenig. Jedenfalls findet sich hier kaum etwas, das trifft, verstört, packt. Hawemanns Inszenierung wirkt, als schaue man durch ein umgedrehtes Fernrohr auf Falladas Roman. Sie bringt uns weder die Figuren noch den Schrecken der Inflation nah.

Weitere Vorstellungen am 20., 23. und 30. Januar sowie am 3., 19. und 26. Februar.

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