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DDR-Epos bringt die Wende

"Weissensee" im TV DDR-Epos bringt die Wende

Es geht um Intrigen, Stasi-Agenten und Dissidenten: Die DDR-Serie "Weissensee" geht ab Dienstagabend in die dritte Runde - mit zwei Folgen pro Abend an drei aufeinander folgenden Tagen. Ein mutiges TV-Experiment, von dessen Quote auch die Produktion der vierten Staffel abhängt.

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Die etwas andere Geschichte: Zögernd steht "Weissensee"-Held Martin Kupfer alias Florian Lukas in der Nacht des 9. November 1989 inmitten jubelnder Menschen auf der Bornholmer Brücke.

Quelle: ARD/RTL

Vielleicht werden sie sich wundern darüber in Cannes. Nächste Woche wird die Filmproduzentin Regina Ziegler auf der Fernsehmesse Mipcom dort die dritte Staffel der DDR-Serie "Weissensee" den internationalen Einkäufern präsentieren. Passend zum Jubiläum der deutschen Einheit. Der große Jubeltag der Deutschen, der 9. November 1989, wird da aber ganz anders erzählt als gewohnt. Leise, ohne jeder Euphorie.

Die Nacht, in der "Wahnsinn!" zum geflügelten Wort wurde, verbringt Serienheld Martin Kupfer (Florian Lukas) auf der Bornholmer Brücke, zweifelnd, zögernd, während um ihn herum die Massen westwärts fluten. Die anderen Männer der Kupfer-Familie, Vater Hans (Uwe Kockisch) und Bruder Falk (Jörg Hartmann), schwitzen in ihre Stasi-Uniformen. Im düsteren Lagezentrum stehen sie wie Militärs, deren letzte Schlacht verloren ist. Tonlos wird verkündet: "Heinrich-Heine-Straße: offen; Invalidenstraße: offen."

Qualität und Quote sind kein Gegensatz

Ziegler aber ist sich sicher: "'Weissensee' wird zum großen Thema in Cannes." Die ersten beiden Staffeln der Saga um die Stasi-Familie Kupfer wurden in 28 Länder verkauft, Ziegler schwärmt heute noch vom "Weissensee"-Event im Museum of Modern Art in New York. Die dritte Staffel, die an diesem Dienstag, Mittwoch und Donnerstag in Doppelfolgen in der ARD läuft, soll an diesen Erfolg anknüpfen. "'Weissensee' ist für mich das Beispiel, dass Qualität und Quote keine Gegensätze sein müssen", lobt Ziegler ihr eigenes Produkt.

Der Wendewinter aus Sicht einer Familie der DDR-Elite und ihres abtrünnigen Sohnes – ein internationaler Erfolg der dritten Staffel von "Weissensee" könnte auch international der Beweis dafür sein, dass es inzwischen konkurrenzfähige deutsche Fernsehserien gibt. Allzu lange fragten sich Serienjunkies und Fernsehkritiker ein ums andere Mal: Warum können die Deutschen nicht so etwas wie "The Wire", "Breaking Bad", "Borgen", "Lilyhammer", "House of Cards", "Homeland", "Orange Is the New Black" – all diese hochgelobten amerikanischen und skandinavischen Formate, für die der englische Begriff "binge watching" erfunden wurde, die Völlerei am Fernsehschirm, drei, vier, sechs Folgen hintereinander in einer Nacht?

Ob das TV-Experiment funktioniert?

Mit "Weissensee" hat die ARD nun die öffentlich-rechtliche Völlerei erfunden: Zwei Folgen an einem Abend, drei Tage hintereinander, so wird die Wende-Staffel in den Markt gedrückt. Produzentin Ziegler ist nicht uneingeschränkt froh über das Experiment: "Es ist nicht sicher, dass es funktioniert. Wir hatten großen Erfolg auf dem Dienstagssendeplatz mit den ersten beiden Staffeln." An einer guten Quote hängt unter anderem die Entscheidung, ob die ARD eine vierte Staffel finanziert, auf die alle im Team schon brennen.

Die aktuelle Staffel endet am 15. Januar 1990, mit dem Sturm auf die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin. Der smarte Karrierist Falk hat da seine Schäfchen schon ins Trockene gebracht. Er kennt schon wieder die richtigen Leute und er weiß, dass Überzeugungen nichts mehr wert sind. "Ich habe nie etwas anderes gelernt, als zu kämpfen", sagt er. "Also kämpfe ich."

Nazi und Stasi international im TV gefragt

Martin hingegen erlebt seine private Vereinigung schon in der Nacht des Mauerfalls, auf dem Futon der Journalistin Katja Wiese (Lisa Wagner) in einem vollgerümpelten Kreuzberger Dachgeschoss. Mit ihr kommt eine Hauptperson mit West-Hintergrund in "Weissensee" an, und zum Glück wird diese tastende, misstrauische Ost-West-Liebe nur ganz selten mit hölzernen Dialogen wie diesem überfrachtet: "Wie konntest du nur leben in diesem Scheißstaat?" – "Ihr Wessis kommt zweimal mit Tages­visum rüber und erzählt uns dann, wie es bei uns war?"

Wie bereits in den ersten beiden Staffeln stehen in "Weissensee" die Ostdeutschen vor der Kamera. Die Westdeutschen, der Schwabe Friedemann Fromm und die Niedersächsin Annette Hess, sind für Regie und Buch zuständig. Dennoch erklärt hier keiner dem anderen, wie es war.

Dass mit "Weissensee" ein historisches Thema zum internationalen Durchbruch deutscher Serien beiträgt, ist natürlich kein Zufall. Auf dem TV-Markt funktionieren mit dem Siegel made in Germany exakt dieselben Themen wie einst bei den Oscars: Nazi und Stasi. Ab 26. November zeigt RTL "Deutschland 83", produziert von Nico Hofmanns Potsdamer Firma Ufa Fiction. Die Hauptrolle spielt der Lübecker Jonas Nay (zuletzt im Lichtenhagen-Film "Wir sind jung. Wir sind stark" zu sehen).

Die Welt will deutsches Fernsehen

Nay mimt den Ost-Soldaten Martin, der im Auftrag Mischa Wolfs als West-Rekrut Moritz in die Bundeswehr eingeschleust wird. Aus seiner graugrünen NVA-Welt wird er in die quietschbunte Westwundertüte katapultiert. Das Besondere an "Deutschland 83" ist nicht nur, dass mit Anna Winger eine US-amerikanische Autorin verantwortlich zeichnet, sondern dass die Serie bereits vor ihrem Start hierzulande in den USA lief. "Faszinierend" und "aufregend" lobte die "New York Times", und der britische "Independent" schrieb: "Auf einmal scheint die ganze Welt deutsches Fernsehen zu wollen."

Darauf hoffen auch Starregisseur Tom Tykwer und die strategische Allianz aus ARD, Sky und der Potsdamer Produktionsfirma X-Filme Creative Pool. Unter dem Titel "Babylon Berlin" verfilmen sie die historischen Krimis von Volker Kutscher aus dem Berlin der Dreißigerjahre. Drehbeginn der ersten Staffel soll im Frühjahr 2016 sein, teilte Produzent Stefan Arndt kürzlich mit, voraussichtlich in den Babelsberger Studios.

Gut genug für den internationalen Markt

Gedreht wird übrigens auf Deutsch – auf ausdrücklichen Wunsch des Bestsellerautors Kutscher, der sich da durchgesetzt hat. Was bedeutet: Deutsches Fernsehen ist inzwischen selbst in synchronisierter oder untertitelter Form gut genug, um auf internationalen Erfolg zu hoffen. Das ist wirklich einmal etwas Neues.

Von Jan Sternberg

"Weissensee", 29. und 30. September, 1. Oktober, jeweils 20.15 Uhr (ARD)

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