Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
Das Hitlisten-Desaster

Betrug bei Ranking-Shows Das Hitlisten-Desaster

Immer mehr Sender müssen Tricksereien bei Rankingshows eingestehen. Einstellen will die Sendungen allerdings dennoch keiner.

Voriger Artikel
Fürs Textlernen gibt’s kein Geld
Nächster Artikel
Müdes Finale bei „Got To Dance“

Johannes B. Kerner moderierte die Show „Deutschlands Beste!“ im ZDF. Auch hier wurden heimlich die Platzierungen getauscht.

Quelle: dpa

Hannover. Um zum „beliebtesten Sportler“ des Nordens gewählt zu werden, braucht es nicht viel. Man muss weder besonders schnell laufen oder weit springen können. Es reichen 214 Klicks auf der Homepage des Norddeutschen Rundfunks (NDR), wie der Medienexperte Stefan Niggemeier in akribischer Kleinarbeit dokumentierte. In einigen Fällen reichte allerdings nicht einmal das. Denn bei Deutschlands beliebten Rankingshows wurde betrogen, gemauschelt und getrickst.

Nachdem erst das ZDF kleinlaut zugeben musste, die Abstimmung zu „Deutschlands Beste!“ verfälscht zu haben, gestand in der vergangenen Woche auch der NDR ein, dass es bei acht von 56 Erstausstrahlungen vergleichbarer Rankingshows zu „Unregelmäßigkeiten“ gekommen war. So war 2011 noch Humorist Loriot zum „bedeutendsten Norddeutschen“ gewählt worden. 2012, als die Sendung dann in der Langfassung ausgestrahlt wurde, stand plötzlich die verstorbene Kanzlergattin Loki Schmidt auf Platz eins. Die Begründung klingt fadenscheinig: Offenbar hatte der Sender keine Rechte mehr, die entsprechenden Loriot-Ausschnitte zu zeigen. Auch wenn der Zuschauer die Mauschelei zunächst gar nicht bemerkte: So etwas nennt man Betrug. Auch die Betreiber des Rhododendrenparks im Ammerland wunderten sich offenbar zunächst nicht, dass sie in der Sendung „Die schönsten Gärten und Parks des Nordens“ hinter dem Hamburger Stadtpark landeten. Grund für die Trickserei: Die Hamburger lieferten einfach die schöneren Bilder. Hätte man das im Ammerland gewusst, vielleicht hätte man noch schnell einen Fotografen engagiert.

Aber so ist das mitunter beim Fernsehen, das zur Fälschung geradezu einlädt und wo die Verzerrung der Realität teilweise zum Prinzip erhoben wird. Die wahren Meister darin sind die Privaten. „Scripted Reality“ nennt man das dann. Die Sendungen heißen „Frauentausch“, „Mieten, kaufen, wohnen“ oder „Familien im Brennpunkt“. Das Privatfernsehen macht schon lange keinen Hehl mehr daraus, dass die angebliche Authentizität in der Regel nur eine vorgegaukelte ist.

Öffentlich-rechtliches Fernsehen dagegen soll einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen, bilden, informieren - und auch unterhalten. Die Manipulation der Rankingshows durch die öffentlich-rechtlichen Sender - zuletzt mussten im Stundentakt Hessischer Rundfunk (HR), Westdeutscher Rundfunk und der Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb) eingestehen, ebenfalls nicht ganz ehrlich bei vergleichbaren Sendungen gewesen zu sein - ist ein Verstoß gegen diese Prinzipien. Auch wenn die Eingriffe teils minimal waren - so sind sie nicht akzeptabel. Dementsprechend kleinlaut klingen derzeit die Entschuldigungen der Programmverantwortlichen. NDR-Intendant Lutz Marmor kündigte an, Leitlinien zu entwickeln, wie künftig mit Onlinevotings umzugehen sei. Auch arbeitsrechtliche Konsequenzen würden geprüft.

Bereits am 22. August strahlt der NDR „Die größten Design-Sünden“ aus. Die Sendungen absetzen will also offenbar niemand. Schließlich ist kaum eine Produktion derart kostengünstig. Fast alle betroffenen Sendungen waren Zusammenschnitte aus Archivmaterial. Schnell produzierte Lückenfüller, angepriesen als Superlative der Fernsehunterhaltung. Titel wie „Deutschlands Beste!“ (ZDF) oder „Geniale Verbindungen - Hessens spannendste Brücken“ (HR) suggerieren, dass es hier um richtig was geht. Dass wenige Klicks reichen, um einen Kandidaten ganz oben auf dem Siegertreppchen zu platzieren, wurde erst jetzt öffentlich.

HR-Intendant Helmut Reitze bedauerte die Vorfälle. Allerdings, so sagte er wie zur Selbstverteidigung, habe man nicht mit Meinungsforschungsinstituten zusammengearbeitet und damit keinen Anspruch auf Repräsentativität erhoben. Das stimmt nur so halb. Aber „Hessens spannende Brücken“ klingt eben auch nicht so gut.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Fernsehen
HAZ-Volontäre gewinnen Medienpreis der Architektenkammer

Mit ihrer multimedialen Berichterstattung über die Wasserstadt Limmer haben die Volontäre der HAZ beim Medienpreis der Bundesarchitektenkammer den ersten Platz belegt.

Datenschutz im Netz: Diese Begriffe sollten Sie kennen