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Kultur Unantastbar und Formlos spielen im Capitol
Nachrichten Kultur Unantastbar und Formlos spielen im Capitol
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13:15 09.11.2018
Unantastbar, Capitol Foto: Samantha Franson Quelle: Samantha Franson
Hannover

Gleich zu Anfang wollen sie mit Vorurteilen aufräumen. Enrico Roth, der Gitarrist der Vorband Formlos aus dem Ostharz trägt ein T-Shirt, auf dem der Schriftzug „FCK NZS“ prangt. Und als der Hauptact Unantastbar durch Hazernebelschwaden auf die Bühne des Capitol gestürmt kommt, dauert es nicht lange, bis der Sänger Joachim Bergmeister seine Vergangenheit bei der Rechtsrock-Band Kaiserjäger anspricht: „Wir hatten Probleme in der Vergangenheit“, sagt er, „Und wir finden es schade, wenn jemand denkt, dass Menschen sich nicht ändern können.“

Unantastbar spielt im Capitol

Beide Bands – vor allem aber dem Hauptact Unantastbar aus Südtirol – haben sich in der Vergangenheit den Vorwurf gefallen lassen müssen, politisch mit dem rechten Spektrum wenigstens zu liebäugeln. Nicht ganz grundlos: Sänger Joachim Bergmeister spielte in seiner Jugend Schlagzeug bei der 2001 aufgelösten Rechtsrock-Band Kaiserjäger, deren Frontmann Philipp Burger später die umstrittene Band Frei.Wild gründete. Frei.Wild und Unantastbar teilten sich lange Zeit einen Proberaum, Unantastbar veröffentlicht auf Burgers Label „Rookies & Kings“.

Bergmeister wird allerdings nicht müde zu betonen, dass er – und die Band – sich von der Kaiserjäger-Vergangenheit distanzieren und politisch neutral seien. „Wir sind eine Band“, sagt er, „die voller Stolz einfach nur Musik macht.“ Wie zum Beispiel den Song

„Ihr könnt mich alle mal“, der genau das thematisiert: „Dauernd schießt du gegen mich, immer mit dem alten Scheiß“. Und der im ersten Vers mit einigen durchaus dem rechten Diskurs entlehnten Kampfbegriffen arbeitet: „Ist das wirklich Meinungsfreiheit oder Meinungsdiktatur /Freie Presse - Fehlanzeige – nichts als Lüge und Zensur“.

Sowohl Formlos als auch Unantastbar firmieren unter Punk, bei Unantastbar ist es Oi!-Punk, eine Variante die in den Achtzigern in der britischen Arbeiterschicht entstand und sich gut zum Mitgrölen und Mitsaufen eignet. Was die gut 1200 Menschen im Capitol bei beiden Bands auch viel und gerne tun, wenn sie vor der Bühne nicht gerade mit Pogo beschäftigt sind. „Wenn ich das hier sehe“, kommentiert Bergmeister, „treibt es mir fast die Freudentränen in die Augen.“ Da ist es auch egal, das auf der Bühne beide Bands altbekanntes Punkgeraspel präsentieren. Bei Formlos mit Gesang, der auch mal – wenn auch zart - ins screamen übergeht, bei Unantastbar mir ein paar Balladen wie „Solange unser Herz noch schlägt“ zwischendrin, damit sich die einzelnen Songs wenn schon nicht an den Harmonien, dann wenigstens am Tempo unterscheiden lassen.

Wie auch Frei.Wild wirft Unantastbar in den Texten mit archaischem und konservativ-kriegerischem Vokabular um sich: Da wird aufs „Schlachtfeld der Klänge“ gezogen, Leute sind „erbärmliche Vasallen“, man steht „wie die Fackel im Sturm“, „selbsternannte geistige Elite“ marschiert, im Gleichschritt, in den Abgrund, und eines Tages wird „euer Haus aus Lügen brennen.“

Selbstverständlich: Nichts davon ist offen rechtsextrem, und Bergmeister mag es auch nicht sein, Jugendsünden sind erlaubt und 17 Jahre eine lange Zeit. Dennoch scheut die Band textlich nicht vor dem brachialen Pathos rechtslastigen Kampfvokabulars zurück – und erreichte damit mit dem neuen Album „Leben, Lieben, Leiden“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz respektable Chartplatzierungen. Tatsächlich ist es genau dieses Spannungsfeld politischer Glitschigkeit, in dem Deutschrock - beide Bands geben sich selbst dieses Label – immer wieder arbeitet. Denn Deutschrock meint zwar einerseits Bands, die in deutscher Sprache singen. Andererseits aber auch ein ganzes Spektrum aus eher konservativen Bands wie Frei.Wild, Betontod oder Eisbrecher. Das Label „Deutschrock“ funktioniert allerdings auch hervorragend als neutral klingender Verschleierungsbegriff für Rechtsrock.

Gute drei Stunden dauern beide Konzerte zusammen, in denen Bands und Publikum sich schwitzend verausgaben und immer wieder Menschen aus dem Publikum auf die Bühne geholt werden und mitsingen dürfen. Nach dem energiegeladenen Konzert ist der Jubel groß – denn Party geht selbstverständlich auch im Spannungsfeld.

Von Jan Fischer

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