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Zwei Trompeter, keine halben Sachen

Till Brönner und Sergei Nakariakov bei Pro Musica Zwei Trompeter, keine halben Sachen

Jazztrompeter Till Brönner und der russische Trompetenvirtuose Sergei Nakariakov hatten sich bei ihrem gemeinsamen Pro-Musica-Auftritt im hannoverschen Funkhaus vor allem auf leise Töne verlegt. Statt eines technischen Feuerwerks oder eines Festivals der Spitzentöne war gekonnt auf die Essenz reduzierte Musik zu hören.

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Brückenschläge zwischen Klassik und Jazz: Die Trompeter Till Brönner und Sergei Nakariakov (rechts) beim Pro-Musica-Konzert im Sendesaal des NDR.

Quelle: Jan Philipp Eberstein

Hannover. Wenn zwei berühmte Trompeter sich zusammentun, erwartet man ein eher sportliches Kräftemessen: Wer kann höher spielen, wer schneller und wer lauter? Schließlich liegt es in der Natur dieses königlichen Instrumentes, Aufmerksamkeit zu erregen. Seit je wurden Nachrichten wichtiger und Heere schrecklicher, wenn sie von kraftvollen Fanfaren begleitet wurden. Nur wer wirklich gar nichts weiß, hat von Tuten und Blasen keine Ahnung. Umso erstaunlicher also, dass der Jazztrompeter Till Brönner und der russische Trompetenvirtuose Sergei Nakariakov sich bei ihrem gemeinsamen Pro-Musica-Auftritt im hannoverschen Funkhaus vor allem auf leise Töne verlegt haben. Statt eines technischen Feuerwerks oder eines Festivals der Spitzentöne war gekonnt auf die Essenz reduzierte Musik zu hören. Geschmackvoll zurückhaltende Klänge, die auf eine völlig andere Art als Kraftprotzerei beeindruckten: Man hat sie so noch nicht gehört.

Das eigentlich Spektakuläre dieses Konzertes war nämlich nicht die Dopplung des auffälligen Soloinstrumentes, sondern der auf erstaunliche Weise vollzogene Brückenschlag zwischen Klassik und Jazz. Till Brönner erzählte im ausverkauften Sendesaal, dass er nur „die ersten 30 Seiten“ seiner klassischen Trompetenschule absolviert habe - „dann kam Charlie Parker dazwischen“ und mit ihm die oft ganz anderen Anforderungen, die der Jazz an einen Instrumentalisten stellt. Der aus einer Musikerfamilie stammende Sergei Nakariakov dagegen sollte ursprünglich Pianist werden. Doch ein Autounfall bewirkte, dass er nicht mehr lange am Stück sitzen konnte. Also verlegte der damals Neunjährige das Tonleiterüben auf die Trompete. Heute ist der Russe einer der souveränsten Beherrscher dieses Instruments. Nakariakov kann alles - außer improvisieren.

Wie aber bringt man diese beiden unterschiedlichen Musiker zusammen? Mit ein wenig Swing nach Noten für den einen und etwas klassischer Strenge für den anderen? Der New Yorker Pianist Gil Goldstein, der diesen Bläsergipfel arrangiert hat, verlegt sich nicht auf derart halbe Sachen. Er kreiert einen ganz neuen Klang - mit Stücken, die ohnehin Elemente verschiedener musikalischer Welten enthalten. So ist es für Goldstein kein Problem, Melodien des Bossa-nova-Pioniers Antônio Carlos Jobim mit denen Frédéric Chopins zu mischen. Sein „Medley“ aus Werken der beiden Komponisten gibt mit warm schwebenden Klängen gleich zu Beginn die Richtung dieses spannend-entspannten Konzertabends vor.

Für derartige Stimmung sorgen neben Goldstein und den beiden Trompetern der Bassist Dieter Ilg und der Cellist Stephan Braun. Ilg arbeitet selbst seit Jahren daran, in der Schnittmenge zwischen Klassik und Jazz eigene Klänge zu finden, und er hat schon ganze Opern von Verdi und Wagner für sein Trio bearbeitet. Braun, der an der hannoverschen Musikhochschule lehrt, kann sein Instrument auch in ein Schlagzeug verwandeln und so eine ganze Rhythmusgruppe ersetzen. Vor allem aber dürften die beiden Streicher dem eher klassisch sozialisierten Pro-Musica-Publikum das Gefühl geben, sich auf einem vertrautem Terrain zu befinden, von dem aus man gern einmal in unbekanntere Gefilde aufbricht.

Ähnliches gilt auch für Stücke wie Béla Bartóks „Rumänische Volkstänze“ und Heitor Villa-Lobos’ „Bachianas Brasileiras“, die hier in nur wenig veränderten Arrangements erklingen und vor allem durch die spezielle Besetzung ihr besonderes Aroma erhalten. Brönner und Nakariakov greifen dabei öfter zum Flügelhorn, dem sanft leuchtenden Bruder der glänzenden Trompete, und geben der Musik mit weichen Melodien zusätzliche Fülle und Wärme.

Doch natürlich verleugnen die beiden Trompeter bei all dem ihre instrumentale Herkunft nicht ganz. Brönner leistet sich im Duo mit Ilg unter dem knalligen Titel „Peng! Peng!“ eine ausgiebige freie Improvisation, bei der nur die beiden titelgebenden Schläge den sorgsam ausgekosteten festen Rahmen zu bieten scheinen. Und Nakariakov spielt eine der klassischen Variationen von Jean-Baptiste Arban, deren haarsträubender Schwierigkeitsgrad die meisten anderen Trompeter zur Verzweifelung treibt.

Zwischen den mit beiläufiger Souveränität präsentierten Solopassagen dieser „Variations sur une Tyrolienne“ hat das Klavier im Original elegante, aber banale Zwischenspiele. Hier übernehmen Bass und Cello diesen Part und schaffen in den wenigen Takten die besondere Atmosphäre, die den ganzen Abend beherrscht. Die Töne klingen jetzt manchmal nur brüchig und angedeutet und der klare Rhythmus kann für einen winzigen Moment leicht ins Wanken geraten: Schon ist der glänzende Salon, den Arban eigentlich vor Augen führt, verwandelt in einen verlassen-verwunschenen Tanzpalast, dessen morbide Schönheit mit abgeblättertem Putz und schrägen Säulen wie im Dornröschenschlaf liegt.

Ein solcher verzauberter Moment ist in jedem wirklich guten Konzert zu finden, egal, ob nun Jazzmusiker oder Klassiker spielen. Vielleicht hat der Abend mit Brönner und Nakariakov gerade deshalb so viele dieser Augenblicke, weil der Stoff, aus dem die beiden Musiker schöpfen, grenzenlos ist.

Am 30. Januar spielen die Geigerin Julia Fischer und die Academy of St Martin in the Fields im Funkhaus, Karten unter Telefon (05 11) 36 38 17.

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