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Als Helden noch Manieren hatten

Der Bayerische Rundfunk bringt „Graf Yoster“ zurück auf den Bildschirm Als Helden noch Manieren hatten

Das Fernsehen gräbt TV-Klassiker aus der Dreisender-Ära aus. Neuestes Beispiel: die 50 Jahre alte Krimiserie „Graf Yoster gibt sich die Ehre“ mit Lukas Ammann und Wolfgang Völz wird im Bayerischen Rundfunk ab 22. April um 23.30 Uhr gezeigt. Was bieten so gediegene Bildschirmhelden wie Graf Yoster dem Zuschauer heute an Unterhaltungswert?

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Mit Schloss, Charme und Chauffeur: Graf Yoster (Lukas Ammann, 2. v. r.) und sein Fahrer Johann (Wolfgang Völz) werden mit der Waffe bedroht und bleiben dennoch Gentlemen.

Quelle: Foto: BR

München. Früher, das hört man gerade in einer bewegten Zeit wie unserer oft, war vieles, ach: eigentlich alles besser. Die Kindheit, das Autofahren, der Zusammenhalt, dazu Sitten, Tonfall, Gebräuche, Feld, Wald und Wiesen. Im Sommer gab’s Sonne, im Winter Schnee und wenn das Wetter zu schlecht war zum Rausgehen, liefen am Bildschirm ständig diese tollen Filme mit tollen Figuren in tollen Geschichten. Ach, war das schön, damals! So denkt fast jeder bei der Erinnerung an das, was ganze drei Sender einst vorm Sendeschluss zeigten, bevor die Nationalhymne verklungen war und der Röhrenbildschirm rauschte.

Gassenhauer in Doppelfolgen

Um zu sehen, wie viel davon nostalgische Verklärung ist und wie viel realistische Rückschau, lohnt sich ein Blick in den Bayerischen Rundfunk. Von Sonnabend an wird dort kurz vor Mitternacht ein Gassenhauer in Doppelfolgen wiederholt, den nicht nur Zeitgenossen legendär nennen: „Graf Yoster gibt sich die Ehre“. Vor 50 Jahren ging die Serie um einen adeligen Hobbydetektiv mit Manieren, Schloss und Chauffeur im Vorabendprogramm auf Sendung und lief dort mehr oder weniger erfolgreich bis 1976. Da fragt sich also: hält sich die schwarzweiße Patina des heiteren Krimiformats bis heute? Ist Wolfgang Völz als hemdsärmeliger Fahrer Johann in Diensten von Lukas Ammann als distinguierter Millionär so witzig wie 1967? Hat sich der knisternde Charme längst vergangener Jahrzehnte also hinübergerettet in die digitale Gegenwart?

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Die Fernsehwelt war vor 50 Jahren noch heil. Für Lassie, die Cartwrights von „Bonanza“ und für Emma Peel und John Steed in „Mit Schirm, Charme und Melone“ endete jedes Abenteuer glimpflich. Nur in Rod Serlings „Twilight Zone“ gab es manchmal unliebsame Überraschungen.

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Eine Antwort gibt Folge eins „Die Kunst und wie man sie macht“. Zu Beginn geschieht darin nämlich das, was auch in den 61 Episoden danach stets passiert: Aus einem Türmchen seines neobarocken Herrensitzes ruft Graf Yoster in den Hof, wo der Chauffeur mit Ganovenvergangenheit wie immer eifrig am Rolls-Royce herumschraubt, nach Johann und lässt den Namen einer Stadt folgen, in die es zur Lösung des nächsten Falles geht. Zum Auftakt: Wien. Dort kriegt es das ungleiche Gespann mit Kunstfälschern zu tun, die van Goghs mit erstaunlicher Authentizität kopieren, was Graf Yoster – so viel Spoilern muss bei derartiger Altware erlaubt sein – nach 25 Minuten zur Aufklärung bringt.

Unfassbar biedere Kriminalkomödie

Klingt ein wenig nach jener Art „Schmunzelkrimis“, die ein halbes Jahrhundert später mit mehr Grimassieren, aber weniger Anmut denselben Sendeplatz füllen. Und in der Tat: Graf Yoster ist – Nostalgie hin, Realismus her – selbst nach damaligen Maßstäben unfassbar biedere Kriminalkomödienkost. Schlimmer noch: An Handlungslogik oder Figurenentwicklung war dem späteren Serienprofi Michael Braun seinerzeit so wenig gelegen wie an Timing, Schnitt oder Dialogregie. Und genau das teilt die ARD-Serie mit anderen Evergreens jener Zeit. Wer jetzt zum Beispiel Francis Durbridges Straßenfeger „Das Halstuch“ sieht, der die junge Republik fünf Jahre vor Graf Yoster förmlich in den Ausnahmezustand versetzt hat, nickt in der langatmigen Kammerspielsituation regelmäßig ein.

Auch Actionformate wie Jürgen Rolands „Stahlnetz“ und nahezu jeder „Tatort“ älteren Datums, von „Derrick“ oder „Der Alte“ ganz zu schweigen, sind oftmals von einer Ereignislosigkeit, dass man sich kurz ins Reizgewitter einer RTL-Show am Abend wünscht. Und da ist noch nicht mal vom vermeintlich grandiosen Vorbildfernsehen am Übergang ins duale System die Rede. Selbst modernes Schauspiel wie die grandiose „Piefke-Saga“ oder das frühzeitig linear erzählte Sittengemälde „Diese Drombuschs“ wirken zuweilen einschläfernd wie das Testbild. Und doch ist bei alledem etwas, das Serien, Filme, Fiktion von damals nicht unbedingt zeitlos macht, aber seltsam haltbar.

Das Gefühl nämlich, eine Reise an Orte der eigenen Erinnerung zu unternehmen, die der akustisch-visuelle Overkill unserer Tage mehr und mehr verschüttet. „Graf Yoster“ zum Beispiel, eine Art deutsche Antwort auf den – tatsächlich zeitlosen – Agentenklassiker „Mit Schirm, Charme und Melone“, macht selbst Spätgeborene wärmstens mit einer Epoche vertraut, in der Konventionen noch nicht hinterfragt wurden und die Autos einfach schicker waren. Eine Doppelfolge schwarz-weißer Sehnsucht vor Mitternacht führt das Publikum in die antiquierte Ära der späten Sechzigerjahre zurück, als spätere Stars von Klausjürgen Wussow bis Helmut Fischer noch frisch waren.

Gegen die Effekthascherei

Verglichen mit der pausenlosen Effekthascherei des neuen Jahrtausends macht die natürlich ausgeleuchtete Dramaturgie ausgebildeter Theatermimen bis in die Siebziger hinein deutlich, dass es zwischen zu viel und zu wenig Eindrücken pro Sekunde eines Mittelwegs bedarf. Aus deutscher Produktion hat ihn zuletzt vermutlich „Kir Royal“ beschritten. Helmut Dietls Fernsehmeisterwerk ist allerdings auch schon 30 Jahre alt. Höchste Zeit für eine Wiederholung.

Von Jan Freitag

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