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13:33 08.10.2018
Drogerie-Unternehmer Dirk Roßmann legt seine Autobiografie vor. Quelle: dpa
Hannover

„Nicht aufgeben“ – so lautet die Lehre dieses Mannes aus einem Aufstieg, zu dem es aus einer als existenziell erlebten Notlage gekommen ist: Als 18-jähriger hat Dirk Roßmann eine hohe Eiche auf dem Bundeswehrgelände erklettert, ein Ausdruck des Protests über seine Rekrutierung, gegen die er bereits gerichtlich vorging – und er ist erst heruntergeklettert, als absehbar war, dass man ihn nicht weiter behelligen würde.

Wer vom Aufstieg des Unternehmers Dirk Roßmann hört, denkt wohl nicht zuerst an diese Kletterei, und doch ist es kein schlechter Kunstgriff, dass er die Anekdote zum Einstieg seiner Lebenserinnerungen wählt und sogar im Titel „… dann bin ich auf den Baum geklettert!“ aufgreift. Denn darin erzählt er von den zahlreichen Ein-, Um- und Aufstiegen, bei denen er sich stetig neue Horizonte erklettert hat. Sie waren bislang eher engeren Freunden und Gefährten bekannt, sagen aber viel über den Mann aus, der von Hannover aus Deutschlands erstes Drogeriemarktimperium aufgebaut hat.

Roßmann, Jahrgang 1946, hat schon als Kind in der elterlichen Drogerie gearbeitet. Er war nach eigenem Bekunden ein schlechter Schüler, dabei war er damals schon ein guter Beobachter sozialer Zustände und Lebensbedingungen. Er blickt daher nicht nur auf die ruinierten Fassaden des kriegszerstörten Hannovers, sondern auch hinter die Fassaden bürgerlicher Existenz.

Früh findet er heraus, dass er selbst das Resultat eines Seitensprungs ist und daher sozusagen zwei Väter hat, die freilich beide früh versterben. Sensibel spürt er, dass die Segnungen der Volksschule der Fünfzigerjahre vor allem aus Zucht, Ordnung und Langeweile bestehen. Genau registriert er, dass er bei einer späteren Drogistenlehre vor allem ausgebeutet wird und kaum etwas lernt. Hellwach reflektiert er die Chancen, die sich aus dem Ende der Preisbindung für Drogeriewaren ergeben und eröffnet 1972 den ersten Drogeriemarkt – dem noch im selben Jahr Dutzende Filialen folgen.

Heute gibt es in einem halben Dutzend Ländern Europas insgesamt 3800 Roßmann-Märkte mit rund 50.000 Mitarbeitern. Wer derart aufsteigt, macht auch die Bekanntschaft mit Leuten, die andere nur aus dem Medien kennen. Roßmanns Buch bietet daher auch einen persönlichen Blick auf Prominente wie Martin Kind, Christian Pfeiffer oder auch Christian Wulff.

Wer über solche Seiten hinwegliest, hat dafür mehr Zeit für die besonderen und berührenden Seiten dieses Mannes, der statt auf akademischem Wege als Autodidakt Bildung, Erfahrung und Weltwissen erworben und in persönlicher und sozialer Hinsicht viel mehr als bloße Schulgelehrsamkeit zu bieten hat.

Sein besonderes Interesse galt dabei der Psychologie, die er nach einer persönlichen Krisenerfahrung als seinen „Rettungsanker“ bezeichnet: Dirk Roßmann ist mit der Psychoanalytikerin Ruth Cohn zusammengetroffen, er interessiert sich für die von ihr geprägte Methode der Themenzentrierten Interaktion, er hat eine Ausbildung zum Gestalttherapeuten absolviert und lässt solche Erfahrungen in Seminare einfließen, die er für seine Mitarbeiter in seinem Seminarzentrum in der Nordheide veranstaltet.

Dass soziales Engagement für Roßmann auch über das Unternehmen hinaus mehr bedeutet als Geld zu spenden, illustriert sein Einsatz für die von ihm mitgegründete Deutsche Stiftung Weltbevölkerung, die sich für selbstbestimmte Familienplanung, Frauenrechte und Bildung in den geburtenstarken Ländern vor allem Afrikas einsetzt.

Roßmann hat nicht nur die Hilfsprojekte der Stiftung immer wieder besucht. Am Ende seines Buches schildert er auch, wie er eine Audienz beim Papst zu einem Appell für die Stiftungsziele einsetzt – im Wissen, dass die ablehnende Haltung der katholischen Kirche zu Verhütung und moderner Familienplanung dabei eines der größten Handikaps ist. Franziskus hält beide Hände des Unternehmers, während dieser spricht, so schildert Roßmann die Szene bei dieser Massenaudienz, der Papst lächelt und schweigt.

Dass Dirk Roßmann, der selbst nicht religiös ist, gleichwohl nichts unversucht lassen, die Chance der Begegnung mit dem Papst nutzen will, passt nicht schlecht zu einem Mann der das Nichtaufgeben zu seinem Lebensmotto erklärt.

Dirk Rossmann mit Olaf Köhne und Peter Käfferlein: „… dann bin ich auf den Baum geklettert!“. Ariston-Verlag, 240 Seiten, 20 Euro.

Von Daniel Alexander Schacht

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