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ARD zeigt das außergewöhnliche Projekt „Dreileben“

Krimi-Triptychon ARD zeigt das außergewöhnliche Projekt „Dreileben“

So etwas hat es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben: Drei renommierte Regisseure – Christian Petzold, Dominik Graf, Christoph Hochhäusler – kreieren gemeinsam eine Art Krimi-Triptychon. Das außergewöhnliche Projekt „Dreileben“ läuft am Montag in der ARD.

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Seine Figur ist das Bindeglied dreier unterschiedlicher Spielfilme: Stefan Kurt als entflohener Sexualstraftäter Molesch.

Quelle: ARD

An diesem langen Fernsehabend in der ARD wird der Zuschauer zum Fahnder. Er sucht aber nicht so sehr nach dem entflohenen Frauenmörder, der unter weit ausladenden Baumkronen durch einen thüringischen Märchenwald streift – das tut ja schon die Polizei, wie Sirenengeheul und Hubschrauberdröhnen im Hintergrund belegen. Der Zuschauer fahndet vielmehr nach Berührungspunkten zwischen drei Filmen, danach, wie Figuren von einem Film in den anderen wandern oder wie die gigantische Autobahnbrücke auf ihren Betonstelzen von jedem Regisseur anders in den Kamerablick genommen wird.

So etwas hat es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben: Drei renommierte Regisseure – Christian Petzold („Yella“), Dominik Graf („Im Angesicht des Verbrechens“), Christoph Hochhäusler („Falscher Bekenner“) – kreieren gemeinsam eine Art Krimi-Triptychon. Es gibt den (fiktiven) Ort „Dreileben“, der diesem Projekt den Titel verlieh, es gibt den entflohenen Frauenmörder Frank Molesch (Stefan Kurt) – vor allem aber gibt es die Idee, dass sich die drei Filme ineinander spiegeln. Aus unterschiedlichen Perspektiven umkreisen die Filmemacher dieselbe Geschichte. Und die sonst oft so risikoscheue ARD hat den Mut, am kommenden Montag ab 20.15 Uhr alle drei Filme am Stück bis 1 Uhr nachts zu zeigen (und zu anderen Terminen noch einmal getrennt voneinander).

Den Ausgangspunkt für das Projekt bildete eine E-Mail-Korrespondenz, in der sich die drei Regisseure über die Einsamkeit des Filmemachens in Deutschland, über Kommerzkino und Festivalzirkus austauschten. „Dreileben“ ist quasi das Gegenmittel dazu: Gemeinsamkeit bei größtmöglicher Individualität lautet das Motto.

Petzold entwirft in „Etwas Besseres als den Tod“ eine poetisch-traurige Liebesgeschichte um den Zivildienstleistenden Johannes (Jacob Matschenz) und die Bosnierin Ana (Luna Mijovic), in der letztlich Karriere und große Gefühle gegeneinander stehen. Vom Mörder erhaschen wir zunächst nur einen Blick im Krankenhaus, in dem der Zivi arbeitet und Molesch versehentlich die Flucht ermöglicht, als dieser sich von seiner gestorbenen Stiefmutter verabschiedet. Ab und zu jedoch knackt im Wald bedrohlich ein Zweig, wenn Ana unterwegs zu Johannes ist. Zu sicher sollte sich in diesem Film niemand fühlen.

Graf konzentriert sich in „Komm mir nicht nach“ auf die ins Thüringische beorderte Polizeipsychologin Jo (Jeanette Hain), die bei einer alten Studienfreundin (Susanne Wolff) und deren Mann (Mišel Maticevic, der Ober-Mafioso aus „Im Angesicht des Verbrechens“) unterkommt. Alsbald sind die drei damit beschäftigt, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu vergewissern, alte Verletzungen und wieder aufgebrochene Eifersucht inklusive. Vom Krimiexperten Graf hätte man eine so beziehungsorientierte Story nicht unbedingt erwartet. Und hier wird auch eine Schwäche des Projekts deutlich: Es hätte noch mehr Absprachen bedurft, um die zentrale Geschichte konzentrierter im Blick zu behalten. So gerät der Zuschauer in Gefahr, das Interesse an der verbindenden Story zu verlieren.

Erst Hochhäusler treibt abschließend den Frauenmörder-Krimi zum Finale voran. „Eine Minute Dunkel“ wird zu einer Psychostudie zweier Männer: hier der gesuchte Molesch, unterwegs wie ein scheues Tier im Wald, dort der gesundheitlich angeschlagene Kommissar Marcus Kreil (Eberhard Kirchberg) auf dessen Spur. Erst jetzt steigt die Spannung, wird das lange zurückliegende Verbrechen Moleschs wie ein archäologischer Fund neu aufgerollt.
War Molesch bei dem Mord, für den er einst verurteilt worden war, womöglich gar nicht der Mörder? Und kann es sein, dass jemand zum Täter wird, weil die anderen in ihm einen solchen sehen?

In der Gesamtschau ist „Dreileben“ eine Sensation – so ähnlich wie im vorigen Jahr schon Dominik Grafs ARD-Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ und so ähnlich auch wie die ersten beiden Folgen des „Polizeiruf 110“ mit Matthias Brandt als Münchener Kommissar (inszeniert von Graf und Hans Steinbichler). Endlich mal kein formatiertes Fernsehen nach der „Tagesschau“, endlich wieder ganz persönliche Handschriften, die den Zuschauer überraschen und ihm auch einige Konzentration abverlangen.

Petzold, Graf und Hochhäusler können sich jederzeit wieder eine – auch engere – Zusammenarbeit vorstellen. Nur zu. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen kann davon nur profitieren.

„Dreileben“ am Montag, 29. August, in einem Stück in der ARD: um 20.15 Uhr „Etwas Besseres als den Tod“ (noch einmal am 31. August um 20.15 Uhr), um 21.45 Uhr „Komm mir nicht nach“ (noch einmal am 1. September um 20.15 Uhr), um 23.30 Uhr „Eine Minute Dunkel“ (noch einmal am 2. September um 20.15 Uhr).

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