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Kultur Zum Töten bedarf es keiner Ideologie
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10:29 13.08.2011
Von Karl-Ludwig Baader
Harald Welzer stellt im hannoverschen Regionshaus sein Buch "Soldaten" vor. Quelle: Handout
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Hannover

Wie kommt es, dass ganz normale Menschen in Kriegssituationen eine extreme Tötungsbereitschaft entwickeln, der sie sich zuvor nie für fähig gehalten hätten? Diese Frage beschäftigt den Sozialpsychologen Harald Welzer seit Jahren. Nun stellte er im voll besetzten Saal des Regionshauses in Hannover sein – gemeinsam mit dem Historiker Sönke Neitzel verfasstes – Buch „Soldaten“ (S.  Fischer, 521 Seiten, 22,95 Euro) vor, das sich seit seinem Erscheinen im Frühjahr zum Bestseller entwickelt hat.

Es stützt sich auf Tausende von abgehörten Gesprächen, die deutsche Soldaten noch während des Krieges in alliierter Kriegsgefangenschaft führten und die eine einzigartige Quelle zur Menta­litätsforschung darstellen. 150.000 Seiten mit transkribierten Gesprächsprotokollen standen den Wissenschaftlern zur Verfügung.

In den Rezensionen, erzählt Welzer an diesem Abend, wurde vor allem auf die geschilderten Grausamkeiten deutscher Soldaten während des Zweiten Weltkriegs abgehoben und darauf, dass dies die Aussagen der umstrittenen Wehrmachtsausstellungen über den „Vernichtungskrieg“ stütze: Von einer „sauberen Wehrmacht“ könne keine Rede sein.

Die eigentliche Pointe dieses Buches sieht Welzer aber darin, dass er die Sichtweise der Ausstellungsmacher teilweise revidiert. Die Gewaltbereitschaft, die Exzesse im Krieg, hätten keines individuellen Vernichtungswillens bedurft – die Bedeutung der Nazi-Ideologie werde überschätzt. Der Soldat als „Weltanschauungskrieger“ sei „ein romantisches Bild“, das eine Eindeutigkeit vorspiegele, die die Quellen nicht hergäben.

Welzer erklärt die Tötungsbereitschaft mit der „Grammatik des Krieges“

Wieso die überwiegend unpolitischen Soldaten, darunter auch Gegner des Regimes, nach einer nur kurzen Gewöhnungszeit eine so große, teilweise exzessive Tötungsbereitschaft zeigten, erklärt Welzer mit der „Grammatik des Krieges“: An der Front sind Gruppendruck, dem sich kaum einer entzogen habe, die Suche nach Anerkennung oder die Erregung beim Töten die entscheidenden ­Motive. Jeder sei bestrebt, sich als Soldat rollengemäß zu verhalten, der Krieg erscheint in diesem Werterahmen als „Arbeit“, die man gut machen will.

Selbst exzessive Gewalt werde als normal empfunden, sie wird als etwas ganz Alltägliches geschildert. So nähmen auch die Unterhaltungen der Soldaten die Form von Alltagsgesprächen an, man springt da zwischen Themen hin und her, Fachgespräche über Technik und Bordelle wechseln mit dem Lob der russischen Landschaft und der lapidaren Schilderung der Erschießung zweier Fünfzehnjähriger – ohne Vorbehalt und Scham. Alle Aussagen bewegen sich in der Logik und in der Normenwelt des Krieges und hören sich seltsam trivial an.

Welzers Einschätzung der Rolle der Ideologie stieß im Publikum auf Skepsis und Einwände. Unter anderem wurde eingeworfen, dass diese Sicht für Deutsche als entlastend empfunden werden könnte. Tatsächlich wurde nicht ganz klar, wie sich unterschiedliche kulturelle Hintergründe konkret auswirken. Auf das Beispiel My Lai, das bekannteste amerikanische Kriegsverbrechen im ­Vietnamkrieg 1968, bezogen, verwies Welzer auf den nachträglichen rechtsstaatlichen Umgang mit dem Massaker.

Welzer geht es, wie er betont, gar nicht hauptsächlich um einen Rückblick. Er verweist auf den aktuellen Aspekt seiner Forschungsergebnisse. Er leitet aus ihnen die Notwendigkeit ab, dass sich eine Gesellschaft, die sich wie unsere in Afghanistan im Krieg befinde, dringend darüber debattieren müsse, was der Krieg mit ihr anstellt. Wenn man einzelne Vorfälle skandalisiere (etwa als Bundeswehrsoldaten mit Leichenteilen spielten), gebe man sich der Illusion hin, dass es sich dabei um Ausnahmen handele – die Entgrenzung des Krieges gehöre aber zu dessen Normalität.

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