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00:16 11.03.2016
Merlin Rose (spielt den Milan, Mitte) mit seinen Filmeltern Claudia Michelsen (als Susann) und Johann von Bülow (als Gustav). Quelle: Peter Endig/dpa
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Hannover

Mit einem Knalleffekt beginnt dieses ansonsten recht stille und sensible Familiendrama: In einer Vorblende sieht man den 17-jährigen Milan (Merlin Rose) am Steuer des Autos seines Vaters. Er ist bekifft, betrunken und wirkt irgendwie außer sich. Kurz danach baut er einen schweren Unfall.

Das Auto ist Schrott, er zum Glück nur leicht verletzt. Und für den Zuschauer – ja, auch für die Eltern des Jungen – stellt sich dieser Vorfall anfangs noch als zwar dramatischer, aber irgendwie normaler postpubertärer Ausbruch eines 17-Jährigen dar, der sich und seine Gefühle nicht unter Kontrolle hat. Erst später kommt dann zufällig heraus, dass der Unfall in Wirklichkeit ein Selbstmordversuch gewesen ist.

Wie ist es dazu gekommen? Milan ist eigentlich ein ganz normaler Jugendlicher, der zwar vor Jahren Probleme gemacht hat. Da litt er vermutlich an ADHS und depressiven Verstimmungen, aber inzwischen hat er sich scheinbar gut im Griff. Die schulischen Leistungen sind jedenfalls bestens, er ist beliebt unter seinen Mitschülern, spielt in einer Band, hat eine Freundin, mit der aber plötzlich Schluss macht. Weil sie, wie er sagt, immer nur Sex möchte und er darauf keinen Bock habe.

Diffizile Identitätsfindung im Mittelpunkt

Und nun sind seine Eltern – Susann (Claudia Michelsen) und Gustav (Johann von Bülow) – übers Wochenende verreist. Zusammen mit seinem besten Freund Christoph (Leonard Proxauf) sitzt Milan im elterlichen Wohnzimmer, beide kiffen, trinken Alkohol, schauen einen Porno. Und dann überkommt es Milan. Aufgeputscht vom Alkohol versucht er seinen Freund zu küssen, der weist ihn von sich. Es kommt zum Streit. Und wenig später sitzt Milan im Auto seines Vaters.

Milan ist schwul. Doch sich zu seiner Homosexualität zu bekennen ist für ihn ein schwieriger Prozess. Und von dieser diffizilen Identitätsfindung erzählt der von Stefan Schaller inszenierte Film "Aus der Haut". Das Drehbuch stammt von Jan Braren, der schon einmal, 2012, ein ganz ähnliches Thema für den mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Fernsehfilm "Homevideo" aufgegriffen hat. Auch hier sind jetzt wieder die Schule und die Familie das Spielfeld, auf denen sich viele kleine und große Dramen zutragen. Denn auch die Ehe von Milans liberalen Eltern ist nicht ohne Spannungen.

Beide sind erleichtert, als es ihnen gegenüber schließlich zu Milans Coming-out kommt. Sie hoffen, dass sich damit nun alle Probleme erledigt haben. Der Vater macht zur Feier des Tages sogar eine Flasche Champagner auf, was allerdings arg übertrieben erscheint. Es sei denn, man versteht es als hilflose Geste. Und beide hoffen zudem insgeheim, dass sie sich jetzt endlich wieder um sich selbst kümmern können, um seine Karriere als Architekt und um ihre als Ärztin.

Beeindruckende Hauptdarsteller

Doch so leicht macht es ihnen dieser Film nicht. Nicht nur, dass durch ihre eigenen Emanzipationsansprüche plötzlich ihre Ehe gefährdet scheint, nein, auch das scheinbar so tolerante Umfeld dieser gutbürgerlichen Familie reagiert überraschend biestig auf Milans Coming-out.

Das bekommt Milan in der Umkleidekabine der Turnhalle vorm Schulsport zu spüren. Und Susann auf einem Elternabend, der für sie entsetzlich verläuft. Davon berichtet sie anschließend ihrem Mann und fügt frustriert hinzu: "Warum kann unser Sohn nicht normal sein?" Dumm nur, dass Milan heimlich dieses Gespräch belauscht.

Wie schließlich die Identitätsfindung des Jugendlichen endet, ob dramatisch oder doch irgendwie harmonisch, bleibt lange Zeit offen. Genau daraus bezieht der Film seine Spannung. Sehenswert ist aber auch die Leistung der Hauptdarsteller. Und dem viel beschäftigten 23-jährigen Merlin Rose, der gerade in der ZDF-Vorabendserie "Die Spezialisten – Im Namen der Opfer" einen Kommissar spielt, gelingt es, den pubertär erregten Stinkstiefel Merlin zuweilen ziemlich liebenswert wirken zu lassen. Was ja wirklich nicht so einfach ist.

  • "Aus der Haut" | ARD
    Drama mit Claudia Michelsen
    Mittwoch, 20.15 Uhr
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