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Zeugen der Sehnsucht

Cumberlandsche Bühne Zeugen der Sehnsucht

Poesie des Herzens versus Prosa der Verhältnisse: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk gestalten einen feinsinnigen Liederabend im Geiste von Madame Bovary – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie.

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Unterwegs: Madame Bovary – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie.

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Es ist eine eigentümliche Gesellschaft, die sich da allabendlich versammelt. Drei Männer, drei Frauen - unterschiedlichen Alters. Sie finden sich an einem Ort ein, der aus der Zeit gefallen scheint, museal fast, nicht jedem Dahergelaufenen offenstehend, nur den Wissenden. Womöglich ist es ein Fluchtort vor der unwürdigen, banalen Wirklichkeit. Jedem Gegenstand - so scheint es - ist mit großer Sorgfalt ein Platz zugewiesen, jede Verrückung bedroht die Ordnung, Angefasstes wird sofort zurückgestellt. Unübersehbar lässt sich erkennen, mit welch zärtlicher Zugewandtheit die Eingetretenen dem Interieur begegnen, als seien dessen Einzelteile kostbare Relikte eines Lebens. Oder besser: Zeugen einer Empfindung, der Sehnsucht, die hier - und dazu dient offenbar diese Zusammenkunft an diesem Ort - bewirtschaftet wird.

Schon hört man eine leise Melodie, die Saiten von vier Celli beginnen zu schwingen, sechs Stimmen versuchen einander zu finden, dem Plattenteller wird Schwung gegeben, und es ertönt die sonore Stimme Gert Westphals, der, lange bevor das Hörbuch zum Leseersatz wurde, den zu Gehör gebrachten Roman zu einer eigenen Gattung führte. Er liest Gustave Flauberts Jahrhundertroman „Madame Bovary“. Jenes Sittenbild aus der Provinz, so die Unterzeile, löste bei seinem Erscheinen einen Eklat aus und zwang den Autor 1857 wegen Beleidigung der Moral, der Religion, der Familie, der Verherrlichung des Ehebruchs und Befürwortung des Selbstmords vor die sechste Strafkammer des Pariser Gerichts. Wie nun diese Vertreter weiblichen und männlichen Geschlechts, deren Tun und mancher erfrischenden Exaltiertheit wir an diesem Abend beiwohnen werden, außerhalb dieser Räumlichkeit zueinander stehen, wissen wir nicht. Aber hier, zwischen Abspielgerät, Sesseln, Vitrinen und Hammondorgel scheint sie die Liebe zur Literatur zu einen, dieser kostbaren Gegenwelt, und besonders die Liebe zu der Titelfigur jenes flaubertschen Romans: Emma Bovary. Ihr größter Wunsch ist es, „Leidenschaft, Entzücken, Rausch“ zu erleben. Versprechen der zeitgenössischen Herz-Schmerz-Literatur, in deren Lektüre Emma sich stürzt und die der Alltag nicht einlöst. Am Ende begegnet sie der Spießigkeit ihrer Umwelt mit selbstmörderischer Konsequenz.

Clemens Sienknecht, Theatermann, Musiker mit Herz für die Gescheiterten und mit empathischem Blick für die Keime der Lächerlichkeiten unseres Lebens, kehrt mit dieser Inszenierung nach nunmehr acht Jahren an das Schauspiel Hannover zurück. Unvergessen sind seine Programme „Ladenhüter“, „Plattenladenhüter“ und „Der letzte Laden“ in der Cumberlandschen Galerie. Inzwischen widmet er sich gemeinsam mit seiner Frau, der Regisseurin Barbara Bürk, den berühmtesten Seitensprüngen der Weltliteratur. Mithilfe der Musik begeben sie sich auf die Suche nach der Lösung des Konflikts zwischen der Poesie des Herzens und der Prosa der Verhältnisse. Nach Theodor Fontanes „Effi Briest“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, das zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, folgt am Schauspiel Hannover nun der zweite Streich. Wir wollen nicht verschweigen, dass der vollständige Titel der Produktion lautet: „Madame Bovary - allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“. Sienknecht und Bürk machen sich die Popularität des Titels zunutze: Je bekannter der Text, desto leichter lässt er sich unterwandern. Und darum darf an dieser Stelle der Hinweis nicht fehlen: Vielleicht kommt am Ende alles ganz anders.

Judith Gerstenberg

Mit: Johanna Bantzer, Beatrice Frey, Mathias Max Herrmann, Sophie Krauß, Friedrich Paravincini und Clemens Sienknecht

Madame Bovary – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie

von Clemens Sienknecht und Barbara Bürk

Premiere

17. September, 20 Uhr, Cumberlandsche Bühne

anschl. Premierenfeier

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