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Die Kunst der Beschränkung

Zinnober-Kunstvolkslauf Die Kunst der Beschränkung

Der Zinnober-Kunstvolkslauf demonstriert vielerorts das Potenzial der Kunst in Hannover. Man darf anspruchsvoll sein. Und muss dabei sorgfältig auswählen, um vom in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweiteten Angebot weder erschlagen noch enttäuscht zu werden.

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Ganz neuer Nord-Süd-Dialog – aus der Ausstellung „Gedanken über Gastfreundschaft“ in der Galerie Bohai.

Quelle: Cunitz/Matuschik/Retschlag/Schacht/Galerie Falkenberg

Vorn dümpelt Wasser, hinten hält ein Schwarzer ein Schild mit der Aufschrift „Bitte Fische nicht füttern“ vors Gesicht. Ein Scheinwerfer hellt die Szene auf, denn das Bild ist gegen die Sonne von Norden nach Süden geschossen – eine sorgsam inszenierte Fotografie als Ausdrucksform eines ganz neuen Nord-Süd-Dialogs.

Sie stammt von Sebastian Cunitz und Julius Matuschik, zwei Fotojournalismus-Studenten an der Fachhochschule Hannover, die diesen sublimen Appell gegen das Flüchtlingssterben im Mittelmeer zusammen mit dem Schwarzen arrangiert haben. Für dieses und viele andere Bilder sowie Texte von Flüchtlingen haben sie gut drei Wochen mit Flüchtlingen im württembergischen Benediktinerkloster Weingarten zusammengearbeitet. „Wir streben einen Perspektivwechsel an“, sagt Cunitz. „Statt über Flüchtlinge zu räsonieren, wollen wir ihnen eine Plattform bieten.“

Zu besichtigen sind die so entstandenen Werke jetzt unter dem Titel „Gedanken über Gastfreundschaft“ in der noch jungen Galerie Bohai – im Rahmen des Kunstvolkslaufs, der an diesem Wochenende zum 18. Mal stattfindet. Die Ausstellung ist ein Beispiel dafür, dass es sich lohnt, diesen Kunstsaisonauftakt gezielt auch jenseits etablierter Kunststätten zu nutzen.

Zinnober, der Titel des Ganzen, zeugt von Anspruch. Unter Zinnober versteht der Volksmund Wertloses, Unsinniges oder unnötigen Aufwand. Wer sich so nennt, muss über die souveräne Gewissheit verfügen, Wertvolles, Sinniges, vielleicht gar Notwendiges bieten zu können. Die Zinnober-Gründer, die Galerien Claudia Boer, Sandmann + Haak sowie Feiter & Drees, hatten dafür 1997 ein großes Vorbild: Zinnober hießen schon Kunstfeste, die Kurt Schwitters, Walter Gieseking, Käte Steinitz und andere Künstler und Sympathisanten der Avantgarde in den Zwanzigerjahren in Hannover gefeiert haben.

Man darf also anspruchsvoll sein. Und muss dabei sorgfältig auswählen, um vom in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweiteten Angebot weder erschlagen noch enttäuscht zu werden. Einige Ausstellungsorte stellen Künstlerverbände wie Gedok, BBK oder der Hannoversche Künstlerverein, die durchweg Werke ihrer Mitglieder zeigen. Immerhin 17 sind Künstlerateliers: Ganz wenige der am Kunstvolkslauf teilnehmenden Kunststätten werden hauptberuflich geführt. Nur eine einzige dient ausschließlich der Nachwuchsförderung: Künstlernachwuchs in der Villa Minimo: Susann Dietrich und Christian Retschlag, die beiden von der Kunstvereinsjury ausgewählten Stipendiaten der Villa Minimo, geben Einblick in ihre Arbeit. Dietrich inszeniert Skulpturen aus vorgefundenem Material, Retschlag inszeniert in seinen Großformatfotografien oft sich selbst, etwa in „Family Portrait“ (2014, Bild) – wo der Ostdeutsche in westdeutscher Nachkriegsuniform aus den Fünfzigerjahren zwischen den Gasteltern seines Studienaufenthalts an der US-Westküste posiert. Ein Künstlergespäch mit beiden Stipendiaten gibt es Sonnabend um 17 Uhr statt (Liebigstraße 32 a).

Kunstbeichtstuhl in der Ateliergemeinschaft Landwe(h)rk: „Die sieben Kunstsünden“ heißt eine Installation von Ralf Bednar – ein Kunstbeichtstuhl mit Minibar und Chance zum Erwerb eines Ablassbriefes. Wer etwa zu viel Ultramarinblau eingesetzt und so das Kitschpotenzial seiner Kunst erhöht hat, kann hier Läuterung erfahren (Landwehrstraße 41 A).

Malerei in der Galerie Falkenberg: Wie viel Farbschichten Gelb können Schwarz aufheben? Friedhelm Falke gibt ganz praktische Antworten auf solche Fragen – mit seiner Malerei. Etwa mit seinem mehr als zwei Quadratmeter großen Bild „Fassaden und Architekturen“(unten rechts). Der Titel deutet darauf hin, dass der HBK- und Villa-Massimo-Absolvent keineswegs nur flächiger Abstraktion verhaftet ist, sondern auch mit der Ahnung konkreter Körper spielt. Die Bilder des Kölner Künstlers korrespondieren verblüffend mit denen des gleichfalls in Köln lebenden Michael Jäger. Dessen Hinterglasmalerei (daneben links) bildet einen starken Kontrapunkt zu Falkes ruhigen, doch durchaus doppelbödigen Horizontalen und Vertikalen. Eine starke Kombination der Galerie Falkenberg, die längst kein Geheimtipp mehr ist, wenn es um spannende neue Kunsterlebnisse geht (Falkenstraße 21 A).

Performance im Feinkunstraum: „The Art and Pingpong“ heißt eine Gemeinschaftsaktion von Degenhard Andrulat und Hannes Malte Mahler. Die Künstler bemalen Tischtennisbälle, die erworben oder im Tischtennismatch gegen die beiden Künstler gewonnen werden können (Kronenstraße 41).

Parcours der Kunsthalle Faust: 20 Künstler aus Afrika, Asien, Europa und Niedersachsen haben mit Kurator Harro Schmidt einen Parcours angelegt, der von Clemens Fürtlers Videoinstallation „My Landscape Is Your Landscape“ in der Kunsthalle zum Ihmezentrum und zurück führt. „Boondocks“ heißt dieser Kunstparcours, es geht also um die Erkundung einer – in diesem Fall urbanen – Wildnis (jeweils 15 bis 19 Uhr, Kunsthalle Faust, Zur Bettfedernfabrik 3, der Parcours ist von 19 bis 21 Uhr in Betrieb).

Skulpturales in der Eisfabrik: Wer glaubt, dass ihr oder ihm der Alltag ganz vertraut sei, kann in der Eisfabrik eines anderen belehrt werden. Denn da zeigt Rolf Blume, studierter Architekt und seit einigen Jahren freischaffender Künstler, den raketenartigen „Finder 07“, den bedrohlichen „Respektor“ oder auch den „Floralen Adapter“ (2011, Bild). Lauter befremdliche Kunstobjekte, die aus ganz alltäglicher Massenware zusammengesetzt sind – aus Mülleimern, Radfelgen, Registrierkassenrollen oder auch nur Luftschlangen. Die ursprünglichen Zwecke dieser Dinge hebt der Künstler damit auf (Eisfabrik, Seilerstraße 15).

„Fürchten Sie sich nicht“, appelliert Kulturdezernentin Marlis Drevermann im Zinnober-Programmheft, „kommen Sie zur Kunst – und die Kunst kommt zu Ihnen.“ Vielen Dank für die Ermutigung. Das Heft schlägt für den Kunstvolkslauf auch eine Route vor. Wer der folgt, kann jeder Kunststätte innerhalb der Öffnungszeiten (Sonnabend 12 bis 19 Uhr, Sonntag 11 bis 19 Uhr) 30 Minuten widmen, sofern sie oder er den Ortswechsel binnen 15 Minuten schafft.

Wer Kunstgenuss als reichlich sportliche Veranstaltung vermeiden will, wird sich indes auf wenige, lohnende Ausstellungsorte beschränken – und jene Kunst pflegen, die in der Beschränkung liegt.

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