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Beim Schweizer „Tatort“ ist so ziemlich alles schiefgegangen

„Wunschdenken“ Beim Schweizer „Tatort“ ist so ziemlich alles schiefgegangen

Diesen Neustart kann man getrost als Fehlstart bezeichnen. Nach beinahe zehn Jahren hat das Schweizer Fernsehen erstmals wieder einen „Tatort“ produziert – und dabei ging so ziemlich alles schief. Die erste Ausstrahlung im April wurde wieder abgesagt, der Krimi noch einmal überarbeitet.

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Der Kommissar und die Amerikanerin: Reto Flückiger (Stefan Gubser) kommt seiner US-Kollegin Abby Lanning (Sofia Milos aus „CSI“) bei den Ermittlungen in Luzern näher.

Quelle: SWR

Der Film (Regie: Markus Imboden, Drehbuch: Nils-Morten Osburg) genüge nicht den Ansprüchen des Schweizer Fernsehens, sei klischeebeladen, enthalte zu wenig Lokalkolorit und entspreche nicht dem Stil eine „Tatorts“, lautete die Begründung.

Die ARD hatte zudem eine Überarbeitung der Musik und eine Synchronisation vom Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche gefordert. Mittlerweile berichten einige Schweizer Zeitungen, dass es außerdem in einer Szene zu deutliche Anspielungen auf einen Politiker der nationalkonservativen Schweizer Volkspartei gegeben habe. Viel mehr an negativer Vorgeschichte geht nicht.

Aber es kommt noch schlimmer: Die Überarbeitung hat nichts gerettet. Unnötig verkompliziert und phasenweise langatmig wird in „Wunschdenken“ die Geschichte einer missglückten Entführung erzählt. Im Mittelpunkt des Films steht Reto Flückiger, neuer Leiter der Fachgruppe „Leib und Leben“ der Polizei Luzern. Einige Zuschauer dürften ihn bereits aus einem „Bodensee“-„Tatort“ kennen. Der 54-jährige Schweizer Schauspieler Stefan Gubser gibt glaubhaft den Ermittlertyp des introvertierten, einsamen Wolfs – und wirkt dennoch in seinem Spiel seltsam gebremst. Auch das um ihn herum agierende Team könnte durchaus Charme haben: Andrea Zogg ist Ernst Schmidinger, ein vorsichtig-langsamer, angenehm altmodischer Kripochef, Jean-Pierre Cornu spielt den übernervösen Regierungsrat Eugen Mattmann. Doch auch sie und weitere im Laufe der Handlung dazustoßende Nebenfiguren haben keine Chance, einen tiefergehenden Charakter zu entwickeln. Hinzu kommt, dass die Dialoge von allzu lauter und ständig präsenter Hintergrundmusik übermalt werden.

Die größte Seltsamkeit an diesem „Tatort“ aber ist die Rolle der US-Ermittlerin Abby Lanning, verkörpert von der „CSI: Miami“-Darstellerin Sofia Milos. Nicht nur, dass Milos hölzern und lieblos agiert (und mindestens ebenso künstlich von Bettina Zimmermann synchronisiert wurde). Ihre Rolle als US-Austauschpolizistin ist für den Fortgang der Handlung schlicht überflüssig, die Sexaffäre mit Kommissar Flückiger bemüht. Knistern? Erotik? Fehlanzeige. Am Ende, als alle losen Enden der Geschichte um Eifersucht und Karrieresucht zusammengeflickt sind und der Fall aufgeklärt ist, weiß man nicht einmal mehr, warum dieser „Tatort“ den Titel „Wunschdenken“ trägt.

Die ARD will nach der Ausstrahlung entscheiden, ob sie dem „Tatort“ aus Luzern noch eine Chance geben will. Dort ist bereits ein weiterer Flückiger-Krimi mit dem Titel „Skalpell“ abgedreht, ein dritter ist in Vorbereitung. Man wolle die Filme in jedem Fall senden, so heißt es in der Schweiz – auch wenn die ARD sie nicht ins deutsche Programm übernimmt. Schweizer Boulevardjournalisten haben mit Drehbuchautor Osburg schon den Schuldigen am verkorksten „Tatort“ ausgemacht – denn der sei schließlich ein Deutscher. So gesehen kann es mit dem nächsten Flückiger-Fall nur besser werden. Denn den hat der Schweizer Autor Urs Bühler erdacht.

„Wunschdenken“ | ARD
Krimi aus der Reihe „Tatort“
Sonntag, 20.15 Uhr

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