Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Wilhelm-Busch-Museum zeigt Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner
Nachrichten Kultur Wilhelm-Busch-Museum zeigt Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 20.08.2018
Zu nackt für die USA? Aus dem Winter-Wimmelbuch von Rotraut Susanne Berner. Quelle: Gerstenberg-Verlag
Hannover

Wie glücklich man sein kann, wenn die Taschen leer, wenn die Schritte beflügelt, wenn Hirn, Herz und Seele frei sind – das erfährt man in „Hans im Glück“. Und wie man diese Geschichte ganz ohne Worte erzählen kann – das ist jetzt im Wilhelm-Busch-Museum zu erleben, das auf zwei Stockwerken Arbeiten von Rotraut-Susanne Berner in einer umfassende Retrospektive zeigt.

Diese Zeichenkünstlerin tritt nicht nur durch ihr Werk, sondern bei der Ausstellungspräsentation auch mit nachdrücklichen Worten für die wortlose und dabei doch aussagekräftige Bilderzählung ein. „Bilder zu lesen, das ist eine eigene Kunst, die man erlernen muss – und das wird in der Schule viel zu wenig vermittelt“, sagt die Künstlerin, dabei sei das in Zeiten digitaler Bilderfluten umso wichtiger. „Denn anders als Texte wirken Bilder auf einer ganz direkten, emotionalen Ebene.“

Wer solche Worte hört und sich in der neuen Ausstellung mit dem harmlos klingenden Titel „Sammel & Surium“ umschaut, merkt: Rotraut-Susanne Berner, die zunächst als Illustratorin und dann vor allem durch ihre Wimmelbücher bekannt geworden ist, weiß zwar kindliche Perspektiven einzunehmen, hat aber auch Erwachsenen viel zu bieten. Kein Wunder, dass Museumsdirektorin Gisela Vetter-Liebenow betont, dass Berners „imposantes Werk“ besonders gut ins „Familienprofil“ des Hauses passe, weil es zwar bunt und fröhlich wirkt, dabei aber ernste und teils geradezu philosophische Fragen nicht ausspare. Wie sich derart Leichtigkeit und Tiefe vereinbaren lassen, ist besonders in „Gretchen & Fragen“ zu erleben, einem der insgesamt zehn Ausstellungskapitel, nach denen die opulente Masse von rund 500 Einzelbildern sortiert ist. Da geht es dann eben um Gretchenfragen nach Tod und Gott und Ewigkeit, da sind Bilder zu sehen, die in Augenhöhe mit den Autoren der Bücher entworfen sind, welche sie illustrieren.

Die zehn Ausstellungskapitel folgen übrigens den zehn Kapiteln des Begleitbuchs, das unter demselben Titel im Hildesheimer Gerstenberg-Verlag (103 Seiten, 25 Euro) erschienen ist und durchaus mehr ist als ein Ausstellungskatalog. Eher lässt sich das aufwendig gestaltete, teils im Siebdruckverfahren hergestellte und durchweg vierfarbige Werk als Künstlerbuch charakterisieren, das bestens als Geschenk geeignet ist - und nicht zuletzt ein Geschenk für Rotraut Susanne Berner selbst ist, das ihr der Verlag zum bevorstehenden 70. Geburtstag verehrt.

Darin steckt gleichsam Doppelarbeit der Künstlerin, zum einen, weil es eben ihre Werke sind, zum anderen weil sie dafür Arbeiten aus 40 Jahren durchsehen und auswählen musste. Möglich war dies, da sie bis auf wenige Werke alle Originale selbst behalten hat, weil die meisten ihrer Arbeiten eben nur in Büchern veröffentlicht wurden. Ein Glücksfall für das Haus im Georgengarten, aber zugleich eine große Aufgabe für die Gestaltung jenseits der vielen Bildbände.

Die Ensmann-Galerie des Museums ist dafür in ein nächtliches „Wimmlingen“ verwandelt worden, passend zum zuletzt in der Reihe erschienenen „Nacht-Wimmelbuch“. Und für zwei Vitrinen hat Rotraut Susanne Berner noch Archivmaterial und Skizzen, Fotos und frühe Zeichnungen beigesteuert. Ihnen kann man ansehen, dass sie schon als Jugendliche einen ähnlichen Strich hatte wie in ihren späteren Zeichnungen. „Die klare Linie sieht zwar simpel aus“, sagt sie dazu, „aber das Einfache ist am schwersten zu machen.“

Wer sich mit der Künstlerin unterhält, lernt übrigens außer den Chancen auch die Grenzen der Zeichenkunst kennen. Gerade ihre populärsten Arbeiten, die vier die Jahreszeiten schildernden Wimmelbücher, die inzwischen in 22 Ländern der Welt in einer Auflage von rund drei Millionen Exemplaren erschienen sind, hatten es ausgerechnet in den USA zunächst schwer. „Da hatte ich schon einen Vertrag, doch dann wollte der Verlag auf einem Bild einen Penis und eine nackte Brust zensieren – weshalb ich dann die Verhandlungen abgebrochen habe.“

Erst ein Jahr später gab es auch jenseits des Atlantiks ein kleines Happy End: Da hatte der Verlag des „San Francisco Chronicle“ an der liberalen Westküste die Wimmelbücher entdeckt. Nur in Kalifornien hat man sich über die Prüderie der sonstigen USA hinweggesetzt und einen Wimmelbuch-Sammelband veröffentlicht – mit nacktem Penis und unverhüllter Brust. Immerhin.

Rotraut Susanne Berner: „Sammel & Surium. Bilder und Bücher aus 40 Jahren“. Bis 4. November im Wilhelm-Busch-Museum, Georgengarten. Eröffnung Sonnabend, 18. August um 11 Uhr. Am 19. August gibt es dort einen Familiensonntag mit Workshops sowie, um 11.30 und 13.30 Uhr einer Lesung Rotraut Susanne Berners und, um 14 und 17 Uhr, einer Führung der Künstlerin durch ihre Ausstellung. Details unter www.karikatur-museum.de.

Von Daniel Alexander Schacht

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Teils subversiv und selbstironisch, teils dekorativ und recht banal: 53 Künstler, fünf Orte, mehrere Generationen – die große Kunstschau startet in Hannover

16.08.2018

Eine Sammlung von 150 Kunstwerken stiftet ein Osnabrücker Ehepaar an das LWL-Museum für Kunst- und Kultur in Münster. Die beiden sammeln die Werke seit Jahrzehnten.

16.08.2018

Klassik boomt – das ist in den kommenden Tagen besonders bei der NDR Radiophilharmonie zu spüren: Bei Klassik-Open-Air und „Hannover-Proms“ verbindet sie auf beispielhafte Weise Kunst und Event.

19.08.2018