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Beckmann nervt mit EM-Talkshow

"Beckmanns Sportschule" Beckmann nervt mit EM-Talkshow

Talkshows zu Fußball-Europameisterschften gibt es im öffentlich-rechtlichen Fernsehen viele – aber selten waren sie so schlecht wie diese. "Ein faszinierendes Desaster" ist auch "Beckmanns Sportschule", findet unser Medienexperte Imre Grimm.

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Heringsfilet im Wald von Malente: „Beckmanns Sportschule“ mit (v. l.) dem „Bestatter“ Nico Patschinski, Moderator Reinhold Beckmann und Lamborghini-Fahrer Tim Wiese.

Quelle: ARD

Hannover. Im goldenen Herbst ihrer Karriere, wenn alles gesagt und getan ist, erhalten verdiente Mitarbeiter der ARD gern noch mal ein Freilos. Sie besuchen entfernte Turkvölker. Sie durchqueren Sibirien mit dem Jeep. Sie filmen die Schönheiten der Tundra fürs Eierlikör-Rahmenprogramm zur Weihnachtszeit.

Service

"Beckmanns Sportschule",

Montag um 23.30 Uhr im Ersten

Reinhold Beckmanns Freilos heißt "Beckmanns Sportschule". Und seine Tundra heißt Malente. Ein faszinierendes Desaster. Ein Meniskusriss von einer Show.

Das Verrückte ist ja, dass Sendungen nicht aus Versehen ins Fernsehen geraten, schon gar nicht öffentlich-rechtliche. Jemand muss gesagt haben: "Gute Idee, das machen wir!" Gute Idee, während der EM statt eines leidlich frischen Late-Night-Talks eine Art Feuerwehrfest voller ostholsteinischer Kleinfußball-Funktionäre mit roten Bäckchen zu senden. Gute Idee, einen Bestatter ins Boot zu holen, der immer mal irgendwas bestattet, warum auch immer. Gute Idee, den erbarmungswürdigen Protein-Bomber Tim Wiese als prollige Möchtegern-Kultfigur vorzuführen, dessen Niedergang vom Nationaltorhüter zur brathähnchenfarbenen Wrestler-Lachnummer eher tragisch ist als komisch. Und dessen Beitrag im Wesentlichen darin besteht, Unterkomplexes vor sich hin zu brabbeln und nicht vornüberzufallen.

Der Quälgeist von Malente

Und so darf sich Reinhold Beckmann an den EM-Sendetagen der ARD tatsächlich durch diesen pseudoflotten Versuch eines Trash-Feuilletons kämpfen. Vier Wochen lang. Live. Schon die Grundidee des Formats ist schmerzhaft schrecklich: Da soll eine Altbuben-WG vor Ort dem "Geist von Malente" nachjagen. Jenem überstrapazierten Mythos also, der spätestens 1975 zu nerven begann. Der Geist von Malente – das ist im Jahr 2016 nur noch ein Leberwurstbrot mit Gurke mampfendes, Doppelkorn trinkendes, Skat kloppendes, Nachwuchsspieler zusammenscheißendes, müdes altes Nachtgespenst aus einer Zeit, als Zigarre paffende Vereinsbosse ihre Sekretärinnen in den Hintern kniffen. Von zeitgemäßem Fußball-Entertainment ist diese öde Resterampe so weit entfernt wie Cristiano ­Ronaldo vom EM-Titel.

Wenn es das Ziel des verantwortlichen WDR war, eine sackdumme, erkenntnisfreie Selbstberauschung älterer Herrschaften in einer nach Schweiß, Bohnerwachs und Schnaps riechenden Backsteinkaserne mit dem Charme einer unterfinanzierten Seniorenresidenz zu inszenieren, dann ist "Beckmanns Sportschule" ein Erfolg. Wenn das Ziel allerdings ein ironisch-spielerischer Entkrampfungsversuch im Vintage-Look sein sollte, dann eher nicht. Beckmanns permanenter Knickknack-Tonfall nimmt dem Unternehmen jede Leichtigkeit, die Selbstironie nun mal braucht. Das ganze Format schreit: "Seht her, wie wir uns selbst betuppen, ist das nicht irre??" Und selbst Tom Theunissen, der verdiente TV-Kolumnist ("Die den Adler tragen"), hilft dem Murks nicht durchs Mittelfeld.

"Kühe gibt's hier auch"

Da schwadroniert Beckmann mit Horst Hrubesch, Jens Nowotny, Christoph Daum und anderen Sturmhaubitzen der Sportunterhaltung über "Männerduft" in Umkleidekabinen, stapft mit "Herbergsvater" Uwe Seeler durch düstere Treppenhäuser und wirkt dabei so gestrig wie die Orakeltiere privater Radiosender. Seeler ist jetzt auch schon fast 80. Das hat er weder nötig noch verdient. "Kühe gibt‘s hier auch", sagt Thomas Berthold. Ist nicht wahr?! Zwischendurch werden im Wald von Malente ein Heringsfilet und Wieses rosafarbenes Trikot zu Grabe getragen. Tusch!

Am Sonnabend zerdehnte der WDR die Auslosung zum DFB-Pokal auf eine Stunde Sendezeit. Samt Halbzeitshow mit Spielmannszug und Brassband. Dazu referierte DFB-Chef Reinhard Grindel mit dem Charisma einer Eckfahne über die Fußball-Ferienfreizeiten der Egidius-Braun-Stiftung. Oder über die Qualität der Stadionbratwurst in Drochtersen/Assel. Im Hintergrund zupfte ein Jazz- und Fusion-Gitarrist passiv-aggressive Fahrstuhlmusik. Es war kaum auszuhalten.

Eine Geschichte voller Unglücke

Die Geschichte der turnierbegleitenden Sondersendungen in ARD und ZDF ist eine Geschichte voller Unglücke. Unvergessen – allerdings aus negativen Gründen – sind der ZDF-Ostseestrand auf Usedom, "Waldis EM Club", "Waldi & Harry" oder Alexander Bommes "Sportschau Club" mit dem außerhalb seiner eigenen WDR-Show "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" seltsam unglücklich wirkenden Arnd Zeigler sowie Julia Scharf als Ko-Moderatoren.

Da hat‘s das ZDF einfach leichter: Mit Oliver Welke verfügt es über einen Moderator, bei dem die kritisch-komische Bewertung der Absurditäten rund um ein solches Turnier schon eingebaut ist. Was Beckmann in einer Stunde nicht gelingt, erledigt Welke mit dem Zucken einer Augenbraue.

Von Imre Grimm

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