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10:22 28.03.2015
Die Kette ist im Rahmen der Ausstellung im Roemer-und Pelizaeus-Museum zu sehen. Quelle: HAZ
Hildesheim

Es ist eine Arbeit aus 21 Glasperlen und einer Bernsteinperle, kunstvoll in konische Form geschliffen und in farblichem Wechsel aufgefädelt auf eine Kette. Doch das wirklich Spektakuläre an diesem Schmuckstück ist sein Fundort: Das Kleinod lag im Grab einer jungen Frau. Dieses lag unter jener Kapelle, die als erstes Gotteshaus dort stand, wo sich heute die Krypta des Hildesheimer Doms wölbt. Die Perlenkette zählt damit zu den ältesten bislang vorgefundenen Zeugnissen menschlicher Kultur in Hildesheim.

Wie tief sich die historischen Schichten dieser Stadt freilegen lassen, das hat die mehrjährige Grabung im Dom gezeigt. Welche Schätze und Erkenntnisse dabei gewonnen wurden - davon bietet jetzt das Roemer- und Pelizaeus-Museum einen Eindruck. In einer Ausstellung, die so ehrgeizig ist, wie ihr Titel es ahnen lässt: „Die Wurzeln der Rose“.

Denn diese von Museumschefin Regine Schulz und Grabungsleiter Karl Bernhard Kruse gemeinsam projektierte Schau unternimmt nichts Geringeres als die Rekonstruktion der Anfänge Hildesheims. Sie bietet einen Eindruck ihres mittelalterlichen Reichtums. Sie dokumentiert, dass sich wirklich empirische Hinweise auf den Gründungsmythos dieser traditionsreichen Stadt aufspüren lassen. Und sie bildet selbst nur den Auftakt für weitere Ausstellungen im Stadt- und Dommuseum sowie für einen Rundgang an 15 Stelen entlang, die historische „Rosenorte“ markieren.

Nach dem Mythos von der „Tausendjährigen Rose“ hat Kaiser Ludwig der Fromme hier im Jahr 815 eine Kapelle zu Ehren Marias errichtet, aus Dank dafür, dass er in den Ästen eines daneben stehenden Rosenstrauchs ein verlorenes Reliquiar wiedergefunden hat. Das Grabungsteam um Kruse, Architekturprofessor und Mittelalterexperte, hat bei Grabungen im Mariendom nun tatsächlich Fundamente einer Kapelle entdeckt, und zwar unter der Krypta, also unweit vom Rosenstock.

„Damit ist aus tradiertem Wissen ein Stück weit empirische Gewissheit geworden“, sagt Regine Schulz und hebt die Exklusivität des Projekts hervor: „Hier werden neueste Forschungsresultate präsentiert, noch bevor sie der Fachwelt vorgestellt werden - eine solche Gesamtschau ist selten, und für Hildesheim hat es sie noch nie gegeben.“

Die Sonderausstellung beginnt mit einem dreidimensionalen Stadtmodell, in dem die Entwicklungsphasen Hildesheims um Dom und Andreasviertel, das Michaelis-, Bartholomäus- und Godehardkloster erläutert werden, und bietet etliche Mitmachstationen. Sie lädt zu Schreibversuchen in karolingischen Minuskeln ein. Zum Prägen von Münzen mit der Inschrift „Ego sum Hildensemensis“, die im Mittelalter von Köln bis Posen und von Stockholm bis Venedig verbreitet waren. Und mit Bauklötzen kann man auch seine eigene mittelalterliche Stadt errichten.

Spannender ist es aber, die Epochen sakraler Bautätigkeit in Hildesheim zu erleben. Sie werden hier - vom Frühmittelalter bis zur Neuzeit, von der Kapelle über eine Kirche bis zu mehreren Domanlagen - in parallelen Holzmodellen visualisiert. Daneben präsentieren die Kuratoren Markus Blaich und Ulrich Knufinke weitere Grabungsfunde, darunter auch mittelalterliche Bauteile wie einen rautenförmigen Backstein oder einen Dachziegel mit der Stempelinschrift „Bernward“, die auf den bischöflichen Bauherrn der Michaeliskirche Anfang des 11. Jahrhunderts hinweist.

Zu den neuen Erkenntnissen aus der vierjährigen Grabungszeit im Dom zählt nach den Worten von Regine Schulz nicht nur die Gewissheit, dass dort vor dem Dom eine Kapelle und ein Friedhof waren. „Wir können auch nachweisen, dass der Dom im 10. Jahrhundert verlagert und erst später wieder zum Standort der Kapelle zurückverlagert worden ist.“ Und überhaupt: „Wir sind jetzt in der Lage, die Entwicklung der Stadt vom 9. Jahrhundert bis zum Anbruch der Neuzeit nachzuzeichnen, und das zu mindestens 95 Prozent präzise.“ So zeichnet auch die Ausstellung diese Entwicklung nach - als zunehmende Abgrenzung von bürgerlicher und sakraler Welt, etwa anhand historischer Urkunden: Da ist eine Ablassurkunde von Papst Innozenz für Spender im Godehardikloster von 1247 zu sehen, aber auch das 1249 noch von Bischof Heinrich I. im Jahr gewährte Stadtrechtsprivileg mit dem bedeutungsvollen Artikel 52: „Stadtluft macht frei“. Und ein halbes Jahrhundert später gibt Hildesheim sich schon selbst Stadtstatuten, ein eigenes, bürgerliches Recht.

Dass die Ausstellung hier, mit Anbruch der Neuzeit, endet, ist Teil einer Museumsstrategie, die Besucher noch in weitere Häuser locken soll - im Knochenhaueramtshaus wird die bürgerliche, im Dommuseum die sakrale Stadtgeschichte Hildesheims in die Gegenwart fortgeschrieben.

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