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Brieffreundschaft mit Nazis

„Die Wohnung“ Brieffreundschaft mit Nazis

Eine Wohnungsauflösung offenbart das Geheimnis eines jüdischen Paares: Eine Brieffreundschaft mit einem Nazi und seiner Frau, die auch nach dem Krieg fortbestand. Ein ARD-Film erzählt von den Folgen.

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Ein neuer Blick auf das Leben der Großeltern: Der Filmemacher Arnon Goldfinger muss das Leben seiner Großeltern Gerda und Kurt Tuchler (oben rechts) neu bewerten.

Quelle: ARD

Die Wohnung“ heißt ganz schlicht der Dokumentarfilm von Arnon Goldfinger, der am Dienstag um 22.45 Uhr im Ersten zu sehen ist. Sie liegt in Tel Aviv und gehört seiner Großmutter Gerda Tuchler, die 2007 mit 98 Jahren dort gestorben ist und 70 Jahre lang darin gewohnt hat, gemeinsam mit ihrem bereits 1978 verstorbenen Mann Kurt. Die geräumige Wohnung ist voll mit antiken Möbeln, Erstausgaben von Büchern und Lexika, schönen Gemälden und Deko-stücken - und mit unzähligen Briefen, Dokumenten und Fotos, die in den Schubladen der Kommoden schlummern. Weggeworfen hatte Gerda Tuchler nie etwas.

Zu Beginn geht eine Jalousie hoch, das Tageslicht fällt herein, Staub wirbelt auf, das Porträt einer Frau an der Wand wird sichtbar. Goldfinger, seine Geschwister und die Mutter Hannah wühlen sich durch Kleider- und Porzellanschränke. „Wenn unsere Großmutter das gewusst hätte, dann würde sie sich im Grabe umdrehen“, sagt Goldfinger, der während der Wohnungsauflösung (60 Müllsäcke pro Tag!) auf einen ebenso unerwarteten wie spannenden Briefwechsel stößt: Seine Großeltern pflegten eine enge Freundschaft mit einem Leopold von Mildenstein und seiner Frau. Mildenstein war beim Nazi-Geheimdienst SD der Berliner Kommandant des Judenreferates. Die Brieffreundschaft bestand auch nach dem Krieg fort.

Ganz allmählich, wie in einem Puzzle, fügt sich ein Bild zusammen: Kurt und Gerda Tuchler waren mit den von Mildensteins bereits 1933 in Palästina unterwegs. Dorthin floh das Ehepaar Tuchler Mitte der dreißiger Jahre, weg aus Nazi-Deutschland, wo sie als Juden kaum noch Rechte hatten. Der Verkehrsrichter Kurt Tuchler arbeitete fortan in Tel Aviv, während Leopold von Mildenstein in Berlin der Vorgänger von SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann war. Ob er Blut an seinen Händen hatte, konnte Goldfinger bei seinen Gesprächen mit dessen Tochter Edda Milz von Mildenstein nicht wirklich klären, aber ihr heiles Bild vom Vater bekommt bei der Entdeckung dieser Freundschaft zunehmend Risse.

Schmerzliche Prozesse kommen nun für alle Beteiligten in Bewegung - also für von Mildensteins Tochter, aber auch für die Kinder und Enkel der Tuchlers. Arnon Goldfinger gehört zur dritten Generation, die nun endlich alle diese unbequemen Fragen stellt, während seine Mutter Hannah nie daran gedacht hatte. Das wird schon an Äußerlichkeiten deutlich: Gerdas Wohnung strahlt mit ihrem Kuddelmuddel viel Wärme und Gemütlichkeit aus, Hannahs Wohnung wirkt in ihrer Aufgeräumtheit kühl und fast unbehaglich. Es ist spannend zu beobachten, wie Hannah sich immer mehr öffnet und dann doch neugierige Fragen stellt.

Der israelische Filmemacher Arnon Goldfinger wollte immer „jemand mit Vergangenheit sein“, wie er in seinem faszinierenden und verblüffenden Film sagt, an dem er fünf Jahre lang gearbeitet hat. Seine geradezu detektivische Spurensuche über Identität, Zugehörigkeit, Gedenken und vor allem über Verdrängung ist ein Gewinn. „Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass der Film, während er entstand, nicht aufhörte, mich zu überraschen und zu verändern“, sagt der 51-Jährige.

Das könnte auch manchem Zuschauer so gehen. Der Film ist vielleicht ein wenig zu lang geraten, und längere (deutsch untertitelte) Gesprächspassagen auf Hebräisch und Englisch erfordern durchaus Konzentration. Doch nicht zuletzt dank der einfühlsamen Erzählstimme von Axel Milberg wird man sehr schnell und sehr tief in diese faszinierende Familiensaga hineingezogen - und in diese einzigartige Wohnung.

Von Klaus Braeuer

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