Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Fernsehen „Dalli Dalli“ kehrt zurück auf den Bildschirm
Nachrichten Medien Fernsehen „Dalli Dalli“ kehrt zurück auf den Bildschirm
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:41 22.07.2011
Moderator Kai Pflaume mit Schauspielerin Jenny Jürgens und ZDF-Mann Peter Hahne. Quelle: dpa
Anzeige

Wenn es ums Showgeschäft geht, ist oft von „guten, alten Zeiten“ zu hören, von großen Showmastern mit noch größeren Showideen: Kuhlenkampff und Carrell, Thoelke und Torriani – was für Namen, welch ein Klang! Und wie viel Langeweile, betrachtet man sich die Fernsehunterhaltung früherer Jahre heute spaßeshalber mal bei YouTube. Da wurde gehaspelt, geschwiegen, geulkt, gedehnt und ständig improvisiert. Nein, früher war nicht alles besser. Gegen „Kulis“ Gesprächsfetzen wirken Thomas Gottschalks Interviews heute geradezu journalistisch. „Am laufenden Band“ zum Beispiel hätte aus jetziger Sicht ein trödeligeres Partizip verdient. Öffentlich-rechtliches Entertainment in der Fernsehsteinzeit: Im Rückblick erzeugt es – sentimentale Erinnerungen hin oder her – bloß noch ein Gähnen.

Bis auf eine Sendung, bis auf einen Moderator: „Dalli Dalli“ von und mit Hans Rosenthal im ZDF (1971 bis 1986). Der Titel stammt vom polnischen „dalaj“, was so viel wie „Beeilung“ heißt. Und der große Spieltrieb des kleinen Entertainers konterkarierte das betuliche Tempo seiner Epoche nicht nur im Titel. „Dalli Dalli“ war Programm und hat auch deshalb 2011 gleich dreifach Grund zu feiern: 40. Geburtstag, 25. Todestag – und die Wiedergeburt.

Wiedergeburt? Das klingt verdächtig nach Andreas Türcks peinlichem Duplikat vor vier Jahren. Oder nach Björn Hergen Schimpfs schalem Neuaufguss von „Was bin ich?“, dem noch faderen Versuch einer Neuauflage vom „Großen Preis“ mit Marco Schreyl anno 2002 und Guido Cantz als Kurt und Paola Felix in „Verstehen Sie Spaß?“. Nun wird also erneut an einem Denkmal gerüttelt. Im NDR Fernsehen statt im ZDF, mit Kai Pflaume statt Hans Rosenthal, der 1987 starb. Muss das sein? Thomas Schreiber sagt „Ja“. Und lächelt sein siegesgewiss-mildes Grand-Prix-Lächeln, das ihm die Erinnerung an Lena noch immer aufs Gesicht zaubert. „Wir machen das ja als Zeichen des Respekts vor einem Altmeister.“

Pflaume müht sich redlich, seinem Vorgänger im hektischen Lichtgewitter die Treue zu halten, ohne ihn nachzuäffen. Die Liebe zur Kulisse, kindliche Freude, Jan Hofer als Jurychef, selbst die Musik – alles ähnlich und doch so grundlegend anders als in den 153 Ursprungsfolgen. Es gibt natürlich die berühmte Wabenwand hinter der Jury und alliterierende Teamnamen wie „Männer“ gegen „Mattscheibe“. Es gibt „Assoziationsrunden“, in denen die Promi-Kandidaten 15 Sekunden Zeit für Antworten haben („Was sollte man bei einem Rendezvous nie machen?“), und „Aktionsspiele“, wo auch mal Hühnereier aus Hühnerhintern zu fangen sind. Es gibt die „Dalli-Tonleiter“ und natürlich „Dalli-Klick“. Und auch, wenn Rateknöpfe nun „Buzzer“ heißen, gewinnt das Duo Heiner Lauterbach/Uwe Ochsenknecht im Laufe von 60 Minuten fast so viel Spaß an der Sache wie die einstigen Dauergäste Roberto Blanco und Mike Krüger.

Doch es fehlt der Charme des improvisiert Unfertigen, des extrem Reduzierten, des Einfach-mal-Laufenlassens. Und das liegt noch nicht mal daran, dass diesmal Schiedsrichter Ekkehard Fritsch, seine Beisitzerin Brigitte Xander, Assistentin Monica, Schnellzeichner Oscar, die Liveband mit Heinrich Riethmüller am Klavier und all die Polyesterhemden und Helmfrisuren im Publikum fehlen. Der Grund liegt woanders: Nostalgische Gefühle lassen sich eben nicht auf Ansage erzeugen.

Die ARD macht ein großes Geheimnis um die „Dalli Dalli“-Neuauflage. Um die erste von neun abgedrehten Shows vorab zu sehen, muss man persönlich beim NDR in Hamburg vorstellig werden. Ob Kai Pflaume in die Luft springt und per Kameratrick „eingefroren“ wird, wenn das Publikum der Meinung ist, „das war spitze!“ (was Rosenthal erst ab 1976 tat) – dazu bittet Thomas Schreiber um Stillschweigen. Auch die nahe liegende Erklärung für den Sendeplatz im Dritten Programm – dass nämlich das ZDF die Rechte nur freigeben wollte, wenn nicht das ARD-Hauptprogramm die Show ausstrahlt – wird nur hinter vorgehaltener Hand eingeräumt. Und das Ganze sonnabends um 22 Uhr zu versenden – „gerade im Sommer der perfekte Termin“, wie Schreiber beteuert – ist ebenfalls verdächtig. Glaubt man nicht an das Format?

Ebenso rätselhaft bleibt die Besetzung. Kai Pflaume habe wie damals Hans Rosenthal „ehrliches Interesse an Menschen“, sagt Schreiber. Vom Typ her verschieden, von der Mentalität her ähnlich, besäßen beide „große Spiellust, auch an anarchistischen Elementen“. Doch die aalglatte Gefühlsfassade Pflaume mit Rosenthal, dem naturnetten Herrn von nebenan zu vergleichen, grenzt an Selbstbetrug. Denn „Hänschen“ konnte gar nicht anders als empathisch. Kuppelmutter Kai dagegen hat sich die Empathie bis zur Könnerschaft bloß antrainiert. Für leidlich unterhaltsames Familienfernsehen mag das reichen. Für echten Respekt ist das zu wenig.

Jan Freitag

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Fernsehen Harald Schmidt, Linda de Mol und „Stromberg“ - Was PRO7 und SAT.1 für die neue Fernsehsaison planen

„Es ist das siebte Mal, dass ich dabei sein darf, wenn ein neues SAT.1 vorgestellt wird“: Rückkehrer Harald Schmidt, Christoph Maria Herbst alias „Bernd Stromberg“ und Linda de Mol sind die Stars der neuen Fernsehsaison bei den Schwestersendern PRO7 und SAT.1.

Imre Grimm 21.07.2011

Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, das gilt in der Wahlkabine genauso wie mit der Fernbedienung. Und „Emotionen“, ob echt oder gefälscht, sind der Rohstoff, aus dem das Privatfernsehen Quote macht. Bei keinem Sender gilt das Diktat des Gefühls so sehr wie beim Marktführer RTL.

Imre Grimm 20.07.2011

Nur wenige Kilometer liegen zwischen ihren beiden Revieren, dem Polizeikommissariat 25 und dem ARD-„Großstadtrevier“. Doch manchmal trennen diese beiden Reviere im Hamburger Stadtteil Bahrenfeld Welten.

20.07.2011
Anzeige