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Fernsehen Aus für die „Lindenstraße“: Ein Nachruf
Nachrichten Medien Fernsehen Aus für die „Lindenstraße“: Ein Nachruf
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14:29 16.11.2018
Ein Bild aus frühen „Lindenstraßen“-Tagen Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) mit ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger, l) und ihren Kindern (l-r) Marion (Ina Bleiweiß), Benny (Christian Kahrmann) und Klausi (Moritz A. Sachs). Quelle: WDR/dpa
Köln

Im Winter 1992, an einem lausig kalten Sonntagabend, erfror Herr Schildknecht im Hinterhof eines gelben Mietshauses am Stadtrand von München zwischen Mülltonnen und Garagentoren in der „Lindenstraße“. Kurz darauf bekam der Westdeutsche Rundfunk Post. Zuschauer bewarben sich um die freigewordene Wohnung in Hausnummer 3. „Ist das Arbeitszimmer steuerlich absetzbar?“, wollte einer wissen. Der nächste hatte „nichts dagegen, wenn dann am Sonntagnachmittag auch bei mir gedreht wird“. Das passiert schon mal, dass Schein und Sein verschwimmen. Erst recht, wenn es um die traditionsreichste und langlebigste Fernsehsendung der hiesigen TV-Geschichte geht, die den Deutschen über Jahrzehnte genau das zeigte, was sie am meisten interessiert: sich selbst.

Nun also: das Aus. Nach 34 Jahren. Die ARD hat beschlossen, die „Lindenstraße“ im März 2020 einzustellen. „Das Zuschauerinteresse und unsere unvermeidbaren Sparzwänge“ seien „nicht vereinbar mit den Produktionskosten für eine solch hochwertige Serie“, heißt es im Bürokratendeutsch der Anstalt. Es ist nicht bloß das Ende einer Fernsehsendung, die seit dem Start am 8. Dezember 1985 um 18.40 Uhr – als sich Familie Beimer mit Hans, Helga und den Kindern Marion, Benny und Klausi zur Hausmusik traf – jede Lust und jedes Leid des Landes gespiegelt hat. Es ist das Ende einer Institution.

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Die „Lindenstraße“: Soziales Elend mit Glücksmomenten

Von einer sanft erzieherischen, sozialkritischen Unterhaltungsreihe träumte Produzent Hans W. Geißendörfer Ende der Siebzigerjahre. Er gehörte der linken Intelligenzia an, er hatte als Regisseur Ibsens „Wildente“ und Thomas Manns „Zauberberg“ verfilmt. Und er verfolgte eine alte linke Idee: die Versöhnung von Unterhaltung und Aufklärung im Erziehungsfernsehen. Als Inspiration diente ihm neben der britischen Serie „Coronation Street“ seine eigene Kindheit in einem Mehrfamilienhaus in Neustadt an der Aisch. Der WDR griff zu.

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Was folgte, waren knapp dreieinhalb Jahrzehnte Aufregung. Und was waren das für Dramen! Ein fasziniertes Publikum sah Gabi Zenker im Weltschmerz versacken und Mutter Beimer heulend beim Spiegeleierbraten. Es sah Mary Kling ihren ungeliebten Mann Olaf mit der Geflügelschere entmannen. Es sah Ehen zerbröseln, Lebenspläne dahinsiechen, es sah Suizide, Glück und Unglück, es war zu Gast im „Akropolis“, im „Cafe Bayer“ in der Kastanienstraße, bei der Startup-Kochschule „Tischlein-klick-dich“ und im Reisebüro mit dem wahrscheinlich dämlichsten Namen aller Zeiten: „Träwel & Iwends“. Es wurde bitter gelitten. Gäbe es derart viele Schicksalsschläge und Sozialgebrechen in irgendeiner Lindenstraße tatsächlich – man würde dort nicht wohnen wollen: Mobbing, Doping, Arbeitslosigkeit, Pleiten, Alzheimer, Scientology, Sterbehilfe, Leihmutterschaft, Neonazis (Klaus Beimer!), Scheidung, Unterhaltsstreit, Teenagerschwangerschaft, Drogensucht, Liebeskummer, Unfruchtbarkeit, Prostitution, Wechseljahre, Altersdepression, Umweltgifte, Kriegstraumata, militanter Islamismus und sämtliche Krankheiten von AIDS bis Zöliakie. Die „Lindenstraße“ – das war im Kern soziales Elend, nur mühsam mit ein paar Glücksmomenten verschleiert.

Die Kulisse des Supermarkts in der Lindenstraße. Quelle: imago/Revierfoto

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Weltrettung wird verkrampft

Es ist aller Ehren wert, das Publikum nicht durch Verklärung der Wirklichkeit zu unterfordern. Aber Herrgott – musste dann auch noch die Schwulenehe in schwere Krisen geraten? Musste der kleine Felix, den Carsten Flöter und sein Freund „Käthe“ Eschweiler nach langem Hickhack adoptieren durften, dann auch noch HIV-positiv sein? Musste Benny Beimer wegen seines Engagements für die Umweltbewegung dann auch noch von der Schule fliegen? Und musste Mutter Beimer beim Festessen zu Weihnachten 1994 wirklich diese lebende Gans präsentieren, die zu töten – der Trend zum Veganismus schlich sich bereits heran – sie nicht übers Herz brachte? Und musste auch noch Geißendörfer selbst in Folge 1069 im Jahr 2006 die eigentlich unzerstörbare Nörgelkönigin Else Kling mit seiner Stimme („Else, Else“) quasi als Schöpfer ins Jenseits rufen? Es war oft ein bisschen viel.

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So ist das halt, wenn man um der Weltrettung Willen Fernsehen macht: Irgendwann wird es verkrampft. Zuletzt wollte Geißendörfer eine Moschee in der „Lindenstraße“ bauen lassen. In Drohmails beschimpften ihn Zuschauer als „Salafisten“. Die kritische Debatte finde er gut, sagte er damals. Man könnte auch sagen: Endlich mal wieder Feuer unterm Dach. Es war ja schon lange her, dass der Bayerische Rundfunk die Wiederholung von Folge 225 verweigerte, in der sich erstmals in einer populären deutschen TV-Serie zwei Männer küssten. Männer! Küssten! Unerhört! Tabubruch!

Das Missionarische hat die „Lindenstraße“ – benannt nach der real existierenden Lindenstraße im oberschwäbischen Ummendorf (bei Biberach) – nie ganz abstreifen können. Am Ende aber ging es gar nicht um Politik oder Parteinahme oder Volkserziehung, sondern um Nähe. Um das Gefühl eines virtuellen Freundeskreises. Um die Möglichkeit, als Mensch im Leben Menschen beim Leben zuzuschauen. Denn das rührt, wenn es einen Nerv trifft, die tiefe Sehnsucht nach Teilhabe an, nach Zugehörigkeit. Dass in der „Lindenstraße“ – erstmals im deutschen Fernsehen – bekannte Markenprodukte wie Kaba und Nutella auf dem Tisch standen, erhöhte nur die Authentizität. Ebenso das Spiel mit der Aktualität zu Wahlen, zu denen das Team variable Episoden vorhielt, je nach Wahlausgang. Als zur Bundestagswahl 1990 die Figur Gung auf Wahlplakaten als Kanzlerkandidat angepriesen wurde („Wählt Gung!“) mussten diverse Stimmzettel aussortiert werden. Wähler hatten handschriftlich „Gung“ hinzugefügt und angekreuzt.

Die „Lindenstraße“ war der VW Käfer der Seifenopern

Geißendörfer erkannte als einer der ersten den Reiz des Trivialen. Bis zu zwölf Millionen Zuschauer erreichte er damit in den achtziger Jahren. Seit Jahren aber sank das Interesse. Am letzten Sonntag schalteten gerade noch 2,09 Millionen Menschen ein. Immer seltener wurden die zauberhaften Momente – etwa, als Larry Hagman alias „J.R. Ewing“ 2006 in einer Gastrolle im Reisebüro einen Flug nach Dallas buchte. Mit Ostdeutschland fremdelte er nach der Wende. Als 1992 Benny Beimer in Folge 334 auf den Spuren der DDR-Vergangenheit seiner Freundin Claudia Rantzow nach Borna bei Leipzig reiste, hagelte es Proteste aus den neuen Bundesländern. Man fühlte sich diskriminiert, die Heimat einseitig dargestellt. Doch auch im Osten fand die „Lindenstraße“ ihre Fans.

Natürlich ist es das Ende einer Ära. Die „Lindenstraße“ war der VW Käfer unter den TV-Sendungen. Und mit ihr stirbt nicht nur die deutscheste aller Seifenopern, sondern am Ende die alte Bundesrepublik selbst. Es ist der endgültige Abschied von jenem Land mit Telefonzellen, Kaugummiautomaten, Wählscheibentelefonen und Gummitwist im Hinterhof, das so herrlich mit sich selbst hadern konnte.

Von Imre Grimm / RND

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