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Zu Besuch im Kulturarchiv Hannover

Schätze aus Zelluloid Zu Besuch im Kulturarchiv Hannover

Im Kulturarchiv an der Expo-Plaza lagert ein einzigartiger Schatz aus alten Filmen, Videos, Schneidetischen und vielem mehr. Es ist eine Art Geschichtsinstitut mit angeschlossenem Technikmuseum.

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Im Foto- und Papierarchiv lagern Dokumentationen zu den über 7000 archivierten Filmen.

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Routiniert fädelt er den Film ein. Leise surrt der Streifen zwischen Umlenkrollen und Zahnkränzen hindurch. Mit weißen Handschuhen sitzt Peter Stettner am Schneidetisch. Die Regale um ihn herum borden über vor alten Filmdosen, Projektoren und Plastikspulen. Wenn er hier im Halbdunkel an allerlei Knöpfen dreht, wirkt er wie ein Zauberer, der in seinem Laboratorium einen Geist beschwört.

Und dann erscheint plötzlich die Queen

Im gelben Kleid ist sie auf dem Bildschirm zu sehen, bei ihrem legendären Hannover-Besuch 1965. Stehend, im offenen Wagen, fährt sie auf die Marktkirche zu. Der Filmemacher Horst Latzke hat diesen Moment damals für die Ewigkeit gebannt. „Der Film ist seither kaum geschrumpft“, sagt Peter Stettner zufrieden. Der Leiter des Kulturarchivs an der Expo-Plaza hat den Streifen an eine „Schrumpflehre“ angelegt und misst nach. Alte Filme neigen dazu, sich zusammenzuziehen. „Dann greifen die Zahnkränze nicht mehr in die Perforation - und der Film wird beim Abspielen durchlöchert“, sagt Stettner. Oft riechen schrumpfende Filme nach Essig: „Man spricht dann vom Vinegar-Syndrom.“

Das Kulturarchiv, das der Historiker und Filmwissenschaftler leitet, ist eine Art Geschichtsinstitut mit angeschlossenem Technikmuseum: All die Schneidetische, Projektoren und Videorekorder, die hier stehen, sind ebenso angejahrt wie die alten 16- oder 35-Millimeter-Filmrollen: „Hier ist alles anachronistisch - das sind Relikte aus dem analogen Filmzeitalter“, sagt Stettner.

Foto: Stettner zeigt an einem alten Schneidetisch einen Ausschnitt vom Besuch der Queen in Hannover 1965.

Stettner zeigt an einem alten Schneidetisch einen Ausschnitt vom Besuch der Queen in Hannover 1965.

Quelle: Katrin Kutter

Restaurieren, digitalisieren, präsentieren

In den 20 Jahren seit seiner Gründung hat das Kulturarchiv, das zur Hochschule Hannover gehört, einen einzigartigen Schatz zusammengetragen: Mehr als 7000 Filmkopien verwahrt die Einrichtung - darunter Raritäten wie die erste „Hauptmann von Köpenick“-Verfilmung, gedreht 1906 in Hannover, sowie historische Aufnahmen aus dem KZ Bergen-Belsen oder Bilder eines US-Bomberangriffs auf die Stadt im Jahr 1943. „Vor dem Krieg war Hannover eine ausgesprochene Filmstadt“, sagt Stettner: In Hainholz hatte etwa die „Döring-Film“ ihren Sitz, deren Dokumentationen deutschlandweit bekannt waren.

Die Filme des Kulturarchivs stammen aus Nachlässen von Produzenten, Schenkungen von Amateurfilmern oder aus dem früheren Bestand der vor acht Jahren aufgelösten Landesmedienstelle. Mit zwei Mitarbeitern sichtet, restauriert und ordnet Stettner das Material. Er stellt Digitalkopien her, organisiert Vorführungen und gibt DVDs mit Filmen aus Hannovers Historie heraus - wie beispielsweise „Elisabeth II. in Hannover“.

„Filme sind geschichtliche Quellen, ebenso wie mittelalterliche Urkunden oder alte Gerichtsakten“, sagt er. „Wir sammeln hier Dokumente, für die andere Archive nicht zuständig sind.“ Oft fangen Filme ja besonders viel vom Geist einer Zeit ein - zumal die Kamera auch Details erfasst, die erst später bedeutsam werden. Wie bei den alten Werbefilmen der Zementfirma Fulgurit, die ihren Sitz in Luthe hatte: Sie zeigen, wie Arbeiter in den Sechzigerjahren beim Sägen von Bauteilen ungeschützt im Asbeststaub stehen.

Foto: Auch historische Filmplakate sind im Kulturarchiv zu finden.

Auch historische Filmplakate sind im Kulturarchiv zu finden.

Quelle: Katrin Kutter

Auch Filmplakate und Zeitungsausschnitte findet man hier

Die Fulgurit-Filmrollen wurden in letzter Minute aus einem Müllcontainer gerettet. Jetzt lagern sie im Archiv der Einrichtung an der Expo-Plaza. Stapelweise stehen hier VHS-Cassetten neben Filmdosen mit knappen Beschriftungen wie „Bau des Anzeiger-Hochhauses“ oder „Blumenkorso“. Daneben lagern Unmengen von Drehbüchern, Filmplakaten und Zeitungsausschnitten über Kinopremieren. Stettner zieht ein Plakat aus einer Schublade: Das giftgrün gefärbte Gesicht von Hildegard Knef wirbt für „Die Sünderin“. „Als der Film 1951 anlief, war er ein Skandal - heute läuft er im Nachmittagsprogramm“, sagt er. So spiegeln sich in der Filmgeschichte auch die Sitten der jeweiligen Zeit.

Foto: Um sie vor Verfall zu schützen lagern die Filme in einem speziellen Raum bei konstanten 17 Grad Raumtemperatur.

Um sie vor Verfall zu schützen lagern die Filme in einem speziellen Raum bei konstanten 17 Grad Raumtemperatur.

Quelle: Katrin Kutter

An einer der Türen hängt ein Schild: „Diesen Raum nicht nass wischen!“ Hinter der Tür liegen alte Werbefilme der Firma Pelikan neben Aufnahmen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Es riecht nach Fotolabor. Eine Frischluftanlage summt. Die Temperatur liegt hier konstant bei 17 Grad, die Luftfeuchtigkeit bei 40 Prozent. „Es ist nicht einfach“, sagt Stettner. „Einerseits muss das Klima stabil sein - doch andererseits brauchen die empfindlichen Filme permanent Luftaustausch.“ Wird das empfindliche Material nicht fachgerecht gelagert, kann es schnell zerfallen. Mit jedem Film geht dann eine einzigartige Quelle unwiederbringlich verloren - und ein Fenster zur Vergangenheit schließt sich für immer.

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