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Ein Abschiedsbrief an Stefan Raab

22 Jahre sind genug Ein Abschiedsbrief an Stefan Raab

Am Samstagabend läuft auf Pro Sieben mit "Schlag den Raab" (20.15 Uhr) die allerletzte Show von Stefan Raab. Ein Abschiedsbrief von unserem Kolumnisten Imre Grimm an einen Entertainer, der es seinem Publikum nie leicht machte.

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Ende einer langen Fernsehkarriere: Stefan Raab geht in den Ruhestand.

Quelle: Henning Kaiser

Hannover. Lieber Stefan Raab ...

nein, es ist wahrscheinlich keine gute Idee, Sie so plump vertraulich anzuquatschen. Ich weiß, Sie hassen das. Sie bekommen dann diesen starren Blick, Ihr Schutzschild dicker als Mettwurstpelle. Es ist das spöttelnd-distanzierte Gesicht, das Sie immer aufsetzen, wenn ein Journalist sich nähert. Raab auf Autopilot. „Sehr geehrter Herr Raab“ wäre passender. Aber das klingt so förmlich und kalt an einem Tag, an dem viele Menschen ein bisschen traurig sind. Ich gehöre dazu.

Fast zehn Jahre lang lief "Schlag den Raab" im deutschen Fernsehen, und meistens gewann Stefan Raab: Zahlen, Daten, Fakten zu einer der erfolgreichsten Samstagabendshows.

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Heute endet Ihre Fernsehkarriere endgültig. Nach Ihren Tränen am Mittwoch bei „TV total“. Nach 22 Jahren. Nicht, weil irgendein Schlipsträger vom Sender sagte: Danke Stefan, 22 Jahre sind genug. Sondern weil Sie selbst das so wollten. Der Mensch muss noch geboren werden, der Stefan Raab dazu bringt, etwas zu tun, was er nicht will. „Es gibt nur eine Sünde: Feigheit.“ Diesen Satz haben Sie mal auf die Wok-WM-Jacken Ihres Teams sticken lassen. „Das ist das Problem der meisten Leute“, haben Sie gesagt: „Sie haben Schiss in der Buchse.“

Sollen wir jetzt Kai Pflaume gucken?

Schiss war Ihr kleinstes Problem. Ich erzähle Ihnen kurz meinen Lieblingsmoment aus „tv total“: „Ist Elton da?“, fragten Sie regelmäßig. Die Heavytones spielten Eltons „Väter der Klamotte“-Erkennungsjingle, und Elton kam aus der Kulisse, in seinem roten Anzug. Bis auf einmal. Da fragten Sie: „Ist Elton da?“, und aus dem Hintergrund trat – Elton John. Ich habe es geliebt.

Herr Raab, wollen Sie uns wirklich alleinlassen mit Leuten, die auf die Eins und die Drei klatschen? Mit Typen, die ohne Moderationskarten nach Luft schnappen wie ein Karpfen am Strand? Sollen wir statt „Schlag den Raab“ jetzt Kai Pflaume gucken? Oder Frank Elstner mit irgendwelchen Elefanten?

Was Sie vom Rest der Fernsehbande unterschied, von diesen ganzen fiebrigen Unterlingen in fliederfarbenen Hemden, die auf Schulterklopfpartys Aperol Spritz trinken: Sie glaubten fest daran, dass Zuschauer sich nicht verarschen lassen. Dass das Publikum selbst der beste Sachwalter seiner Interessen ist. So oft wie möglich ließen Sie dem Volk das letzte Wort. Da ging’s nicht um die blöden 50 Cent Pro7-Anrufgebühren, da ging’s um die Überzeugung, dass Menschen am besten entscheiden können, was Menschen gefällt. Und dass es dafür keine bescheuerte XXL-RTL-Dramatik braucht und keine als Sexbomben verkleideten Teenager.

Als größter Diktator des Geschäfts verschrien

Das ist auch so ein raabsches Paradoxon: dass der Mann mit den falschesten Zähnen im deutschen Fernsehen das ehrlichste Grinsen hatte. Dieses Lukas-Podolski-Feixen, das signalisierte: Mir doch egal, heute kann ich nicht verlieren. Vom Rad gefallen, die Schnauze gebrochen? Steh’ ich halt wieder auf. Und dass der Typ, der als größter Diktator des Geschäfts verschrien ist, in Wahrheit ein überzeugter TV-Demokrat ist. Ein bisschen zu laut, aber durchaus in der Lage, andere gut aussehen zu lassen. Es war ein heißer Ritt. 1993 „Vivasion“, damals noch mit dieser Skilehrerfrisur.

Dann „Hier kommt die Maus“. Alf Igel. Guildo Horn. „Raab in Gefahr“ (mit dem Led-Zeppelin-Gitarrenriff). Die „Raabigramme“. „Rutscher oder Lutscher“ (Ihr Rekord auf dem Geländer: 1,123 Sekunden). Die erste Wok-WM. Autoball. Grimme-Preis für „SSDSGPS“. Max Mutzke. Das unfassbare Opening beim Eurovision Song Contest 2011. „Blamieren oder Kassieren“. Das Kanzlerduell. Und zuletzt dieser Ausflug nach New York, ein Nachhall der goldenen Jahre. Klassenfahrt mit Klassenkasper.

Lenas Triumph – Ihr Meisterstück

Geschenkt, dass Sie zuletzt manchmal wirkten wie ein Zirkusgaul, der sich mühsam in die Manege schleppt (Deshalb hören Sie ja auf. Das ist so dermaßen konsequent). Geschenkt, dass es Menschen gibt, die weite Teile Ihres Schaffens für infantilen Quatsch halten. Sie sind ja der Erste, der die Überhöhung Ihres Wirkens ablehnt. Der immer sagt: „Es ist nur Unterhaltung.“ Und der in dieser magischen Nacht von Oslo nach Lenas Sieg am 29. Mai 2010 dann doch glücksbesoffen singend im Mittelgang des Busses stand und die Deutschlandfahne schwenkte.

Lenas Triumph. Ihr Meisterstück. Zweimal haben Sie im Winter 2009 in ihrem Büro in der Schanzenstraße das Video angesehen, auf dem Lena mit der Nummer 05053 auf der Brust ihr Lied sang („Aii, aii! You said I’m stubborn and I never give in ...“). Dann wussten Sie, dass Sie Ihren Star gefunden haben. Damals, als die mit dem ESC überforderte ARD Sie bat, „Ödland aufzuarbeiten“, wie Sie das nannten. „Das war so ein magischer Moment“, haben Sie mal erzählt. „Sie steht da, ganz allein, und dann fängt sie an zu singen: ,Aii, aii ...‘“ Der Rest: Geschichte.

Über Ihr Privatleben wachen Sie besser als Nordkorea über das Internet. Ich habe Sie ein einziges Mal beinahe privat erlebt. Wir sind aus Versehen gemeinsam Fahrstuhl gefahren, als Sie „TV total“ aus diesem Hochhaus in Istanbul sendeten. Sie erzählten Ihren Begleitern von Ihren Eltern. Da waren Sie kurz „der Stefan“. Ich sage nicht, was Sie erzählten. Ich will keinen Ärger wie damals der „Focus“, als Sie unter anderem klarstellen ließen, dass das Mettbrötchen im „Focus“ nicht Ihres war. Ihre Managerin machte „ksss“. Das bedeutete: Feind hört mit. Der Feind war ich. Da waren Sie ruckzuck wieder „der Raab“.

Feuilletons vermissten das Bildungsbürgerliche

Nein, nicht jede Ihrer Ideen war ein Knaller (Quizboxen? Ernsthaft?). Nicht jedes Ihrer „Opfer“ war ein medienerfahrener Profi. Nicht jeder Kollege ist gut auf Sie zu sprechen („Das US-Militär hat eine ewig haltbare Pizza entwickelt, oder wie wir sagen: Uschi Glas.“). Sie haben es heftig um die Ohren bekommen von den Feuilletons, die die Adorno-Anspielungen bei Ihnen vermissten, die bildungsbürgerliche Doppelbödigkeit eines Harald Schmidt. Die Sie als penetrant empfanden. Die nicht verstanden, dass Sie im goldenen Glitzeranzug nicht Ihr eigenes Super-Ego feierten, sondern Menschen mit Super-Ego im Glitzeranzug parodierten.

Sie waren nie der Zeitgeist-Entschlüssler. „TV total“ war das Ikea-Kinderparadies für Erwachsene, das Bällchenbad für hedonistische Weltflüchtler. Spaß? Klar Spaß. Warum auch nicht? Wäre durchaus schön, wenn es ein paar mehr Menschen gäbe, denen ihr Job Spaß macht.

Wir werden uns wiedersehen!

„Ich verstehe Leute nicht, die sagen: Man solle aufhören, wenn es am schönsten ist, man mache sich den eigenen Ruhm kaputt“, sagten Sie mal. „Was ist das denn für ein Schwachsinn? Das zeigt aber, worauf die aus sind: auf Ruhm. Ruhm bringt aber im Leben nichts. Ruhm ist kurzatmig.“

Ich glaube fest daran, dass Sie den Rest Ihres Lebens nicht am Grill auf der Terrasse verbringen werden. Nicht des Ruhms wegen. Sondern des Spaßes wegen. Wir sehen uns wieder. Wie auch immer. Amen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Imre Grimm

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