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Zinnober-Kunstfest präsentiert 59 Kunstorte

Die Qualität des Unüberschaubaren Zinnober-Kunstfest präsentiert 59 Kunstorte

Das 20. Zinnober-Kunstfest präsentiert mehr Kunstorte denn je: Die Szene gerät in Bewegung.

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Kunst macht Arbeit: Performance von Dagmar I. Glausnitzer-Smith im Kulturzentrum Faust.

Quelle: Frank Wilde

Hannovers Kunstpublikum verliert den Überblick: Mit 59 Kunstorten war das traditionelle Kunstfest Zinnober in seinem 20. Jahr so umfangreich wie nie zuvor. Die Unüberschaubarkeit hat indes nichts mit Beliebigkeit zu tun. Sie ist Ausdruck einer neuen Qualität in der Kunst- und Ausstellungsszene. Erstmals werden die Bemühungen des städtischen Kulturbüros um deren Belebung für eine breite Öffentlichkeit sichtbar - viele der neu hinzugekommenen Orte, die jetzt ihre Türen öffneten, profitieren von der jüngst etablierten Atelier- und Projektraumförderung.

Die jungen Akteure, die sich jetzt engagieren, bringen eine gute Portion Aufbruchsstimmung mit. Sie sind stolz auf das, was ihre Generation aus unterschiedlichsten Perspektiven in die Kulturszene einbringt, und empfehlen ihren Gästen gerne auch mal, die Projekt­räume der Kollegen zu besuchen. Das liegt schon deshalb nahe, weil sich in diesem Jahr eine Vielzahl roter Fäden durch Zinnober ziehen, die auch etablierte Kunstorte mit einbeziehen.

Die Galerie Bildarium in der List ist zum Beispiel schon seit 17 Jahren dabei. Sie zeigt jetzt Linoldrucke von Christoph Sander, darunter die beeindruckende, wandfüllende Serie „Die Stadt“, die sich wie ein Puzzle aus unterschiedlichsten Prototypen des Städtischen zusammenfügt.

Sander druckt die Arbeiten in seinem Studio Akkord in Hainholz. Seine beiden Atelierkollegen beteiligen sich auch an Zinnober - sie zeigen Siebdrucke im Konnektor in Linden-Nord. Der hat gerade die Räume mit dem Open Space im Platzprojekt in Linden-Mitte getauscht: Dessen Macher haben ihr Konzept eines selbst verwalteten Raumes mitgebracht. Auf die Listen für die Zinnober-Ausstellung konnte sich jeder eintragen, der Lust hatte, seine Kunst öffentlich zu zeigen. Das Experiment funktioniert erstaunlich gut. Der Konnektor ist zwar bunt gefüllt, jedoch mit Exponaten auf zumeist hohem Niveau.

Menschen, die schreien

Im Gegenzug zeigt der Konnektor in den Open-Space-Containern im Platzprojekt eine Installation der Braunschweiger Studentin Mijin Hyun. Sie hat eine „Schreikiste“ gebaut. Wer die möglichst laut anschreit, aktiviert im Raum nebenan für andere Besucher eine Videoprojektion mit Filmausschnitten von - Menschen die schreien. Einige Container weiter zeigen Künstler aus einem neuen Residenzprojekt die Ergebnisse ihres dreiwöchigen Arbeitsaufenthalts. Till Terschüren und Dominik Kuschmieder haben dem provisorischen Studio farbige Räume unterschiedlichster Größe hinzugefügt. Sie spiegeln das schnelle kreative Wachstum der Nachbarschaft wider. Die Gastkünstler schwärmen: „Es ist nicht die Villa Massimo, aber die Möglichkeiten sind hier fast unbegrenzt.“

Auch der neue Projektraum ad/ad speist sich aus Absolventen der Braunschweiger Kunsthochschule. Sie zeigen zu Zinnober Arbeiten aus der Klasse von Nadine Fecht: inspirierende Positionen zu einem erweiterten Zeichnungsbegriff. Studierende des neuen Studiengangs „Experimentelles Gestalten“ präsentieren auf dem Goseriedeplatz junge Experimente im öffentlichen Raum. Und die Ateliergemeinschaft Goethe Exil öffnet am Gotheplatz beeindruckende Räume einer alten Schilderfabrik, in der Studierende und Absolventen des Studiengangs Fotojournalismus arbeiten. Sie haben eigens zu Zinnober einen Katalog und eine kleine Plakatedition mit hohem Anspruch drucken lassen.

Der Keller III in der Nordstadt geht bewusst niedrigschwelliger an Zinnober heran. Ziel ist, Künstlern einen temporären Ort zu bieten, die kein eigenes Atelier haben. Im Vordergrund steht dabei nicht ein möglichst perfektes Ergebnis, sondern eine produktive Auseinandersetzung. Die Architektin Pia Danner nutzt das Angebot für ein Experiment: Sie filmt Besucher, um dann den kurzen Sequenzen Bild für Bild gekritzelte Animationen hinzuzufügen, die ihr spontan zu ihren Gegenübern einfallen.

„Das kleine Schwarze“

Auch Constanze Böhm nutzt ihr neues Atelier Böhm/Kerk auf der Limmerstraße, um zur Kommunikation einzuladen. Sie hat gemeinsam mit ihrer Kollegin, der Szenografin Julia Kerk, einen Ausstellungsraum in den Arbeitsraum gebaut, der die Kunst umhüllt wie ein Kokon. Darin produzieren Denise M’Baye und Ninia LaGrande am Sonnabend ihre Überraschungstalkshow „Das kleine Schwarze“.

Doch Zinnober zeigt zum Jubiläum auch etablierte Positionen aus der hannoverschen Kunstszene in neuem Licht. Im Atelierhaus Spichernstraße hat Rolf Bier eine Gruppenausstellung mit Mitgliedern und Freunden zusammengetragen, die sich assoziativ um einen anderen Jahrestag rankt. Vor 100 Jahren hat Marcel Duchamp mit seinem Readymade „Fountain“ die Kunst verändert. Die gezeigten Arbeiten nähern sich dem Thema spielerisch und mit gebotener Subversion.

Und eine Gruppenausstellung im Kubus wirft unter dem Titel „konsens - kein konsens“ einen Blick auf „20 Jahre Atelier Bettfedernfabrik“. Es ist bewusst ein Außenblick: Anne Prenzler, im Kulturbüro für die Galerie zuständig, hat Kurator Frank-Thorsten Moll aus Eupen eingeladen, eine Retrospektive zu erarbeiten. Ihm ist es gelungen, die Betrachter mit altbekanntem Raum und alteingesessenen Künstlern sinnlich neu herauszufordern.

Prenzler möchte in Zukunft häufiger mit Gastkuratoren arbeiten. Die Kunst in Hannover gerät nicht nur zu Zinnober-Zeiten in Bewegung.

Thomas Kaestle

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