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Borowski-"Tatort": Lohnt sich heute das Einschalten?

Krimi in der ARD Borowski-"Tatort": Lohnt sich heute das Einschalten?

Im neuen Borowski-"Tatort" aus Kiel stirbt ein junges Mädchen. Sie ging zur Schule, hat ein Kind, und um an Geld zu kommen, bot sie Telefonsex an. Manches an dieser "Tatort"-Folge zerfasert im Bemühen, aktuelle Weltpolitik aufzugreifen. Dass die neue "Borowski"-Folge dennoch sehenswert ist, hat vor allem einen Grund.

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Heute in der ARD: „Tatort: Borowski und das verlorene Mädchen“ 

Quelle: ARD

Borowski redet ruhig, als suche er nur nach dem Wort fürs Kreuzworträtsel, nicht nach dem Mörder, der die junge Frau ins Meer geworfen hat. Er brummt, als liege er behaglich unter einer Wärmflasche. Zeugen zu vernehmen ist für ihn Gemütssache, wenn er die Faxen dicke hat, dann bittet er ums Handy des Verdächtigen und wirft es aus dem Auto – er murmelt etwas, das womöglich „schade“ heißt, doch es ist nur die Geste eines Wortes, kein Wort im strengen Sinne. Das Drehbuch nimmt der Kommissar, dargestellt von Axel Milberg, nicht wirklich ernst, er spielt auf eigene Rechnung. Nuscheln gehört zu seinem Handwerk. Das macht er gut.

In „Borowski und das verlorene Mädchen“, dem neuen „Tatort“ aus Kiel, verschwindet Maria. Sie ging zur Schule, hat ein Kind, niemand weiß, von wem, und um an Geld zu kommen, bot sie Telefonsex an. „Weißt du, wo meine Hand gerade ist?“, haucht sie in den Hörer, und rührte im Babybrei. Für diese Sätze ist man dankbar (Buch: Charlotte I. Pehlivani), auch wenn man solche Worte, wenn sie von Borowskis Bass gefärbt sind, mehr vermuten als verstehen kann.

Mitschüler beschuldigen Marias Bruder

Maria wird tot im Wasser gefunden, die Mitschülerin Julia (Mala Emde) beschuldigt ihren Bruder Nils, Maria umgebracht zu haben. Julia und Nils leben allein mit der Mutter, ihr Vater starb bei einem Unfall. Die Tochter ist vergiftet vom Verdacht, die Mutter sei am Tod des Vaters schuld. Solche Besessenheit treibt diesen fein gestrickten Kieler „Tatort“ wie ein Motor an. Immer neue Volten, hinter jeder Ecke steckt ein neues Beben. Es geht im Film vor allem um die Seele, der Körper steckt da eher in Sippenhaft.

Die Temperatur des Films liegt beständig unter Null, das führt zu einer eleganten Kälte, weil die Kamera versteht, den Schmerz nicht in elegische, sondern in tief atmende Bilder zu verpacken.

Die sensibelste der Seelen ist Julia, 17 Jahre, rote Kinderbäckchen, den Furor einer Kriegerin im Blick. Mit dem betäubenden Kommerz des Abendlandes hat sie abgeschlossen, die Schule findet sie verlogen, die Freundinnen empfindet sie als Tussen, für ihre Mutter hat sie nur noch Hass. Julia tritt über zum Islam in seiner strengsten Spielart. Trägt Kopftuch, mitunter blitzen nur die Augen aus dem Stoff. Sie hat sich einem IS-Kämpfer als Frau versprochen. Einem Mann, den sie nur über Skype kennt.

Tatort sucht Tagesaktualität

Der traditionell gute, radikal gespielte und sorgfältig gedrehte „Tatort“ aus Kiel (Regie: Raymond Ley) sucht hier die Tagesaktualität. Nicht immer glücken diese Fußnoten zur Weltpolitik beim Sonntagskrimi – viele Folgen zerfasern zwischen Entertainment und naiv verkürztem Blick auf die realen Schlachtfelder. Dass diese Episode überzeugt, liegt an Mala Emde. Den Schmerz, das Grübeln und ihr Ringen um die Wahrheit sieht man ihr auf eine Weise an, die dem Publikum noch lange vor Augen steht.

Dann wiederum hält sich ein „Tatort“ generell an die sensiblen, wenn auch ungeschriebenen Gesetze. Sozial schwache und bedrohte Minderheiten werden pfleglich behandelt. Für den Film aus Kiel gilt ganz konkret: Kein Christ erschießt in der Moschee einen Muslim, nach so einem Eklat zur besten Sendezeit stünde das Land in Flammen. Diese Verantwortung hat der Film im Blick, selbst wenn sein Blutzoll hoch ist. Er kann sich die politische Korrektheit leisten, denn er bietet einen fabelhaften Blick ins Innere der Menschen, den man nicht durchzubuchstabieren braucht. Manchmal reicht ein Nuscheln.

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