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Mit der Kittelschürze zum Reenactment

Neuer Ort für Kunst in Linden Mit der Kittelschürze zum Reenactment

Ein neuer Ort für die Kunst: In der Lindener „Zentralidee – Nährboden für Streitkultur und künstlerische Ausdrucksformen“ soll künftig Kunst und Kultur gezeigt und vor allem gefördert werden. Mit dem Reenactment-Projekt „Aufstand aus der Küche“ wird zum Umdenken aufgerufen. 

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Kittelschürze mit Schale, Kelle und Pfanne: Szenen aus dem Reenactment-Video zu „Semiotics of the Kitchen“ von Martha Rosler.

Quelle: Ribbe

Hannover . Hannover hat einen neuen Kulturraum: die „Zentralidee – Nährboden für Streitkultur und künstlerische Ausdrucksformen“ in Linden. Seit Anfang Juli stellen die Gründer Mareike Hantschel, Ingeborg Hoffmann und Daniel Lang die Zentralidee Kulturschaffenden zur Verfügung. In den Räumen am Klewergarten 4 soll künftig Kunst und Kultur gezeigt und vor allem gefördert werden. Neben Theaterabenden planen die Macher auch Lesungen, Ausstellungen und Workshops, die in Interaktion mit dem Publikum stattfinden sollen. Dabei gehen die Gründer von einem weiten Kulturverständnis aus: Kultur soll für alle und erschwinglich sein. Der Eintritt zu den Veranstaltungen wird in Form von Spenden angenommen.

Mit dem Kochtopf für die Frauenrechte

Dass die gemeinschaftliche, künstlerische Arbeit im Zentrum der Zentralidee steht, ist auch bei der ersten Veranstaltung nach der Eröffnung zu spüren. Mit „Aufstand aus der Küche, Teil I (neu)“, dem ersten von drei Teilen eines größeren Kunstprojektes, laden die Performerinnen Katrin Ribbe, Lucie Ortmann, Mareike Hantschel zusammen mit Maik Schlüter als „männlicher Experte“ zum Reenactment-Seminar. In Kittelschürze, Business-Rock und Postbotenjacke setzt sich die Gruppe mit den Rollenbildern in unserer (Arbeits-)Gesellschaft auseinander.

Damit verfolgt sie eine Idee, die bereits im vergangenen Jahr innerhalb der Montagsbar-Reihe des Schauspiel Hannover ihren Anfang gefunden hat: Mit der Nachstellung der Video-Performance „Semiotics of the Kitchen“ der amerikanischen Künstlerin Martha Rosler soll unsere konventionelle Sicht auf die Gesellschaft hinterfragt werden. Roslers Schwarz-Weiß-Video aus dem Jahr 1975 gilt als ein Paradebeispiel der Performance-Kunst. Darin präsentiert die Künstlerin in alphabetischer Reihenfolge nacheinander verschiedene Küchenutensilien. Mit der monotonen Vorführung von Kochtopf, Nudelholz und Suppenkelle stellt Rosler die (häusliche) Rolle der Frau in Frage.

Tim Hunt und die erste Müllfrau

Damit leistete die Künstlerin einen wichtigen Beitrag zur Frauenbewegung der Siebzigerjahre – und ist heute relevanter denn je. Das zeigen die Performerinnen anhand von aktuellen, kontrovers diskutierten Beispielen: Da wird das Haushaltsgeld zum „wife bonus“, das Ehegattensplitting zur Gefahr für die traditionelle Familie (Norbert Blüm) und Bruce Jenner zu Caitlyn Jenner. Auch werden eine Reportage über die erste Müllfrau in Hamburg gezeigt und auf Projektor-Folien gezogene Twitter-Reaktionen auf die Äußerung von Nobelpreisträger Tim Hunt, der behauptete, dass Frauen in Laboren hinderlich für die Arbeit seien. Mit den Beispielen werfen die Performerinnen die Frage in den Raum, inwiefern Berufe noch immer dem Geschlecht zugeordnet werden.

Lieber selber machen: „Das Alphabet der Arbeit“

Das sind komplexe Themen, die zwischen Gleichberechtigung, Rollenverständnis und (Lohn-)Gerechtigkeit changieren – immer im Fokus der Leistungsgesellschaft, in der wir leben. Überfordert wird man aber nicht: Zusammen mit den Mitmach-Theater-begeisterten Gästen wird eine eigene Performance in Orientierung an „Semiotics of the Kitchen“ erarbeitet. Unter dem Titel „Alphabet der Arbeit. Nach Martha Rosler“ werden Gebrauchsgegenstände wie Feuchttücher, Coffee-to-go-Becher, Smartphones oder Ordner auf ihre Funktionen heruntergebrochen und dadurch ihrer Bedeutung entzogen. Das macht nicht nur Spaß, es zeigt auch, dass vermeintlich feststehende Begriffe, wie das Verständnis von Frau und Mann, nur von uns selbst bestimmt werden – und deswegen auch von uns selbst geändert werden können.

Um das herauszufinden, ist die Zentralidee der passende Ort. Die lockere Atmosphäre gewährt nicht nur Pausen innerhalb der Aufführung, sondern auch Gespräche mit den Performerinnen am Ende der Veranstaltung. Fast vergisst man, seine Kittelschürze abzulegen, bevor man die Zentralidee verlässt.

Von Melanie Huber

Veranstaltungstipp

Am 15. Oktober geht „Aufstand aus der Küche“ in die zweite Runde. Mit „I am not bossy, I am the boss“ wird eine Porträtserie über selbstständige Frauen in Hannover gezeigt. Am 15. Dezember gibt es im dritten Teil eine Dinner Party . Ort: Zentralidee, Klewergarten 4.

Informationen zu weiteren Veranstaltungen der Zentralidee gibt es auf der Facebook-Seite.

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