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21:27 17.12.2013
Von Simon Benne
Die Jim-Knopf-Saalwette leiste „rassistischen Vorurteilen Vorschub“ und „reduziere schwarze Menschen auf ihre Hautfarbe“, monieren Kritiker. Quelle: ZDF
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Augsburg

Die Geschichte hat sich wirklich zugetragen: Vor einigen Jahren spielten rund zwei Dutzend amerikanische Jungen in Georgia gegeneinander Baseball. Auf der Tribüne standen ihre Eltern und sahen zu. Sie redeten übers Wetter, den Trainer und ihre Kinder. Nur ein einziges der vielen Kinder auf dem Platz war schwarz. Nur eine einzige der vielen Mütter auf der Tribüne war schwarz. Und just zu dieser Mutter sagte einer der Väter, so locker und ungezwungen wie möglich: „Und? Welches ist Ihr Sohn?“

Die Frage war total gut gemeint. Schließlich wollte der Vater niemanden nur nach Äußerlichkeiten beurteilen. Und doch war dem Mann dasselbe passiert wie jenen, die jetzt dem ZDF Rassismus vorwerfen. Weil Moderator Markus Lanz bei der jüngsten „Wetten, dass ...?“-Saalwette zahlreiche als Jim Knopf kostümierte Augsburger, „natürlich schwarz geschminkt“, auf die Bühne lud, entlädt sich jetzt ein Shitstorm über ihm. „Gebührenfinanzierter Rassismus“ sei das, twittern da Tugendwächter. Hallo? Geht’s nicht eine Nummer kleiner?

Markus Lanz hat die Vorweihnachtsausgabe seiner ZDF-Show "Wetten, dass..?" über die Bühne gebracht. Als Gäste: Michael Bublé, Ina Müller und Boris Becker.

Gelegentlich erliegen Rassisten und ihre wohlmeinenden Gegner (wie der Baseball-Vater) demselben Denkfehler. Beide verwechseln Gleichheit mit Gleichwertigkeit. Die einen glauben, dass äußerliche Unterschiede den Wert bestimmter Menschen mindern würden. Die anderen glauben, dass man Unterschiede nur konsequent genug leugnen muss, um eben dies zu verhindern – am besten darf man Unterschiede gar nicht bemerken oder muss zumindest so tun. Doch das ist schlicht ignorant.

Man muss es einmal mutig aussprechen: Es gibt auf dem weiten Erdenrund blonde Menschen und brünette, Menschen mit großen Ohren und Menschen mit kleinen, Menschen mit heller und Menschen mit dunkler Haut. Das alles sagt nichts über ihren Kern aus. Man könnte natürlich strikt darauf verzichten, Unterschiede überhaupt zu benennen. Dann könnte niemand mehr in die Rolle einer bestimmten Figur schlüpfen, indem er ihr Äußeres imitiert. Dann dürfte aber konsequenterweise auch kein Jugendbuchautor mehr einer literarischen Figur irgendein äußeres Attribut geben. Der große Sünder wäre dann gar nicht Markus Lanz, sondern Jim-Knopf-Erfinder Michael Ende. Und dieser aufrechte Antirassist ist doch über jeden Verdacht erhaben.

Wer denkt nicht sofort an die Minstrel-Shows?

Das „Blackfacing“ bei „Wetten, dass ...“ sei unsäglich, echauffieren sich Kritiker jetzt – man denke dabei doch ganz unweigerlich an die üblen Minstrel-Shows des 19. Jahrhunderts, in denen Weiße sich geschminkt über Farbige lustig machten. Ja, ja. Wer denkt nicht sofort an die Minstrel-Shows? Ganz ehrlich: Offenbar denkt kaum jemand am Minstrel-Shows. Weil Minstrel-Shows genau wie den Begriff „Blackfacing“ hierzulande kaum einer kennt. Deutschland hat eine relativ kurze Kolonialvergangenheit, und nur wenige afrikanische Plantagensklaven wurden hierher verschleppt. Was im kulturellen Kontext der USA oder Frankreichs offenkundig als rassistisch gebrandmarkt werden müsste, ist hier ganz anders oder gar nicht konnotiert. Deshalb gibt es bei uns Faschingsindianer und schwarz geschminkte Sternsingerkinder. Und deshalb findet auch halb Augsburg nichts dabei, ein weißes Gesicht schwarz anzumalen.

Die Jim-Knopf-Saalwette leiste „rassistischen Vorurteilen Vorschub“ und „reduziere schwarze Menschen auf ihre Hautfarbe“, monieren Kritiker. Aber worin besteht denn das rassistische Vorurteil? Darin, dass man einen schwarzen Jungen für einen schwarzen Jungen hält? Und worin liegt denn genau das stereotype Klischee? Anders als Günter Wallraff, der sich für Undercover-Ermittlungen in seinem Film „Schwarz auf Weiß“ das Gesicht dunkel anmalte, verkleideten sich die Augsburger ja nicht, um einen bestimmten Menschentypus abzubilden. Es ging ihnen nicht um „den Schwarzen an sich“, sondern um einen ganz bestimmten Jungen, der nun einmal schwarz ist – übrigens um einen der größten Sympathieträger der deutschen Kinderbuchliteratur. Es geht um den Jungen, der die fiese Frau Mahlzahn besiegt und mit der Wilden 13 fertig wird. Um einen also, der viele Facetten hat. Jenseits von Lummerland wird Jim Knopf eben nicht auf seine Hautfarbe reduziert, sondern durch diese in einem Kostüm nur erkennbar gemacht. Wie Pippi Langstrumpf durch rote Zöpfe.

Es gibt einen moralischen Mechanismus: Wer sich empört, ist eben aufmerksamer als die anderen und hat sicherlich recht. Doch nicht alles, was als rassistischer Angriff empfunden wird, ist deshalb auch tatsächlich ein rassistischer Angriff. Zum Paradebeispiel über alltägliche Fremdenfeindlichkeit jedenfalls taugt der Aufmarsch der Jim-Knopf-Fans von Augsburg nicht.

HAZ-Redakteur Simon Benne. Quelle: Rainer Surrey

Hält die Rassismus-Vorwürfe gegenüber dem ZDF für überzogen: HAZ-Redakteur Simon Benne. Dass nicht alle seiner Meinung sind, zeigt HAZ-Redakteur Imre Grimm.

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