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Anja Reschke: „Das ist blanker Rassismus!“

Hass gegen Flüchtlinge Anja Reschke: „Das ist blanker Rassismus!“

Ihr Tagesthemen-Kommentar zur wachsenden Fremdenhetze im Internet polarisiert. Bis Freitagmorgen wurde er über sechs Millionen Mal angeklickt. Im Interview verrät Anja Reschke, warum ihr der Kragen geplatzt ist und warum das Timing für ihren Aufruf kaum hätte besser sein können.

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Anja Reschke hatte in den Tagesthemen am Mittwoch die Internet-Hetze gegen Flüchtlinge kommentiert und verurteilt. Ihre deutlichen Worte lösten eine bundesweite Diskussion aus.

Quelle: Dirk Uhlenbrock/NDR/dpa

Glückwunsch, Frau Reschke. Ihr Tagesthemen-Kommentar zur Fremdenhetze im Internet wurde bisher sechs Millionen Mal abgerufen. Wurden Sie deswegen schon angefeindet?
Ja, aber im Großen und Ganzen bin ich ganz berührt von den vielen positiven Zuschriften. Wir bei Panorama kriegen ja oft eine Flut von üblen Mails, wenn wir uns mit dem Thema befassen. Diesmal gab es aber auch viele Mails von Leuten, die sich bedankt und uns gratuliert haben. „Super!“. „Danke!“ „Endlich!“  Damit habe ich erreicht, was ich wollte, nämlich der Hetze im Netz etwas entgegenzusetzen und die Frage aufzuwerfen: Hey, Leute. Wer ist denn hier eigentlich in der Mehrheit - und wer in der Minderheit?

Sie sprechen von Hasskommentaren, die die Redaktionen von Tagesschau oder Panorama bekommen. Was schreiben Ihnen die Leute denn so?
Wenn die Tagesschau was über einen Flüchtling macht, dann hast Du am nächsten Tag hunderte Kommentare von Leuten, die über "Sozialschmarotzer" und ich weiß nicht wen alles schimpfen. Ich habe eben wieder so eine E-Mail bekommen, die sehr typisch ist für das, was ich meine. Da schreibt jemand: "Nennen Sie mich von mir aus einen Rechten, der ich vom eigenen Gefühl aber nicht bin. Ich wehre mich gegen eine Überfremdung unseres Volkes. Es gibt Pocken und andere ansteckenden Krankheiten. All das schleppen die in unser Land. Die vielen auf Vermehrung ausgerichteten Schwarzen vermischen sich mit unserem weißen Volksstamm, und demnächst laufen nur noch schokoladige Kinder herum. Nein, danke!" Das ist der Punkt, wo ich sage, Leute, das ist blanker Rassismus.

Ihr Kommentar gipfelt in der Forderung nach einem "Aufstand der Anständigen", wie es ihn vor fünfzehn Jahren schon einmal gegeben hat. Gibt es jetzt einen aktuellen Aufhänger für Ihre Forderung?
Bei mir hat sich das schon länger angestaut. Wir Journalisten kriegen irre viele Zuschriften, und ich finde, dass sich der Ton im letzten Jahr massiv verschärft hat. Das ging mit der Ukraine und Griechenland los und weiter mit Pegida und den Flüchtlingen. Man wird regelrecht überschwemmt mit üblen Kommentaren. Dann gab es auch noch Berichte über Demonstranten in Freital, die vor einem Flüchtlingsheim auf- und abrennen und schreien "Der Dreck muss weg!". Das hat nichts mehr der Angst zu tun, dass einem Fremde etwas wegnehmen könnten. Wenn man Menschen als "Dreck" bezeichnet, dann ist das Nazijargon. Ich finde, an diesem Punkt muss die Zivilgesellschaft sagen: "Nein zu purer Fremdenfeindlichkeit!".

Die Politik muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sie fördere diesen Trend noch dadurch, dass sie das Problem einfach aussitze. Haben sich schon Politiker zu Ihrem Kommentar geäußert?
Nein.

Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, Sie hätten mit Ihrem Kommentar das Ziel einer sachlichen Diskussion verfehlt, weil sie Rassisten in einen Topf werfen mit Menschen, die Angst vor Flüchtlingen haben oder sich besorgt dazu geäußert haben, dass die Kommunen unter der Last ihrer Unterbringung ächzen.
Das habe ich gar nicht getan. Ich rede nur von Rassisten. Wenn mir Menschen schreiben, "ich habe Angst", "die nehmen mir alles weg" oder "wir haben keinen Platz mehr in unserem Land", kann ich das persönlich zwar nicht nachvollziehen, es  fällt aber unter das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich wehre mich nur gegen Kommentare wie "Flüchtlinge soll man durch den Eurotunnel jagen" oder "schick die doch ins Mittelmeer." So  etwas ist Volksverhetzung.

Können Sie die Ängste der Asylgegner denn nachvollziehen?
Nein. Was können denn die Flüchtlinge dafür, dass die Kommunen überfordert sind? Schuld daran ist doch die Politik, die ja bis heute keinen Plan hat. Am Ende wird die Betreuung  auf dem Rücken von ehrenamtlichen Helfern ausgetragen.

Den Like-Button bei Facebook für Ihren Kommentar zu drücken, ist das eine, sich selber zu engagieren das andere. Wie soll es denn jetzt Ihrer Meinung nach weitergehen?
Man sollte das nicht überfrachten. Es ist ein Kommentar, der den Leuten einen Denkanstoß geben soll. Wenn diese Stimmung ein bisschen anhält, ist schon viel gewonnen.

Einen Tag nach der Ausstrahlung des Kommentars haben Sie der Flucht eines syrischen Flüchtlings nach Deutschland eine komplette Panorama-Sendung gewidmet. War der Kommentar ein PR-Gag für die Sendung?
Der Kommentar war kein PR-Gag! Es ist reiner Zufall, dass ich am Mittwoch den Tagesthemen-Kommentar gesprochen habe und wir am Donnerstag in Panorama über die Flucht eines Anwalts aus Syrien berichten. Die Tagesthemen-Kommentare werden ja erst am Mittag desselben Tages verteilt. Am Mittwoch das Thema zufälligerweise "Hetze im Netz". Und da habe ich gesagt: Na gut, dann sage ich was dazu.

Interview: Antje Hildebrandt

Zur Person

Anja Reschke kam 1998 als Volontärin zum NDR. Seit Juli 2001 ist sie die Moderatorin der Sendung Panorama. Seit 2015 leitet Anja Reschke die Abteilung Innenpolitik.

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