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Christiane Hörbiger wird zur Obdachlosen

Heute Abend in der ARD Christiane Hörbiger wird zur Obdachlosen

50.000 Euro Schulden erbt Hanna Berger von ihrem verstorbenen Mann. Plötzlich steht die Dame in Florian Baxmeyers Drama "Auf der Straße" vor dem Nichts und wird obdachlos. Christiane Hörbiger in einer ihrer berührendsten Rollen – am heutigen Montag um 20.15 Uhr in der ARD.

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Christiane Hörbiger als Hanna Berger in Florian Baxmeyers Sozialdrama "Auf der Straße".

Quelle: Svenja von Schultzendorf/ARD Degeto

Die Stadt kommt zur Ruhe. Gelbe Lichter, anheimelnd. Abends sind alle unter Dach und Fach in Hamburg. Und morgen früh, wenn Gott will, wird man wieder geweckt. Dann schaut die Kamera auf Hände, die um Geld hochgehalten werden, auf Einkaufswagen, die mit den Resten eines besseren Lebens durch die Stadt gezogen werden.

Nicht alle sind geborgen hier, und die Bilder deuten schon an, dass die vornehme Dame Hanna Berger, die Geld gibt, aber auf die Obdachlosenzeitschrift verzichtet („hab ich schon“), bald auf der selben Seite stehen könnte.

Horrorfilm im Ängstekeller

Dann kommt auch schon der „Ich muss mit dir reden“-Satz des Ehemannes. Walter sitzt im Wohnzimmer in der Pestalozzistraße 122 mit einem vollen Glas Wein, dass er auf einmal hinunterstürzt, dann stirbt er zum „Ach, das wird wieder“-Satz der ahnungslosen Ehefrau.

50.000 Euro Schulden, zu schmale Rente, Sorgenfurchen stehen auch auf der Stirn der Frau vom Sozialamt. Eine Zeitung aus dem Abfalleimer holt Hanna Berger sich jetzt, um eine kleinere Bleibe zu finden. Aber die Schufa-Auskünfte sind schlecht. Nichts wird wieder. Ach!

Florian Baxmeyers „Auf der Straße“ zum ARD-Themenabend „Armut und Verschuldung“ ist nichts weniger als ein Horrorfilm, der tief in des Publikums Ängstekeller herumwühlt, den zugemauerten, geheimen Raum ganz hinten findet und aufbricht. Wenn das Rollkommando der Pfänder die Wohnung leert, das Sofa und die Handtasche mitnehmen und eine geflieste Leere mit kaltem Kamin hinterlassen, was eben noch eine gemütliches Heim war, erscheinen jedem Zuschauer vor dem inneren Auge eigener Kontostand und Kreditverträge.

Falsche Entscheidungen, böse Überraschungen

Wie gut verträgt man sich eigentlich mit den Kindern? Wie belastbar sind Freundschaften? Hannas Tochter ist entfremdet, die Freunde waren wohl eher für die durchplauderten Rotweinabende.

Wenn Baxmeyers Heldin die erste Nacht im Regen auf einer Bank an der Innenalster verbringt, ist ein Teufel an die Wand gemalt, an dessen Existenz kein Zweifel besteht: Armut ist eine Welt, von der die meisten nicht viel trennt. Ein paar falsche Entscheidungen, ein paar Zufälle, ein paar böse Überraschungen.

Christiane Hörbiger trägt diesen Film mit österreichisch steifer Oberlippe, „Ich bin kein Invalide. Ich bin kein Pflegefall. Ich kann mir mein Leben nicht aus der Hand nehmen und mich verwalten lassen“, bescheidet sie der Frau vom Nachtasyl trotzig. Wie sie vor dem beklommenen Bankangestellten ihre Empörung über dessen Provisionsgier laut werden lässt, wie sie nächtens auf dem Kinderspielplatz die Augen für einen langen, damenhaften Wimpernschlag schließt, als könne sie beim Öffnen aus einem Alptraum erwachen, ist großes Schauspiel.

Selbstgespräche zwischen Alsterenten

„Ohne Einkommungsbescheinigung krieg' ich keine Wohnung und ohne Wohnung bekomme ich keine Arbeit, also hab' ich auch kein Einkommen“, bricht es vor dem desinteressierten Inhaber eines Reinigungsladens heraus, und das erinnert an einen anderen deutschen Gestrauchelten, den Schuster Wilhelm Voigt, bekannt als „der Hauptmann von Köpenick“.

Dann trinkt Hanna die stille Neige aus einer weggeworfenen Wasserflasche. Es beginnen die Selbstgespräche, sie betrinkt sich ein erstes Mal unter schnatternden Alsterenten. Die Handtaschen mit den Beweisen zu ihrer Person wird ihr gestohlen. Sie ist – für ein paar Minuten – nichts mehr, als sie unter Hamburgs Nachtbrücken umherirrt. Ein Cello streicht auf und ab wie zur Grablegung.

Anschlussprogramm bei Beckmann

Die Familie bauen Baxmeyer und Buchautor Thorsten Näter dann doch zu Hannas Rettungsboot aus. Der Lebensgefährte von Tochter Elke (Margarita Broich) protestiert gegen deren Gefühlskälte, die Enkelin will die totgeglaubte Oma sehen, stemmt resolut die Hände in die Hüften: „Basta!“ Gruselfilm wird zu Standarddrama. Und wieder Cello.

Bei Beckmann geht es gleich danach um den „Absturz in die Schuldenfalle“. 100.000 Privatinsolvenzen pro Jahr in Deutschland, sinkende Renten, drohende Altersarmut. Den Raum im Keller mauert uns so schnell keiner mehr zu.

Von Matthias Halbig

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