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Zwei Antipoden, ein Kampf

Schauspiel Hannover: Macht und Widerstand von Ilija Trojanow Zwei Antipoden, ein Kampf

Ilija Trojanows „Lebensroman“ ermöglicht einen schwindelerregenden Blick in den Abgrund zwischen Macht und Widerstand. Er zeichnet das Porträt einer Gesellschaft nach dem politischen Systemwechsel 1989. Der Roman spielt im Heimatland des Autors, Bulgarien. Die „Spielzeit“ sprach mit dem tschechischen Regisseur Dušan David Pa?ízek und dem deutsch-bulgarischen Schauspieler Samuel Finzi über den existenziellen Kampf gegen das Vergessen und die ?Relevanz dieser Geschichte für die westliche Gegenwart.

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Macht und Widerstand
nach dem Roman von Ilija Trojanow
Schauspiel Hannover
Premiere: 15.12.16
Regie uund Bühne: Dusan David Parízek
Kostüme: Kamila Polívková

Hannover. 1989 standen sich Täter und Opfer unter neuen Vorzeichen gegenüber. Der Kampf um die Deutungshoheit des eigenen Lebens war eröffnet. In den Proben spürt man, dass Ihnen an diesem Stoff sehr gelegen ist. Woher rührt dieses persönliche Interesse?

Samuel Finzi: Ich gehöre zu der Generation, die in der Zeit aufgewachsen ist, in der das sozialistische Regime und die mit ihm verbundenen Vorgänge bereits verinnerlicht waren. Ich lief Gefahr, die permanente Bespitzelung als unhinterfragbare Selbstverständlichkeit hinzunehmen, auch die Tatsache, dass man ein Leben führte, das einem selbst eigentlich nicht gehörte, sondern einer kleinen Clique von Bonzen. Diese hatten das System so weit ausgereizt, dass sie sich wie Großkapitalisten ausnahmen und auch die entsprechenden Pfründe besaßen. Ich rede hier über die Spitze der Kommunistischen Partei. Wir sahen das, aber es gab eine Unlust, sich damit auseinanderzusetzen. Ach, was sage ich Unlust, es war lebensgefährlich, sich dagegen zu äußern. Wahr ist aber auch, dass man sich in dieser Ungerechtigkeit eingerichtet hatte. Alle haben sie brav mitgemacht. Vereinzelt gab es Leute, die Position bezogen, Widerstand leisteten, aber die bulgarische Gesellschaft zeichnet eine außerordentliche Trägheit aus – bis heute.

Wie haben Sie die Zeit nach dem Umbruch erlebt, die der Roman beschreibt?

Finzi: Ich habe sie aus der Distanz mitverfolgt. Ich habe das Land gleich 89 verlassen – nicht aus politischen Gründen, sondern wegen der Enge und Spießigkeit, die ich nicht mehr ausgehalten habe. Die verband sich natürlich auch mit der Art, wie diese Gesellschaft gelebt hatte. Ich war zu dieser Zeit enthusiastisch. Ein Aufbruch. Erst langsam habe ich begriffen, was damals wirklich passiert ist. Die Versuche, die Wahrheit der letzten 50 Jahre an die Oberfläche zu bringen, waren eher zaghaft. Ich habe sie aus der Ferne beobachtet, aber mich selber nicht so sehr hineinbegeben.

Gab es denn Gespräche in der Familie?

Finzi: Innerfamiliär war die Vergangenheit insofern Thema, als mein Großvater mütterlicherseits unter den Kommunisten gelitten hatte. Er stammte aus einer bürgerlichen Familie, war Jurist, sie erteilten ihm Berufsverbot. Er wurde dann Musiker. Es wurde also darüber gesprochen, aber selten. Man hatte sich abgefunden. Natürlich trug mein Großvater sein ganzes Leben lang schwer an dieser Erniedrigung, aber er redete nicht darüber. Sie haben mich nach dem persönlichen Interesse an dem Stoff gefragt. Als ich Trojanows Buch gelesen habe, erwischte mich eine tiefe Trauer. Mit den Fakten war ich einigermaßen vertraut, aber die Trauer entstand, da mir die Hoffnungslosigkeit, das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken bezüglich der Entwicklung der bulgarischen Gesellschaft, so bewusst wurde.

Dieser Mangel an Würde. Es gibt nicht einmal den Wunsch, sich von dieser Vergangenheit zu reinigen. Fakt ist: In Bulgarien hat die Wende nicht stattgefunden. Der Systemwechsel ist nur äußerlich vollzogen worden und auch das lieblos. Dieselben Leute, die vor 89 oben waren, waren es auch nach 89. Das bulgarische Volk hat nie zu der großen kathartischen Geste tendiert. Die im Roman attestierte Amnesie dieser ganzen Gesellschaft entspricht der bitteren Wahrheit. Das bedrückt mich sehr. Zum ersten Mal, das muss ich sagen, fühlte ich mich so ertappt. Um die Lügen wusste ich, doch jetzt treffen sie mich emotional. Das hat mich selbst überrascht.

Dušan David Parízek, wie erging es Ihnen bei der Lektüre?

Dušan David Paízek: Auffallend sind parallele Entwicklungen in der ehemaligen Tschechoslowakei und Bulgarien, vor allem in der Zeit unmittelbar nach der sogenannten Samtenen Revolution. Die Kleingeisterei, die Verinnerlichung einer ständigen Reglementierung, die dem Land über Jahrzehnte aufgezwungen wurde und die auch Samuel empfunden hat, ist mir sehr vertraut. Ich stamme aus einer bürgerlichen Familie, drei von vier Großeltern waren Buchhalter, mein Großvater mütterlicherseits Feinmechaniker, meine Mutter Bauingenieurin. Mein Vater war der Erste, der ausscherte und heimlich Schauspiel studierte. In unserer Familie war nie jemand in der Kommunistischen Partei, niemand war als Zuträger aktiv. Dadurch hatte sie naturgemäß Repressionen zu ertragen.

Mein Vater wurde nach 1968 sogar zur Persona non grata erklärt. Er hatte in der politischen Tauwetterperiode des sogenannten Prager Frühlings unter dem Titel „Labyrinth“ in Brünn eine Arbeit herausgebracht, die sich mit dem Regime auseinandersetzte. Für ihn war es wichtig, er wurde sogar vom tschechoslowakischen Schriftstellerverband ausgezeichnet. Eine zweifelhafte Ehrung, wie zweifelhaft, zeigte der 21. August 1968, als die Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei einmarschierten. Das Stück durfte kurze Zeit später nicht mehr aufgeführt werden. Mein Vater hat sich daraufhin vehement gegen die Beschneidung seiner Meinungsäußerung gewehrt und geriet dadurch zunehmend ins Abseits. Aber auch unserer Familie wurde in der Folge vieles erschwert. Sippenhaft war eine Spezialität des real existierenden Sozialismus. Mein Vater würde sich nie als Dissident bezeichnen. Er hat nur versucht, aufrecht zu bleiben, Haltung zu bewahren, ein Zeichen zu setzen. Ich finde in der Figur Konstantins, die Samuel spielt, eins zu eins Sätze von ihm wieder.

Konstantin trägt in dem Roman nicht nur positive Züge. Die Beschädigungen, die das System ihm angetan hat, sind nachhaltig.

Finzi: Da er kein Gegenüber hat, mit dem er seine Erfahrungen teilen könnte, sondern nur sich selbst, kennzeichnet ihn eine narzisstische Störung. Auch hat er keine Vision für die Zukunft. Die Verbissenheit, mit der er um die Wahrheit kämpft, lässt nicht einmal die Möglichkeit einer Vergebung erahnen.

Paízek: Er ist sozial inkompetent. Er hat sich gegen seine eigene Menschlichkeit entschieden, weil er sonst die Erniedrigungen der Haftzeit nicht hätte aushalten können.

Die Verbissenheit rührt vielleicht daher, dass er an die Wahrheit nicht herankommt. Er findet in den Archiven eine so dünne Akte vor, als sei er kein Fall gewesen. Selbst das Dissidententum, für das er so gelitten hat, spricht man ihm ab.

Finzi: Ja, daher ist seine Haltung verständlich, aber es fehlt auch ihm die Utopie, die ihn in die Lage versetzen würde, den Blick von der Vergangenheit in die Zukunft zu richten.

Paízek: Das Ergebnis eines solchen Lebens ist weder mess- noch vermittelbar. Auch bei meinem Vater haben viele aus seinem Umfeld sein Verhalten hinterfragt: Ist es richtig oder falsch, alles zu riskieren, was man sich zuvor erarbeitet hat? Stur und stolz, wie mein Vater ist, glaubte er, dass es so sein muss. Man erteilte ihm Berufsverbot. Da man aber im Sozialismus zu Arbeit verpflichtet war, wies man ihm welche zu, die er dann nicht in der Form erfüllte, wie es gewünscht wurde. Er wurde straffällig. Plötzlich hatte er aus Sicht des Regimes eine komplett neue Biografie. Schon während des Armeedienstes war er im Brünner Militärgefängnis eingesessen, nun rückte er mehr und mehr ins Abseits. Hat sich seine Haltung „gelohnt“, hat er etwas erreicht? Viele hätten die Frage damals mit „Nein!“ beantwortet. Wenn man sich diese ganze Zeit vor Augen führt, nimmt sich das Jahr 1989 aus wie ein Wunder: ein politischer Umbruch, um den uns der ganze Ostblock beneidete – das unterscheidet unsere Geschichte auf den ersten Blick von der bulgarischen.

Finzi: Für uns stand die Tschechoslowakei seit dem Prager Frühling für ein Land, in dem wenigstens etwas versucht worden war. Da schaute man hin.

Paízek: Václav Havel, ein Dichter, ein Dissident, der selber im Gefängnis eingesessen hatte, für den die Stones ein Konzert gaben, den der Dalai Lama besuchte, wurde unser Präsident und das neue Gesicht dieses Landes. Eine Regierung von politischen Dilettanten. Es sah alles so aus wie der wahr gewordene Traum einer Läuterung, einer Katharsis, kultiviert durchgeführt als „samtene“ Revolution.

Aber genau da kommen die nächsten Zweifel auf. Auch wir müssen uns heute die Frage stellen, ob überhaupt eine Revolution stattgefunden hat.

Finzi: Ich möchte mich nicht an Verschwörungstheorien beteiligen, aber man muss daran erinnern, dass die Perestroika-Bewegung nicht aus dem Volk kam, sondern aus Moskau. Sie wurde durch Gorbatschow eingeläutet. Wer weiß, wie weit all das vorprogrammiert wurde, was dann folgte.

Paízek: Damit der Wechsel gewaltfrei abläuft, musste Havel vermutlich einen Kuhhandel mit den Kommunisten eingehen. Wenn man heute zurückblickt, fällt als einer der ersten Schritte des Präsidenten Havel seine Generalamnestie aus dem Januar 1990 auf. Natürlich bezog sie sich auf Strafen, die zu Zeiten des vorherigen Regimes verhängt worden waren, natürlich wurden zehntausende Opfer politischer Repression entlassen. Eine schöne Geste, die von vielem ablenkte. Auch davon, dass vieles beim Alten blieb. Die Archive der Staatssicherheit wurden zwar der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, Mitarbeit und Zuträgerdienste aber wurden straffrei gestellt. Das Gesicht der politischen Exekutive hatte sich an der Spitze zwar verändert, aber die Administration blieb vielerorts die gleiche. So konnte die alte politische Nomenklatura über Jahrzehnte weitermachen. Der ehemalige Kommunist war nun als Sozialdemokrat wählbar. Die Kommunistische Partei wurde nicht einmal verboten, aktuell ist sie mit 11 Prozent wieder die drittstärkste Partei im Land. Das macht es natürlich schwer, an die neue freiheitliche Grundordnung zu glauben. Genau das macht Ilija Trojanow mit „Macht und Widerstand“ deutlich – wie wir alle an der großen Lüge der Überwindung totalitärer Regime mitgewirkt haben.

Dass das alte Regime bestens für die neue Zeit vorgesorgt hat, zeigte sich, als die Archive der Staatssicherheit geöffnet wurden. Die Aktenlage war oftmals eine andere als erwartet. Auch gab es heftige Diskussionen, ob es gesund ist, sie einzusehen, oder nicht. Was macht diesen Roman zu einem Stoff für die Bühne?

Finzi: Natürlich könnte man sagen, diese Geschichte ist klar lokalisierbar, das ist bulgarische Historie, aber nein! Erst einmal ist es sehr gute Literatur, und die Welt hat sich leider nicht so sehr verändert. Die hier beschriebene Situation greift weit über die bulgarische Grenze hinaus. Es geht um die eigene Manipulation durch die, die an der Macht sind.

Paízek: Trojanow beschreibt überaus dramatische Konflikte. Die zentralen Figuren wollen sehr viel, vor allem aber Gegensätzliches, und bleiben am Ende unerlöst: Konstantin, der unbedingt mit der Vergangenheit aufräumen möchte, verpasst ebenso die Gegenwart wie Metodi, der nicht an der Vergangenheit gemessen werden will. Metodi läuft vor den Lügen weg, Konstantin verfolgt die Täter von damals ohne Rücksicht auf Verluste. Für beide ist es ein Wettrennen gegen die Zeit.

Beide versuchen ihre Lebenserzählung zu retten.

Paízek: Beide sind in der Vergangenheit gefangen, dadurch ist ein Leben in der Gegenwart für sie eigentlich nicht möglich. Eine schwierige Hypothek für die Zukunft. Das macht den Roman aus meiner Sicht so groß, die Erzählung reicht zurück bis ins Bulgarien der 50er Jahre, lässt aber auch Rückschlüsse auf die heutige westliche Welt zu.

Interview: Judith GerstenbergMit: Samuel Finzi, Sarah Franke, Henning Hartmann, Markus John

Zum Stück

Im Zentrum von Trojanows Roman „Macht und Widerstand“ stehen zwei Antipoden: Konstantin Milew Scheitanow, Opfer der bulgarischen Staatssicherheit, und Metodi Popow, Repräsentant des Apparats, sein früherer Schulkollege und späterer Folterer. Nach 1989 beginnt ihr Ringen um Leben und Gedächtnis. Die Presse feierte das Werk als „bewegende Erinnerungsarbeit“, als einen „Roman, wie man ihn in seiner Entschiedenheit und poetischen Kraft lange nicht gelesen hat“. JG

Macht und Widerstand

von Ilija Trojanow

Preview: 13. Dezember, 19.30 Uhr, Schauspielhaus

Uraufführung: 15. Dezember, 19.30 Uhr, Schauspielhaus,

anschl. Premierenfeier

(in Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin)

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