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Darum jubelt der Nachbar bei der EM schneller

Unterschiedliches Übertragungstempo Darum jubelt der Nachbar bei der EM schneller

Live ist nicht live. Je nach Bildquelle und Technik kommen die EM-Bilder unterschiedlich schnell in den Wohnzimmern und auf den Terrassen an. Welche Technik ist am schnellsten? Und wo jubelt man eine gefühlte halbe Ewigkeit hinterher?

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Internetkunden warten bis zu einer Minute auf EM-"Livebilder"

Quelle: dpa

Hannover. Ein langer Pass aus dem Mittelfeld nach links auf Mesut Özil – der läuft nach vorn, umkurvt einen ukrainischen Verteidiger und zieht in Richtung Strafraum, wo ... „– TOR!!“, jubeln die Nachbarn.

Tor? Wie, wo, was? „TOR!!“, jubeln auch wir. Bastian Schweinsteiger hat den Ball per Dropkick im ukrainischen Tor versenkt. 2:0 für Deutschland. Abpfiff. Sechs Sekunden später.

Die Folge: Bizarre Jubelechos

Das Jubeln der anderen. Es ist – neben dem EM-Song von Mark Forster und vielem, was Steffen Simon so sagt – eines der merkwürdigen akustischen Phänomene dieses und anderer Turniere: Live ist nicht live. Je nach Bildquelle und Technik kommen die EM-Bilder unterschiedlich schnell in den Wohnzimmern und auf den Terrassen an.

Die Gesetze der Physik sorgen dafür, dass Fernsehen per Satellit, terrestrischer Antenne, Kabel, Handynetz oder Internet um mehrere Sekunden zeitversetzt bei der Kundschaft landet. Die Folge dieser Latenz sind bizarre Jubelechos in menschenleeren Straßen.

Das kann unschöne Folgen haben: Smartphone-Apps melden Tore Sekunden früher, bevor sie im Fernsehen zu sehen sind. Beim Elfmeter summt das Handy schon, wenn der Schütze noch anläuft. Und wenn Cristiano Ronaldo in der letzten Spielsekunde zum Freistoß gegen Island noch in seiner ziemlich albernen Westernheldenpose herumsteht, verrät ein vielstimmiges „Oooooh!“ aus der Nachbarschaft schon, dass er den Ball in die Mauer semmeln wird.

Tempohierarchie im Raum Hannover

Das Fachmagazin „c’t“ hat für seine aktuelle Ausgabe das Übertragungstempo im Raum Hannover getestet. Dabei ergab sich folgende Tempohierarchie, die in etwa auch im übrigen Land gelten dürfte:

  • Satellitenkunden jubeln zuerst, – ob mit herkömmlichem SD-Bild oder in HD.
  • Nach zwei Sekunden folgen diejenigen, die eine terrestrische Antenne verwenden (DVB-T). Der neue Standard DVB-T2 bringt etwa eine Sekunde Zeitgewinn.
  • Sechs Sekunden nach den Satellitenzuschauern erhalten die Kabelkunden die 
Bilder.
  • Zuletzt folgen die IP-TV-Nutzer. Besitzer einer Entertain-Box der Telekom haben im wahrsten Sinne des Wortes das Nachsehen – sie jubeln bis zu 15 Sekunden später als Satellitenzuschauer. Bei entscheidenden Szenen ist das eine halbe Ewigkeit.
  • Noch länger brauchen die Livestreams der Sender in den Mediatheken, im Netz oder bei „Live“-TV-Anbietern wie Zattoo, Couchfunk oder Magine – hier kann die Verzögerung bis zu 56 Sekunden betragen. Ehe da auf dem Handy der Schlusspfiff ertönt, hat der Zeugwart schon fast die Trikots in der Waschmaschine.
  • Wer tatsächlich in Echtzeit am Ball sein will, muss auf ein Medium zurückgreifen, das immer mal unter Anachronismusverdacht steht: das gute, alte, analoge UKW-Radio. 

Seit es Satellitenfernsehen gibt, ist Live-TV praktisch nie Echtzeitfernsehen. Die Bilder, die 46 Kameras der Uefa und zehn Kameras des ZDF heute Abend beim Spiel Deutschland gegen Polen einfangen werden, schießen von den Übertragungswagen am Stadion 36.000 Kilometer in den Orbit – und wieder zurück. Das dauerte im Analogzeitalter nur Sekundenbruchteile.

Massenphänomen seit 2010

Anders liegt der Fall nach der Digitalisierung. Das Signal wird in einem komplexen Rechenvorgang für den globalen Transport codiert und dann verschickt – per Kabel (DVB-C), terrestrisch per Antenne (DVB-T), per Satellit (DVB-S) oder per Internetfernsehen (IP-TV). Zu Hause wird „die EM“ dann vom privaten Empfangsgerät wieder entschlüsselt. Das dauert, je nach Technik, unterschiedlich lange.

Seit der WM 2010 ist die Jubellücke bei großen Turnieren ein Massenphänomen. Damals rüstete das Publikum millionenfach auf HD-Fernseher um. Seither nimmt auch die Zahl von Set-Top-Boxen zu, die ihr Signal per Internet erhalten.

Grundsätzlich gilt die Faustformel: Erstjubler gucken per Satellit, Spätjubler gucken per Internet. Eine vorsätzliche Zeitverzögerung hat die Uefa übrigens nicht eingebaut. Mit einem solchen „Broadcast Delay“ zur Verhinderung unfeiner Sittenpannen wie dem „Nipple-gate“ beim Super Bowl 2004 würde sich der Fußballverband als monopolistischer Bilderlieferant in Zeiten von Social-Media-Feeds auch eher lächerlich machen.

Und wer jubelt nun als Erstes? Das ist nicht pauschal zu beantworten. Selbst bei baugleichen Geräten und identischer Empfangstechnik kann der „digital gap“ („digitale Spalt“) unterschiedlich breit ausfallen. Die Bilder passieren unterwegs viele Stationen mit diversen potenziellen „Bremsen“ (Kabelqualität, Internettraffic, TV-Rechenleistung, Set-Top-Box). Sie werden vielfach komprimiert, umgewandelt, neu berechnet.

von Imre Grimm

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