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Kultur Wundersame Ausstellung in der Kunsthalle Faust
Nachrichten Kultur Wundersame Ausstellung in der Kunsthalle Faust
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16:11 05.07.2010
Von Johanna Di Blasi
Patchwork: Installation von Eva Merz, Rosmary Labarca und Luisandra Briceno Quelle: Handout

Seit dem internationalen Erfolg des Romans „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann, in dem der Autor die Biografie des Naturforschers Alexander von Humboldt (1769–1859) fiktiv ausmalt, ist es zu einer regelrechter Humboldt-Renaissance gekommen. Der im Dschungel schwitzende, von Läusen und Flöhen geplagte, von Wissensdrang und preußischer Disziplin getriebene Forscher, dessen 150. Todestag im Vorjahr gefeiert wurde, weckt vielfältige Phantasien.

Schriftsteller, Dokumentarfilmer und Künstler wandeln auf seinen Spuren. Welch hoher Kredit ihm und seinem ebenso berühmten Bruder Wilhelm, dem Kulturwissenschaftler, in Zeiten forcierter Globalisierung gegeben wird, zeigt nicht zuletzt, dass das Forum für außereuropäische Kulturen im geplanten Berliner Stadtschloss Humboldt-Forum heißen wird. Dort soll ein neuer Umgang mit den in Kolonialzeiten nach Europa gebrachten Objekten erprobt werden.

Auch niedersächsische Kunststudenten sind nun auf den Spuren des großen Naturforschers gewandelt – und dabei bis nach Venezuela gekommen. Kunststudierende der Fachhochschule Ottersberg – neben der Braunschweiger Akademie ist das inzwischen die einzige Künstlerausbildungsstätte im Land – und angehende Künstler der Facultad Experimental de Arte der Universidad del Zulia haben sich in der Millionenstadt Maracaibo gemeinsam dem deutschen Naturforscher gewidmet. Auch in Lateinamerika steht Humboldt in hohen Ehren – man erinnert sich insbesondere seiner sozialen Projekte.

Die Ergebnisse des deutsch-venezolanischen Kulturaustausches sind in einer kleinen Ausstellung in der Kunsthalle Faust in Hannover zu sehen. Ihr Titel, „Mücken drücken und Kröten lecken“, klingt zwar, als hätten die Professoren Michael Dörner und Luis Gómez mit ihren Studenten einen Wettbewerb für den ulkigsten Ausstellungstitel gewinnen wollen. Die Schau aber ist sehenswert.

Mit akribischen Fundsachensammelsurien, Videokunst und Patchwork im Favela-Stil evoziert die Ausstellung dichte Stimmungen zwischen „Hundert Jahre Einsamkeit“ und „Traurige Tropen“.

In vielen Beiträgen spielen organische Materialien eine Rolle, etwa bei den Schleimspurzeichnungen einer Schnecke, die Isabel Jennrich über Papier hat kriechen lassen. Susanne Hoffmann überblendet in einem fiebertraumartigen Video Tierisches und Menschliches, bis sich Grenzen zwischen den Arten auflösen. Unheimlicher Höhepunkt ist eine Unterwasseraufnahme eines Mahls, bei dem silbrige Fische Reste eines Schafskadavers zu verzehren scheinen.

Eindringlich ist auch Finn Klammers Spiel mit selbst gefertigten Masken – eine Auseinandersetzung mit den uns so fremden lateinamerikanischen Totenfesten. Der aus Venezuela kommende Künstler Agustín Rincón hat natürliche Auflösungsprozesse klug ins Metaphorische gewendet: Er hat aus niedersächsischem Rollrasen eine Karte seines Landes nachgebildet – ein zunehmend vertrocknendes und schrumpfendes Gebilde. Sogar eine kleine Forscher- und Eremitenhütte, so wie sie Humboldt in den Tropen zur Verfügung hätte stehen können, haben die Studenten gebaut. Und über Kopfhörer kann man die Tagebücher des legendären Forschungsreisenden hören.

Hannover ist bereits die zweite Station der Schau. Die Premiere war Anfang des Jahres beim alljährlichen Kunstfest „Velada de Santa Lucia“ in Maracaibo. Die Studenten aus Niedersachsen haben sich erstmals daran beteiligt. Initiatorin des Festivals ist die in Hamburg lebende Mäzenin Clemencia Labin. Ausstellungsort sind private Häuser; anfangs waren es ein paar, heute sind es mehr als vierzig. In einem ganzen Straßenzug in Maracaibo, früher auch Neu-Nürnberg genannt, öffnen Bewohner der Kunst ihre Pforten; ein Projekt, das man importieren könnte. Humboldt wäre bestimmt begeistert gewesen.

Die Ausstellung "Mücken drücken und Kröten lecken" in der Kunsthalle Faust, Zur Bettfedernfabrik 3, bis 11. Juli, donnerstags bis freitags 16 bis 19 Uhr, sonnabends und sonntags 14 bis 18 Uhr.

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