19°/ 9° wolkig

Navigation:
Abo bestellen HAZ-Shop HAZ Media Store AboPlus HAZ Service
20 Jahre Missverständnisse bei VOX
Mehr aus Fernsehen

Katzenberger statt Anspruchsfernsehen 20 Jahre Missverständnisse bei VOX

Als Vox vor 20 Jahren auf Sendung ging, wollte der Sender Privatfernsehen mit Anspruch machen – und sendet heute Katzenberger-TV. Was ist bloß passiert?

Voriger Artikel
#Aufschrei-Debatte landet bei Günther Jauch
Nächster Artikel
Dschungel-Camp für Grimme-Preis nominiert

„Die einen bleiben dumm. Die andern schalten um“ – so warb Vox 1993. Doch nach Pionierformaten wie Dieter Moors „Canale Grande“ (u. li.) gab’s schnell Katzenberger bis zum Abwinken.

Quelle: dpa

Berlin. Heute wirkt das ja doch putzig, was sie für hehre Pläne hatten, damals, vor 20 Jahren. Vox – das sollte Privatfernsehen mit Anspruch werden, quasi das RTL des Bildungsbürgers. In einer Zeit, als bei SAT.1 und RTLplus Trompete spielende Nackedeis durch Heuschober kugelten und Erdbeere, Zitrone & Co. ihre Bikini-Oberteile lüfteten, wollte Vox zeigen, dass das geht: Niveau und Quote. „Täglich verlieren Sie 1000 Gehirnzellen. Retten Sie den Rest“, lautete ein früher Vox-Werbespruch. Oder auch: „Die einen bleiben dumm. Die andern schalten um.“ Vox – die Stimme der Vernunft.

Heute, 20 Jahre nach dem Start, zeigt Vox lieber heimwehkranke Auswanderer, schmierige Makler, kochende Spießbürger, shoppende Luxusweibchen, einen turtelnden Lothar Matthäus und Daniela Katzenberger, Katzenberger, Katzenberger. Was ist passiert?

Es ist wie so oft, wenn hochfliegende Träume an der Realität zerschellen: Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Der neue Sender trug – lange, bevor es losging – den martialisch klingenden Arbeitstitel „Westschienenkanal“. Klingt nach Krieg, sollte aber bloß nach der Nord- und der Südschiene (RTLplus und SAT.1) der dritte große deutsche Privatsender werden. Und die Westschienenkanal Film- und Fernseh GmbH & Co. KG gab eine damals aberwitzig erscheinende Zielmarke aus: Augenhöhe mit ARD und ZDF – nur bitte ohne deren Muff. Dafür hatte man den Öffentlich-Rechtlichen extra führende Journalistenköpfe weggekauft, darunter Wibke Bruhns und ZDF-„heute journal“-Mann Ruprecht Eser, der zum ersten Vox-Programmdirektor wurde.

Bewegte Pionierjahre in Köln-Ossendorf. Platznot. Besprechungen in der Eisdiele. Zu sechst in Zweierbüros. Mitarbeiter, die zu Hause Software für den Sender schrieben. „In einem Jahr“, dröhnte man, solle Vox eine feste Größe neben ARD und ZDF sein. „Infotainment“ sollte es richten, damals ein neues Zauberwort, die Versöhnung von Geist und Spaß. Stündlich gab es Nachrichten („punkt vox“), täglich ein Interview („vis à vox“), dazu Hauptnachrichten um 19.45 Uhr („welt vox“). Wie sich ein gestandener ZDF-Mann wie Eser das „Ereignisfernsehen für die Info-Elite“ halt so vorstellte: solide, trocken, teuer. Ein bisschen wie das ZDF, nur eben ohne Gebühren. In der ersten Sendeminute versprach Eser: „Neuigkeiten können richtig spannend sein – also unterhalten.“ „350 Menschen arbeiten bei Vox“, hieß es stolz in einem Einspielfilm – „Journalisten, Kameraleute, Techniker und Leute, die die Bücher führen.“

Scheitern an der Quote

Das Problem war: Es funktionierte nicht. Im ersten Jahr kam Vox im Schnitt auf 0,05 Millionen Zuschauer. Der Marktanteil betrug 1,5 Prozent. Ein Desaster. Hohe Millionenverluste. Eser musste gehen, denn die Anteilseigner – die Bertelsmann/Gruner+Jahr-Tochter UFA, der luxemburgische CLT-Konzern, der Holtzbrinck Verlag, Alexander Kluge und andere – wurden nervös. Avantgardistische Formate wie Dieter Moors unvergessenes Medienmagazin „Canale Grande“ („Liebe Zielgruppe!“) wurden zwar in den Feuilletons beifällig abgenickt – quotenmäßig aber spielten sie keine Rolle. Am 1. April 1994 war Vox pleite. 250 Mitarbeiter saßen auf der Straße und erzählten sich was. Wie das gewesen wäre, wenn. Wie schön es hätte sein können. Vox sendete ein Notprogramm, wiederholte zum Beispiel den Spielfilm „Der lange Tod des Stuntman Cameron“ von 1980 aus Kostengründen so oft, bis die Sendekopie beschädigt war – und sendete trotzdem weiter.

Dann nahte der Retter in schimmernder Rüstung, und der Retter hieß Rupert Murdoch. Seine News Corp. stieg mit fast 50 Prozent bei Vox ein. Mit Murdoch kamen die großen Spielfilme von 20th Century Fox. Mit Britta von Lojewskis unvergessenem „Kochduell“ („Na? Was ist wohl heute im Einkaufskorb?“) startete Vox dann die deutsche Kochwelle. Und Lilo Wanders’ „Wa(h)re Sünde“ war dann schon viel zu sexy, um sich noch als Info-Magazin zu tarnen. US-Serien wie „Airwolf“ und „Sledge Hammer!“ verscheuchten die letzten Bildungsbürger. 1997 sendete Vox nach einem Blitzeinschlag 36 Minuten lang ein schwarzes Nichts. Es war der sprichwörtliche Wendepunkt. 1999 rückte die Controllerin und heutige RTL-Chefin Anke Schäferkordt an die Senderspitze – und formte den unentschlossenen Irgendwas-Sender konsequent zur Abspielstation für US-Ware („Ally McBeal“, „CSI“) und flott heruntergekurbelte Eigenmagazine um („Schmeckt nicht, gibt’s nicht“ mit Tim Mälzer, „Voxtours“ mit Mary Amiri). Die RTL Group übernahm die Anteile von Murdoch. Und Rupert Esers Traum vom besseren Fernsehen wurde zur fast 100-prozentigen RTL-Tochter.

Niemand würde Vox heute mit ARD und ZDF verwechseln. Von Eser und Moor zu „Promi Dinner“, „Shopping Queen“, „X Factor“ und Daniela Katzenberger in 20 Jahren – kein anderer deutscher Sender hat eine derart spektakuläre Metamorphose hinter sich. Und während das Mutterschiff RTL sich um Comedy und Show kümmert, nennt Vox das, was es an Szenen mit einfältigen Aussiedlern und seiner schrillen Lieblingsblondine zusammenschnipselt, tapfer „Dokumentation“. Die Nachrichten aber, gar die Politik, sind nur noch Feigenblatt für die schmückende Bezeichnung „Vollprogramm“.

Das ist dem Sender nicht vorzuwerfen, die Zahlen stimmen. Doch bei dem Gedanken, dass da mal ein Privatsender war, der seinem Publikum etwas zutraute, der auf Urteilsvermögen und Freude an der Erkenntnis setzte, schwingt ein bisschen Wehmut mit. Ja, Vox war naiv. Ja, Privatsender müssen Werbung verkaufen. Doch es ist ein bisschen wie mit dem Kommunismus: Nur weil ein Modell scheiterte, muss die Idee nicht schlecht sein.
Seinen Geburtstag feiert Vox nicht groß – im Gegensatz zum Schwestersender RTL II, der seinen 20. am 6. März mit einer dreistündigen Liveshow begeht. Etwas also scheint geblieben von der sympathischen Sachlichkeit der frühen Vox-Jahre. Hätte doch bloß jemand zugesehen.

Voriger Artikel Voriger Artikel
Nächster Artikel Nächster Artikel
Anzeige
So schützen Sie Ihre Daten im Internet

Kennen Sie alle „Tatort“-Kommissare?

18 Teams ermitteln derzeit in der erfolgreichen „Tatort“-Reihe. Kennen Sie alle?mehr

Anzeige
Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen