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Kultur Der Folkpop-Shakespeare begeistert das Publikum
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00:18 05.08.2018
Ist es Liebe? Ist es nur ein Spiel? Rosalinde und Orlando haben kein Auge für die Hofschranzen in „Wie es euch gefällt“. Quelle: Foto: Heidrich
Hannover

Am Ende gibt es ganz großen Applaus, am Anfang stehen ganz große Lebensfragen: Ist es Liebe? Ist es Lug und Trug? Liebt man das Kind im Manne – oder die Frau mit kindlichem Antlitz? Sind solch sinnliche Ausflüge gar nicht statthaft? Oder dürfen wir alles so genießen, wie es uns gefällt?

„Wie es euch gefällt“ – das ist William Shakespeares Verwirrstück rund um Gesellschafts- und Geschlechterrollen, Macht und Intrigen, eine in Teilen durchaus düstere Komödie. An deren Ende bekommt jedes Töpfchen zwar ganz brav sein Deckelchen, doch ihr Reiz liegt gerade in dem Wissen, dass alles auch ganz anders sein könnte.

Erstmals im Aegi

Ganz anders geht der Klassiker jetzt in Hannover über die Bühne. Zum einen, weil Heiner Lürig (mit einer Musik zwischen Folk, Rock und Chanson) und Heinz Rudolf Kunze (mit einer Textfassung in sauberem Versmaß und fast frei von Kalauern) nach „Was ihr wollt“, dem „Sturm“ und dem „Sommernachtstraum“ auch dieses Shakespeares-Stück von 1599 jetzt zum Musical gemacht haben. Zum anderen, weil sie dafür erstmals nicht das Gartentheater Herrenhausen, sondern die Bühne des Theaters am Aegi nutzen.

Heiner Lürig und Heinz Rudolf Kunze präsentieren „Wie es euch gefällt“ als leichtfüßiges Musical im Theater im Aegi in Hannover

Wie um die Zäsur zu illustrieren, nutzt Ausstatter Manfred Kaderk die Bühnentechnik auf intelligente Weise für einen gleitenden Wandel, lässt drei Ebenen bespielen, vor und hinter denen Beamer die Bühne bald in herrschaftliches Rot, bald in bonbonfarbenes Pink tauchen – und lange Zeit in Waldesgrün. Schließlich lässt Shakespeare seine Figuren vom intrigengeschüttelten Herzogssitz in den Wald ausweichen, wo der vom eigenen Bruder verbannte Herzog ebenso wie der von gleichfalls vom eigenen Bruder betrogene Orlando Zuflucht suchen – und letzterer nach allerhand Verwicklungen in diesem Garten der Gefühle Rosalinde und damit sein Glück findet. Wie oft bei Shakespeare nehmen auf dem Weg dorthin die Untergebenenen deftig-direkt an Sinnlichkeit vorweg, was Damen und Herren einen Theaterabend lang erst herbeisehnen.

Eine Ebene verkörpern in diesem Stück Merle Hoch als verbannte und als Knabe verkleidete Herzogstochter Rosalinde und Oliver Morschel als Orlando, auf der anderen Ebene agieren der Narr (Steffen Häuser) und die Hirtin Mechthild (Angelina Arnold), der Schäfer Silvius (Tom Schimon) und seine Angora (Judith Bloch). Und Julia Steingaß als Rosalindes Cousine Celia lässt sich am Ende noch mit Oliver, dem bösen, doch dann geläuterten Bruder von Orlando ein, den Tim Müller spielt.

Weil das Ganze mehr als Sprechtheater, eben ein Musical ist, sind neben schauspielerischen auch gesangliche Qualitäten zu erleben. Unterstützt von der sechsköpfigen Band im Bühnenhintergrund mit Akkordeon und Flöte, Gitarre, Drums und Keyboards, begeistern zuerst und vor allem Merle Hoch und Julia Steingaß. Später, besonders in A-cappella-Passagen, beeindrucken besonders die Gesangsleistungen von Oliver Morschel und von Thomas Wißmann.

„Liebt einfach jeden“

Wenn Rosalinde sich im Wald als Mann verkleidet, beginnt ein Versteckspiel rund um Tabus und Rollen, um Geschlechterzuweisungen und sexuelle Orientierung. Dass hier nicht neue Tabus ausgelotet werden, sondern diese Rosalinde das Rollenspiel einfach als ebenso coolen wie angstfreien Partnertest präsentiert, macht die Leichtigkeit, aber auch eine gewisse Seichtigkeit dieser Inszenierung (Regie: Renate Rochell) aus. „Ob ihr Männer liebt, ob Frauen, liebt einfach jeden, wie es euch gefällt“– so wird der Shakespeare-Titel schon lange vor diesen Zeilen aus dem Schlusssong zum Refrain, so wird der Wald am Ende zur Stätte einer etwas wohlfeilen Partnerbörse. Sind die Rollenkonflikte der Shakespeare-Vorlage heute wirklich schlicht von gestern? „Die Liebe kam und sah und siegte“, heißt es da noch, „ehe sie was zum Kämpfen kriegte.“ Immerhin, Jacques (Thomas Wißmann) kommt auch in dieser Inszenierung mit dem berühmten Shakespeare-Bonmot „Die ganze Welt ist Bühne“ vor. Hinter der Einsicht, dass wir alle nur Spieler auf dieser Bühne sind, steckt ja das Wissen um die Differenz zwischen individuellem Wollen und gesellschaftlichem Sollen.

Solche Untiefen haben die Begeisterung des Publikums im sehr gut besuchten Aegi nicht getrübt. Vor allem die rasanten Wechsel, punktgenaues Timing und schwungvolles Spiel – von den Hauptdarstellern bis zum durchchoreografierten Hofstaat am Anfang oder den Schafen nach der Pause – sowie, nicht zuletzt, der knallige Reiz von Kostümen und Kulissen führen dazu, dass am Ende der Beifall kaum enden will. So wird aus den sonst bei Premieren üblichen Vorhängen eine achtminütige, immer wieder von Rufen, Pfiffen und neuerlichem Applaus unterbrochene Abschiedsshow.

Nächste Termine: 3. und 4., 8. bis 11., 15. bis 18. und 22. bis 25. August, jeweils 20 Uhr im Theater am Aegi. Tickets im HAZ-Ticketshop unter Telefon (0511) 12 12 33 33.

Von Daniel Alexander Schacht

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