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Aus dem Rahmen: Zum 100-Jährigen der Kestnergesellschaft

Würdigung Aus dem Rahmen: Zum 100-Jährigen der Kestnergesellschaft

Was neue Kunst ausmacht, hat die Kestnergesellschaft über 100 Jahre präsentiert – und damit immer wieder das Kunstverständnis erweitert.

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Quelle: Schaarschmidt

Hannover. Ein Blitzstrahl in der Dunkelheit der nordwestdeutschen Ebene“ – so bildhaft hat der hannoversche Expressionist Hans Kaiser die Gründung der Kestnergesellschaft beschrieben. Und das zu einem Zeitpunkt, als er die meist erhellende, bisweilen blendende Wirkung von Hannovers Avantgarde-Kunstverein keineswegs überblicken konnte. Denn Kaisers Worte stammen aus dem Jahr 1919. Und gestartet war die Kestnergesellschaft erst drei Jahre zuvor, in der erklärten Absicht, „als Anreger und – nötigenfalls – als Erreger“ wirken zu wollen. So hat es ihr erster Direktor Paul Erich Küppers formuliert, und so hat sich die Kestnergesellschaft in den 100 Jahren ihres Bestehens immer wieder positioniert, sowohl künstlerisch als auch politisch.

Die Küppers-Worte fielen 1916 aus Anlass der ersten Kestnergesellschaftsschau. Die war Max Liebermann gewidmet, worin zugleich eine versöhnliche Geste gegenüber Hannovers damaligem Stadtdirektor Heinrich Tramm lag. Denn der war erklärter Liebermann-Fan, konnte aber mit Avantgardekunst nichts anfangen. „Solange ich in Hannover etwas zu sagen habe, kommt kein Nolde und kein Rohlfs in die Stadt“, soll er einst gesagt haben. In klarer Opposition zu solch einer Haltung und auch als Alternative zum hannoverschen Kunstverein wurde die Kestnergesellschaft von Leuten ins Leben gerufen, die gezielt moderne und internationale Kunst nach Hannover holen wollten – darunter Persönlichkeiten wie Hermann Bahlsen und August Madsack, Fritz Beindorff, Siegmund Seligmann und August Sprengel.

Eine Emil-Nolde-Schau der Kestnergesellschaft musste Tramm schon 1918 ertragen, eine Ausstellung des Expressionisten Christian Rohlfs folgte ein Jahr darauf. Und gleichfalls 1919, als Frankreich noch als „Erbfeind“ galt, bot man eine Überblicksschau französischer Maler. Die Beispiele dafür, dass sich die Kestnergesellschaft gegenüber künstlerischem wie politischem Populismus immer wieder quergestellt hat, lassen sich beliebig fortsetzen. „Die Verzeichnisse der Ausstellungen und Veranstaltungen sind die beste Ehrentafel für die Kestnergesellschaft“, konstatierte später Käte Steinitz, schon früh Mitglied der Kestnergesellschaft und Angehörige des Freundeskreises um Sophie und Paul Küppers.

Tatsächlich lesen sich diese Verzeichnisse über weite Strecken wie ein Who’s who der Künstlerprominenz, dabei stammen sie aus einer Zeit als Kandinsky, Malewitsch und Lissitzky, Beckmann, Grosz und Dix keineswegs arriviert, sondern noch eine unbekannte Avantgarde waren. Doch in Hannover waren ihre Werke schon zu sehen – in der Kestnergesellschaft. „Die Revolutionäre von gestern sind die Klassiker von heute“, hatte der früh verstorbene Küppers gesagt. Und dieser Formel hätten auch seine Nachfolger, bislang zehn Männer und, als erste Frau, die jetzige Direktorin Christina Végh, vielleicht weiter folgen können, wenn es nicht den Zivilisationsbruch des Faschismus gegeben hätte. Da musste zum ästhetischen Spürsinn, um in der Kunst die „Revolutionäre von heute“ zu identifizieren, noch die Zivilcourage hinzukommen, gegenüber der Politik Stellung zu beziehen. Denn da geriet die Kestnergesellschaft nicht nur unter Druck, weil die von ihr gezeigte Kunst großenteils als „entartet“ galt, sondern auch, weil ihr Direktor seit 1930 Justus Bier war, der jüdische Wurzeln hatte. Statt sich von ihm zu trennen und die von den Nazis gewünschte „Arisierung“ von Personal und Programm einzuleiten, kam es so, wie Fritz Beindorff dies angepeilt hatte, der es für richtiger hielt, „die Kestnergesellschaft nach ehrenvollen 20-jährigem Bestehen aufzulösen, solange sie noch einen guten Ruf hat, und nicht zu warten, bis sie langsam Stück für Stück abgewürgt wird“. Immerhin, bis zu der Selbstauflösung 1936 zeigte man unter anderem Werke der schon verfemten Künstler Franz Marc und Christian Rohlfs.

Justus Bier und auch der zeitweilige Direktor Alexander Dorner konnten ihre Karrieren in den USA fortsetzen. Kein Wunder, dass die Kestnergesellschaft beim Nachkriegsneustart von ihrem auch international guten Ruf zu zehren vermochte. Das half zweifellos dabei, dem hannoverschen Publikum nachträglich die deutschen und internationalen Kunstströmungen zugänglich zu machen, von denen es während der Nazi-Zeit abgeschnitten war. Die Kestnergesellschaft richtete in ihren Räumen an der Warmbüchenstraße nicht nur 1948 die erste Picasso-Ausstellung in Deutschland seit 1932 sowie 1956 die erste Schwitters- und 1966 die erste Lissitzky-Retrospektive überhaupt aus. Auch Leger und Chagall, Gropius und van der Rohe, Moore und Calder waren dort zu sehen. Solche Namen zeugen davon, dass die Direktoren der Nachkriegszeit, darunter Werner Schmalenbach, Wieland Schmied und, fast 30 Jahre lang, Carl Haenlein, sich souverän über Gattungsgrenzen hinwegsetzten. Und nicht nur Malerei, Skulptur und Architektur, auch Event und Performance gehörten zum Ausstellungsgegenstand der Kestnergesellschaft. Dass es etwa unter Carl Haenlein regelmäßig Schauspielerlesungen gab, passt dabei bestens in die Kestnertradition. Schon Küppers hatte 1919 eine „Kestnerbühne“ ins Leben gerufen, und die im Umfeld der Kestnergesellschaft in den Zwanzigerjahren stattfindenden „Zinnoberfeste“ hatten stets Performancecharakter. Schon damals ging es eben um mehr als gerahmte „Flachware“ an der Wand, Kunst konnte und sollte den jeweils gesellschaftlich gesetzten Rahmen sprengen. Richtig raumgreifend wurde das 1997 nach dem Umzug ins umgebaute Goseriedebad möglich, wo Direktor Veit Görner für Michael Sailstorfers hängende Bäume 2010 ebenso Platz fand wie 2005 für Santiago Sierras drei Tonnen Schlamm.

Anregend ist das allemal, auch wenn die Erregung darüber nicht so nötig war, wie Paul Erich Küppers dies einst gefordert hat. Vielleicht müssen die Revolutionäre von heute ja Grenzen der Beliebigkeit ausschreiten, um morgen als Klassiker gelten zu können. Unter Görner wurde im Übrigen auch der Rahmen der Goseriede schon gesprengt – mit der Überblicksschau „Made in Germany“. Die zeigte neue Kunst 2007 erstmals außer in der Kestnergesellschaft zugleich im Kunstverein und dem Sprengel-Museum – und startet nächstes Jahr zum dritten Mal an noch mehr Ausstellungsorten. Man sieht: Das Projekt der historischen Avantgarde, Kunst ins Alltagsleben zu überführen, mag gescheitert sein – doch die Kestnergesellschaft erfüllt, ausgreifend wie nie zuvor, den Alltag mit Kunst.

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