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19:56 18.04.2012
Von Imre Grimm
Am 7. Juni ist die letzte Ausgabe der ARD-Vorabendsendung zu sehen. Quelle: dpa
Berlin

Spätestens, als er händeringend auf den Knien lag, war die Sache klar: Das hier wird kein Selbstläufer, das kann böse in die Hose gehen. Da hockte Thomas Gottschalk auf dem Teppich in seinem quietschbunten Berliner Studioloft im Humboldt Carrée und flehte in die Kameras: „Ich brauche jeden Zuschauer!“

Es sollte spielerisch wirken, wie immer, aber es sah verzweifelt aus. Und Verzweiflung steht Stars gar nicht gut. Zuschauer können Verzweiflung wittern wie Jagdhunde Angst, und dieser Mann, der 23 Jahre lang keine Furcht vor der großen Bühne hatte, sah plötzlich aus, als habe er große Angst vor der kleinen. Das war am 23. Januar. Seine erste Sendung lag gerade hinter ihm, sie war ein Desaster, auch wenn damals 4,3 Millionen Neugierige zusahen. Die meisten von ihnen kamen nie wieder. Am Mittwoch nun haben die ARD-Intendanten den Stecker gezogen: Am 7. Juni, nach dann 73 Sendungen, ist Schluss mit nicht lustig. Aus für „Gottschalk live“. Nicht wenige sagen: endlich.

Es passte einfach nicht. Es kniff hinten und vorne. Fünf Prozent Marktanteil - halb so viel wie erhofft -, zuletzt nur noch eine knappe Million Zuschauer, dazu Spott und Häme für dieses 61-jährige „Zirkuspferd“ (Gottschalk über Gottschalk), das Anke Engelke „Annette“ nannte und matt und alt wirkte zwischen den holprigen Twitter- und Facebookbemühungen seiner jungen Truppe, einfach überfordert vom irritierenden Tempo in der Berliner Republik, deren Merkwürdigkeiten es doch eigentlich kommentieren und sezieren wollte, „mutig und ehrlich“.

„Ich finde es schade, dass ,Gottschalk Live‘ nicht den Zuspruch gefunden hat, den wir diesem Format alle gewünscht haben“, sagte die ARD-Vorsitzende und WDR-Intendantin Monika Piel, Gottschalks letzte Schutzheilige bei der ARD. Er selbst wurde mit den Worten zitiert: „Ich nehme diese Entscheidung der Intendanten mit Bedauern zur Kenntnis, habe aber volles Verständnis dafür.“ Über das Schicksal eines Fernsehmoderators entscheide das Publikum. „Ich war mir des Risikos zu jeder Zeit bewusst.“

Das sind die offiziellen Worte. Sie klingen friedlicher, als die Stimmung war. Früh begannen die Gremien zu ätzen, ARD-Programmdirektor Volker Herres vorneweg, früh begannen die Störfeuer aus dem eigenen Haus. Und dem „Tempo-Mitgründer“ Markus Peichl, der die Sache retten sollte, gab man nicht viel Zeit. Peichl setzte Gottschalk ein Livepublikum vor den Schreibtisch, ließ das Loft zum orangefarbenen Allerweltsstudio umbauen, entschwurbelte das Konzept zum Standard-Talk - doch das Kind lag schon im Brunnen. Nie war klar, was „Gottschalk live“ eigentlich sein wollte: ein kalkulierter Anachronismus? Eine Late-Night-Show um 19.20 Uhr? Ein Monolog? Gedanken zur Zeit?

Gottschalk wirkte in „Gottschalk live“ phasenweise wie Elton John auf einem Abi-Ball: fehl am Platz, irritiert, genervt. Und wohl auch schwer enttäuscht darüber, dass seine pure Anwesenheit, die Gnade seiner reinen Gegenwart, nicht genügte, um das Publikum in Entzücken zu versetzen, so wie früher. Und so zeigte sich, dass die Präsenz von Gottschalk keine Idee ersetzt, wie die ARD gehofft hatte. Dass die Aura eines gestandenen Moderators eben nicht genügt, um ein unausgegorenes, von Werbung zerhacktes, lieb- und ratloses Format über Wasser zu halten. Grundy light Entertainment und der WDR, zwei Größen des deutschen Showbusiness, haben die Nummer grandios vergeigt.

„Alles Bisherige war nur Warm-up - jetzt geht’s erst richtig los!“, versprach Gottschalk vor vier Monaten im Presseheft. „Live und unverwechselbar“ wolle er sein. Zum Schluss war er dann nicht einmal mehr live: Die Sendungen werden inzwischen aufgezeichnet, um dem Mann zwischen den Werbeblöcken kein sekundengenaues Timing zumuten zu müssen.

Die Zahlen tun richtig weh: Nur 1,4 Prozent betrug Gottschalks Quote bei den jüngeren Zuschauern. Das bedeutet: 98,6 Prozent schauten um 19.20 Uhr lieber etwas anderes als „Gottschalk live“. Ein Desaster. Für die ARD bedeutet das Aus der Show auch ein Versagen bei der im Herbst 2011 gestarteten, groß angelegten Renovierung des Vorabendprogramms. Die neuen Regionalkrimis unter der Dachmarke „Heiter bis tödlich“ laufen nur mäßig, ebenso wie Kai Pflaumes Freitagsquizshow „Drei bei Kai“. Während der Fußball-EM wird Kabarettist Dieter Nuhr an sportfreien Abenden den Gottschalk-Sendeplatz füllen. Und wie sieht der ARD-Vorabend danach aus? Fragezeichen.

Es war kein guter Monat für die deutschen TV-Legenden: Harald Schmidt fliegt bei SAT.1, Gottschalk bei der ARD, Dieter Bohlens RTL-Quoten sinken. Eiszeit für die Show-Dinosaurier. Die TV-Götterdämmerung steht symptomatisch für einen medialen Trend: Das Publikum interessiert sich nicht mehr für frühere Verdienste. Es urteilt schnell und streng und hart - eine Folge des YouTube-Zeitalters, in dem die Fieberkurve des Erfolgs schneller hoch, aber eben auch schneller tief ausschlägt als in der Zeit, als Schmidt und Gottschalk noch Messdiener waren. Schmidt Show wäre zu retten gewesen. Gottschalks war es nicht.

Man dürfe in diesem Beruf keinen nervösen Magen haben, hat Gottschalk im Frühjahr gesagt. Rückkehr zu „Wetten, dass...?“? Ausgeschlossen. Markus Lanz läuft sich schon warm. Und Gottschalks alter Arbeitgeber, das ZDF, reagierte mit unfeiner Häme. Der Sender twitterte um 16.35 Uhr: „EIL: Es ist nichts wichtiges passiert.“

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