Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Götterdämmerung“ in Minden
Nachrichten Kultur „Götterdämmerung“ in Minden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 13.09.2018
Das sichtbare Orchester: „Götterdämmerung“ in Minden. Quelle: Friedrich Luchterhandt
Minden

Er sagt es ja selbst: „Nur wer der Liebe Lust verjagt“, hat Richard Wagner am Beginn seines „Rheingolds“ gedichtet, „nur der erzielt sich den Zauber, zum Reif zu zwingen das Gold.“ Lässt sich dieses asketische Rezept, das die komplizierte Handlung des „Rings“ erst in Gang setzt, auch als Hinweis für eine richtige Aufführung der gewaltigen Operntetralogie verstehen? In Minden, wo der Dirigent Frank Beermann gerade eine sehr erstaunliche Produktion des „Rings“ mit der „Götterdämmerung“ abgeschlossen hat, scheint man sich darauf besonnen zu haben. Beermann zumindest verzichtet nahezu vollständig auf den Klangrausch, zu dem die üppige Partitur immer wieder verführt. Er bleibt stets nüchtern, sachlich, zurückhaltend – und eröffnet damit eine ungewohnte, auf Anhieb überzeugende Sichtweise auf den „Ring“.

Im Unterschied zu herkömmlichen Aufführungen stehen die Sänger in Minden akustisch völlig unumstritten im Mittelpunkt. Dafür brauchen sie nicht einmal laut zu singen: Die spezielle Aufstellung und die Rücksicht des Dirigenten sorgen fast von ganz allein dafür. Das Stadttheater in Minden ist klein, der winzige Orchestergraben kann das „Ring“-Orchester nicht ansatzweise fassen. Daher spielt das Orchester – die Nordwestdeutsche Philharmonie aus Herford – hinter einem Gazevorhang auf der Bühne. Die Sänger agieren davor in einem Bühnenaufbau, den Frank Philipp Schlössmann in den Zuschauerraum hineinragen lässt. So sind Sänger und Zuschauer im selben Raum, während der Klang des Orchesters in guten Teilen vom hohen Schnürboden über der Bühne geschluckt wird – ein Phänomen, gegen das sonst die Sänger ansingen müssen.

Für Bayreuth hat Wagner sich das unsichtbare Orchester gewünscht, um seinen Klang mit einem Schalldeckel abdämpfen zu können. In Minden in das Orchester sichtbarer denn je – und kommt vermutlich dem Klangideal des Komponisten so nah wie kaum je zuvor. Natürlich ist diese Sitzordnung, die eine fabelhaft kammermusikalische Durchleuchtung der „Ring“-Partitur ermöglicht, eine aus der Not der beengten Räumlichkeiten entstandene Tugend. Dass das Stück in Minden gespielt wird, ist schließlich alles andere als selbstverständlich. Zwar ist der „Ring“, der lange nur den größten Opernhäusern vorbehalten war, zunehmend auch an kleineren Theatern zu erleben. Minden aber hat gar kein eigenes Ensemble, im Theater gibt es nur Gastspielbetrieb. Der örtliche Richard-Wagner-Verein organisiert dort seit einigen Jahren eigene Opernproduktionen – und hat mit dem „Ring“ nun Beispielhaftes geschaffen.

Dara Hobbs, die in Hannover schon als Ariadne zu hören war, kann sich als Brünnhilde sicher auch unter schlechteren akustischen Bedingungen durchsetzten – in Minden sorgt ihr weit flutender Sopran für den Klangrausch, mit dem das Orchester spart. Auch das übrige Ensemble um Thomas Mohr als Siegfried und Andreas Hörl als Hagen sowie der bestens vorbereitete Chor wissen den zusätzlichen Klangraum zu nutzen. Die unkompliziert klare Inszenierung von Gerd Heinz rundet diesen „Ring“ schließlich zu einer vorbildlichen Produktion: Wer neue Einblicke in Wagners Musik sucht, sollte die Fahrt nach Minden nicht scheuen.

Weitere Vorstellungen sind am 13., 16., 20. und 23. September im Stadttheater Minden. 2019 gibt es zwei zyklische Aufführungen aller vier „Ring“-Opern.

Von Stefan Arndt

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Freudig blasphemisch: Schauspiel-Star Lars Eidinger liest in Hannover Liebesgedichte von Thomas Brasch – und kann den Blick kaum von den Texten lassen

10.09.2018

Geschichte, erstaunlich lebendig: Die umjubelte Theaterversion von Christoph Heins Romanessay „Trutz“ im Staatstheater Hannover

12.09.2018
Kultur Tanztheater International - So war das Tanzfestival 2018

Hip-Hop und Hypnotisches: Tanztheater International endet mit zwei furiosen Vorstellungen

09.09.2018