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Scholl und die Schlappen

Badelatschenjournalismus Scholl und die Schlappen

Für ARD und ZDF war die WM in Brasilien ein 200 Millionen Euro teurer Quotenrausch. Doch sie lieferten zu viel lauschigen Badelatschenjournalismus, findet Medienredakteur Imre Grimm. Zum Glück gab’s Mehmet Scholl.

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„Und hier haben wir noch unsere tollen ZDF-Flip-Flops für Sie“: Die WM-Badelatschen – Symbol für den Katrin-Müller-Hohenstein-Sportjournalismus.

Quelle: Heike Brauer

Rio de Janeiro. Natürlich waren das unfassbare Zahlen. Große Abende. Sensationelle Ergebnisse. 32,57 Millionen Zuschauer. 87,8 Prozent Marktanteil fürs ZDF. Die bis dahin höchste deutsche TV-Quote aller Zeiten beim - noch immer surrealen - 7:1 der Nationalmannschaft im Halbfinale gegen Brasilien. Jeder Programmdirektor würde ein Fläschchen Schampus köpfen angesichts der Tatsache, dass die Restsender am diesem Abend auch ein Testbild hätten zeigen können. (Die ARD kam auf 0,7 Prozent. Mit einer Bauchtanzdoku.) Aber musste das ZDF diesen Erfolg wirklich zur Topmeldung seiner 19-Uhr-Nachrichten machen? Noch vor dem Krieg in Israel? Musste es zwischen Jerusalem und Syrien mit der eigenen Großartigkeit beginnen?

Sie feiern seit Mitte Juni durch bei ARD und ZDF. Sie freuen sich über eine „hohe Akzeptanz“, sie finden sich prima, sie lesen aus den Rekordzahlen eine 87,8-prozentige Zufriedenheit mit der eigenen WM-Berichterstattung heraus. In Wahrheit aber hatte der stabile Quotenrausch, der gestern Abend endete, kaum etwas mit den besonderen Leistungen der Sender selbst zu tun.

Nein, es geht dabei nicht um vergurkte Reportersätze und putzige Pannen. Es ist müßige Erbsenzählerei, jeden halb garen Nebensatz von Béla Réthy zu sezieren. Wark, Simon, Gottlob, Schmidt - Geschmackssache.

Reporterbeschimpfung ist kaum mehr ein lustiges Twitter-Spiel. Gravierender ist ein grundsätzlicher Trend, den diese WM offenbarte wie noch keine zuvor: ARD und ZDF haben sich von der Position des bewertenden Beobachters verabschiedet. Sie sind mit dem Gegenstand ihrer Berichterstattung verschmolzen. Die Folge: eine inhaltsfreie Jubelclip-Ästhetik, dürre Partyschalten, dekoratives Nichts. Sie praktizierten in Brasilien „embedded journalism“. Denn sie hatten ein teures Produkt zu vertreiben. Und auf diesem durfte kein Makel ruhen.

180 Millionen Gebühreneuro haben ARD und ZDF für das Recht bezahlt, von der FIFA produzierte Bilder dieser WM zu zeigen. Dazu kommen die Kosten für die Rahmenproduktionen, die pro Sender um die zehn Millionen Euro betragen. Das Abenteuer Brasilien hat 200 Millionen Euro gekostet. Sky, SAT.1 (2002 noch im Boot) sowie RTL (2006 und 2010 dabei) waren raus. Es war die erste WM seit 1998, die ARD und ZDF exklusiv hatten. Lohnt sich der Aufwand? „Ja, definitiv“, sagt der ARD-Sportkoordinator Axel ­Balkausky. Und ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz glaubt ernsthaft, man könne „mit dem Fußball auch jüngere Zielgruppen für das ZDF-Programm insgesamt interessieren“. Als wäre es Millionen nicht völlig wurscht, auf welchem Kanal Deutschland gewinnt oder verliert und was da sonst noch so läuft.

Natürlich: Bei 30 Millionen Zuschauern sind eine Menge Gelegenheitsgucker ohne Expertise dabei, die zwar halbe Hähnchen, glorreiche Sieben und alle Neune kennen, aber nicht flache Vierer, doppelte Sechser und falsche Neuner. Man muss nicht stundenlang die Feinheiten der mexikanischen Abwehr analysieren. Aber nur noch schwarz-rot-goldene Seligkeit? Nur noch bunte Clips und Konsensgerede? Nur noch Fahnen, lustige Flip-Flops für alle und ein nasser Beachboy namens Jogi? So schmachtete Katrin Müller-Hohenstein wie ein schnappatmiges Jogi-Löw-Groupie „Wie cool ist dieser Mann eigentlich?“ in die Kamera und bewunderte Hansi Flick für seine dolle Sonnenbräune. So krakeelte die ARD-Mietbrasilianerin Fernanda Brandao in anlassunabhängig betrunkenen Partymeuten wild herum. Und so zapfte zum hundertsten Mal ein bedauernswerter Reporter in Fußgängerzonen enthirnten Nulltext aus ahnungsfreien „Schlaaand“-Blondchen ab. Olééééé!

Symptomatisch für den Trend zur zwanghaften Lockerheit stand Alexander Bommes auf seiner Berliner Badeinsel, wo Model Franziska Knuppe im ARD-„WM Club“ halb nackte Kerle ins Wasser schubste und Bommes geklaute Twitter-Gags vortrug. Natürlich sind die Zeiten lange vorbei, in denen Sportredakteure abends an der Hotelbar frustrierten Ersatzspielern Böses über den Trainer entlockten. Geschlossene Gesellschaft. Gerhard Delling oder Müller-Hohenstein standen vor dem DFB-Ferienlager wie CNN-Reporter vor der US-Botschaft in Teheran. Aber es muss doch einen Mittelweg geben zwischen Ernst Huberty und Fernanda Brandao.

Stattdessen inszenierte man Intimität. So ließ Müller-Hohenstein mit Lukas Podolski im Pool die Beine baumeln und staunte mit großen Augen über landende Hubschrauber. So fütterte man eine wachsende Schar von sportaffinen TV-Azubis wie Lutz Pfannenstiel, Giovane Élber und Hasan Salihamidžic durch, die ihren alten Kumpels Schülerzeitungsfragen stellen durften („Wer ist dein Lieblingsspieler?“). So durfte Playboy-Dinosaurier Rolf Eden sensationell unlustige Filmchen beitragen, warum auch immer.

Ausgerechnet ein Ex-Fußballer war es, der all den gelernten Journalisten zeigte, wie das geht: kritisch zu bleiben und trotzdem keine Spaßbremse zu sein. Hart, klug, fair und unterhaltsam sprach Mehmet Scholl Klartext. („Iran gegen Nigeria, Mehmet, möchtest du irgendwas zu diesem Spiel sagen?“ - „Nö“). Überhaupt funktionierte das ARD-Duo Opdenhövel/Scholl besser als die beiden Olivers Welke und Kahn im ZDF. Bei Kahn ist einfach grundsätzlich der Sieger im Recht. Und Welke guckte gelegentlich, als gäbe er gern sein Resthaar her, um mit Opdenhövel den Experten zu tauschen.

Wie sehr sich der DFB-Tross an das zuckrige Entgegenkommen gewöhnt hat, zeigte die dünnhäutige Reaktion von Per Mertesacker („Wat woll’n Sie jetzt von mir?“) auf Boris Büchlers harmlose und absolut zulässige Fragen nach dem Gurkenkick gegen Algerien - ein wohltuender Moment der Ehrlichkeit. Aber wer den Teich trockenlegen will, darf eben nicht die Frösche fragen. „Nun lass uns doch mal lieber wieder über das Spiel sprechen“, brummte Kahn, als Welke vorsichtig anhob, gesellschaftliche Fragen zu artikulieren. Immer dieses Gutmenschengenöle. Welke fügte sich.

„Wir sind hier bei einer Fußball- und nicht bei einer Fernseh-WM“, klagte ARD-Sportkoordinator Balkausky über die Kritik. Aber der Fußball verändert sich, während der WM-Rahmen von ARD und ZDF seit Jahrzehnten im Prinzip gleich blieb: ein Moderator und ein Experte, die sich gegenseitig bestätigen - plus ein Kommentator. Warum nicht mal ein moderiertes Panel wie bei praktisch allen modernen Sendern? Warum nicht mal wieder ein Kommentatorenduo statt Tom Bartels solo? Es muss ja nicht wieder Karl-Heinz Rummenigge sein.

Die hohen WM-Quoten sind nicht das Verdienst von ARD und ZDF. Sie sind Folge dieser großartigen WM, die großartigen Journalismus verdient gehabt hätte. Weniger Badelatschenjournalismus. Mehr Mehmet Scholl.

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