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Wie das Leben so spielt

Woody Allen wird 80 Wie das Leben so spielt

Neurotisch, melancholisch, intellektuell: Filmemacher Woody Allen feiert am Dienstag seinen 80. Geburtstag.

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Die Inkarnation des schlaflosen New Yorkers: Woody Allen.

Quelle: imago

New York/Hannover. Am Anfang seiner Karriere war Woody Allen, der am 1. Dezember 80 wird, nur ein weiterer brillanter Tolpatsch, ein Meister des Missgeschicks, ein komischer Verlierer, der uns zeigte, wie das Leben so spielt und wie man es besser nicht macht.

Von ihm lernen

Seine dritte Rolle überhaupt war die des James Bond Junior in der 007-Persiflage "Casino Royale" (1967). Und was man von dem Bond-Spross lernen konnte, war, dass man auf der Flucht vor Erschießungskommandos auf keinen Fall über die Mauer hinter einem klettert. Denn auf der anderen Seite wartet höchstwahrscheinlich nur ein weiteres Kommando.

Und "Woody, der Unglücksrabe" (1969) brachte uns die Lehre, dass man sich für die Flucht aus einem Gefängnis besser keine Pistole aus Seife schnitzt. Denn wenn es dann regnet, sieht es plötzlich aus, als habe man eine schamponierte Hand.

Auf neue Weise komisch

Allen zeigte uns, dass man auch mit einem Schaf glücklich sein konnte, und war überdies ein trübseliges Spermium in "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten". Einer, der komisch war, auf neue Weise.

Zum New Yorker Woody Allen, der Inkarnation des nie schlafenden Manhattan, zum Meister der Melancholie, der Neurosen, des intellektuellen Humors, des jüdischen Sprachwitzes, wurde er dann mit seiner Rolle des Alvy Singer in "Der Stadtneurotiker" (1977).

Woody Allen als Comicfigur

Und weil er hilflos, zweiflerisch, sehnsüchtig war wie jeder seiner Zuschauer, nur eben viel viel ausgeprägter, und im Leben auch noch aussah wie auf der Leinwand, begann man, die Rollen des schmächtigen Mannes mit der dicken Brille und dem Begehr nach weiblicher Anerkennung und außergewöhnlichem Sex mit dem Menschen gleichzusetzen.

Dazu trug auch bei, dass ihm – wie Dick und Doof und dem Tramp Charlie Chaplin – die Ehre zuteil wurde, zur Comicfigur zu werden. In den Zeitungs-Strips "Inside Woody Allen" lag das Strichmännchen Woody bis tief in die Achtzigerjahre hinein meist auf einer Couch und erklärte einem Therapeuten seine Seele.

Missbrauchsvorwürfe

Und wegen dieser Überlappung von Leben und Kunst konnten sich viele kaum vorstellen, wie die Schauspielerinnen Diane Keaton und Mia Farrow sich in einen so unsicheren Menschen verlieben konnten. Dass er anders ist, klar und strukturiert, entspannt und nie neurotisch, ein auf leise Weise äußerst charismatischer Mensch, beteuern Weggefährten bis heute so oft wie vergebens.

Deshalb verübelte man es nicht dem Menschen, sondern der Kunstfigur Woody Allen, dass er eine Beziehung mit der viel jüngeren Soon-Yi Previn eingegangen war, mit der er seit 1997 verheiratet ist. Der von Farrow 1992 geäußerte Vorwurf, er habe ihre andere Adoptivtochter Dylan als Kind missbraucht, wog ungleich schwerer.

Er pflegt sein Image

Erst als ihn 2014 Farrows Adoptivsohn Moses im "People"-Magazin vehement gegen neuerliche Angriffe verteidigte und von einer Rachekampagne Farrows wegen Allens Affäre mit Soon-Yi sprach ("Nicht auf der Seite meiner Mutter zu sein, war furchtbar"), legte sich langsam wieder das Bild des Stadtneurotikers über das Bild des Päderasten.

Dieses Image pflegt der Mann, der in Brooklyn als Witzeschreiber begann, bis heute, bestärkt es in jedem Interview. Leicht schusslig, nörglerisch, hadernd mit einem Gott, den es nach seinem Dafürhalten gar nicht gibt, mit der Sterblichkeit und dem Fluch einer Fernsehserie, die er für Amazon drehen musste und die ihm nicht von der Hand gehen will (die in Wahrheit aber schon ebenso "im Kasten" ist wie der Nachfolgefilm zum aktuellen "Irrational Man", der gerade im Kino läuft).

Alles Mumpitz

Allen behauptet, Castings zu hassen und zu seinen Schauspielern keinerlei Kontakt zu pflegen, der über die bloßen Regieanweisungen hinausginge. Nie würde er eine Emma Stone fragen, was sie am Wochenende vorhabe oder sich mit ihr zu einem Dinner treffen. Überhaupt scheint es, als drehten sich seine Filme von selbst und bekämen hinterher nur sein Siegel: Made by Allen. Alles Mumpitz.

Er spielt zuweilen Jazz auf der Klarinette. Lobt man ihn dafür, kann er nicht damit umgehen, wiegelt ab, der Jazz sei nur Hobby. Und so verzichtet man besser auf Komplimente. Es ist mit ihm und wird auch so bleiben, wie es der Volksmund schon immer wusste: Allen kann man’s nicht recht machen.

Von Matthias Halbig

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