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Der Krampf um „Mein Kampf“

Arte-Dokumentation Der Krampf um „Mein Kampf“

Ende des Jahres erlischen die Urheberrechte an Hitlers Hasspamphlet "Mein Kampf". Dann darf es im Grunde jeder neu verlegen. Oder doch nicht? Und sollte man es überhaupt? Eine Arte-Dokumentation zeigt die Diskussion um die Neuauflage.

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Das Urheberrecht erlischt zum 1. Januar: Hitlers "Mein Kampf".

Quelle: Matthias Balk/dp

Straßburg. Kann ein Buch böse sein? Kann es gar Krieg führen gegen Feinde und Völker? Kann es demnach töten, systematisch und gezielt? Bei dem Gedanken läuft es Christian Hartmann noch immer "eiskalt den Rücken runter", aber der Historiker kommt einfach nicht umhin, die Frage mit "Ja" zu beantworten. Denn man müsse sich das mal vorstellen, erzählt er in einer Arte-Dokumentation zur umstrittenen Neuauflage von Hitlers Hassschrift "Mein Kampf", um 1924 herum bringe ein paranoider Häftling seine kruden Weltmachtfantasien zu Papier, und gut zehn Jahre später "werden sie Stück für Stück" exakt so abgearbeitet, wie es Adolf Hitler aufgeschrieben hat. In "Mein Kampf".

Buch mit Verführungspotenzial

Das 700-Seiten-Pamphlet, das Hitler hinter den Gittern der Festung Landsberg verfasste, nachdem sein Marsch auf Münchens Feldherrnhalle gescheitert war, strotzt nur so vor Pathos und Fehlern. Ein furchtbares Machwerk, aber eins mit Verführungspotenzial – darüber sind sich alle Protagonisten der sehenswerten Arte-Dokumentation mit dem Untertitel "Das gefährliche Buch" einig. Auch deshalb beharrte der Freistaat Bayern, dem Hitlers Nachlass im Zuge der Entnazifizierung 1946 zugesprochen wurde, so verbissen aufs Urheberrecht am nationalsozialistischen Megaseller.

Das jedoch erlischt nun – wie allgemein üblich im 71. Jahr nach dem Tod des Verfassers einer Publikation. Am 1. Januar wird "Mein Kampf" demnach gemeinfrei. War der antiquarische Handel mit den verbliebenen jener elf Millionen Exemplare, die bis 1945 verkauft wurden, ohnehin nie verboten, dürfte es nun im Grunde jeder frisch verlegen. Wie das Münchner Institut für Zeitgeschichte, das unter Hartmanns Leitung an einer kritisch kommentierten Neuauflage arbeitet.

Mit Logik gegen Propaganda

Die Bayrische Staatskanzlei gehört jedoch zu denjenigen, die befürchten, das wohl selbst unter Neonazis allenfalls im Original mit Hakenkreuz als (ungelesener) Fetisch verehrte Pamphlet, das überdies im Gebrauchtwarenhandel oder Internet jederzeit frei erhältlich ist, tauge abermals zum Produkt mit Verkaufs- und Verblendungspotenzial. Als Sekundantin des erlöschenden Urheberrechts hat die oberste Landesbehörde nach einem Besuch Horst Seehofers in Israel verkündet, jeden wegen Volksverhetzung zu belangen, der "Mein Kampf" erneuert, also auch Hartmanns honoriges Institut.

Dabei war es kaum zwei Jahre vorm Münchner Bannstrahl von derselben CSU-Regierung mit unterstützt worden, eine wissenschaftliche Neuauflage herzustellen. Ironie oder Ignoranz? In diesem Spannungsfeld dokumentiert Manfred Oldenburgs Arte-Film die Langzeitwirkung eines fatalen Buches. Die Dokumentation verdeutlicht, wie nachhaltig Propaganda auch humane Gesellschaften infiltrieren kann. Aus Sicht der Totalitarismus-Forscherin Barbara Zehnpfennig machen wir Hitler aus der Befürchtung heraus lächerlich, "etwas von ihm zu entdecken, das in uns schlummert". Eine kritische Ausgabe von "Mein Kampf", da sind sich alle Arte-Experten einig, könne dieser Sorge mit Scharfsinn, Logik, Urteilskraft begegnen.

Von Jan Freitag

"Mein Kampf – Das gefährliche Buch" | Arte
Dokumentation über die Neuauflage von Hitlers Hassschrift
Dienstag, 20.15 Uhr
Bewertung: 4 von 5 Sterne

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Rafael Seligmann über die Neuauflage von "Mein Kampf"
ARCHIV - Eine historische Ausgabe von Hitlers «Mein Kampf», aufgenommen am 18.06.2012 im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg (Mittelfranken). Foto: Daniel Karmann/dpa (zu dpa "Das Versprechen von Nürnberg - Vor 70 Jahren begannen die NS-Prozesse" vom 19.11.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Bislang war der Neudruck von "Mein Kampf" in Deutschland blockiert, doch ab 1. Januar wird die Publikation möglich. Die Neuauflage findet nun Unterstützung von ungewöhnlicher Stelle: Rafael Seligmann, dessen Eltern einst vor den Nazis geflohen sind, wünscht der Neuauflage große Verbreitung. Ein Interview mit HAZ-Redakteur Daniel Alexander Schacht. 

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